Der Name ist noch immer von unwiderstehlicher Anziehungskraft. Bei keiner Werkschau in der 161-jährigen Geschichte des ehrwürdigen Victoria & Albert Museums waren die Ausstellungsmacher im Londoner Nobelviertel South Kensington ihre Eintrittskarten derartig schnell losgeworden: 67.000 Menschen buchten noch vor dem Eröffnungstag im März ihr Billett. Ein Millionengeschäft. Nach sieben ausverkauften Monaten an der Themse geht die Multimediashow über David Bowie jetzt auf mehrjährige Tournee rund um die Welt. Laut Informationen der Berliner Morgenpost erwägt der Martin-Gropius-Bau in Kreuzberg, das rockende Großereignis nach Berlin zu holen.
„Das Thema liegt bei uns, wir beraten“, sagt eine Sprecherin des Hauses. Der mächtige deutsche Veranstalter Semmel Concerts hatte sich ebenfalls um die Werkschau mit dem Titel „David Bowie is“ bemüht. In deren Treptower „Arena“ hatte das Unternehmen jüngst eine Tutanchamun-Ausstellung gezeigt, die auch die Art Gallery of Ontario im kanadischen Toronto gastiert hatte. Dort wird „David Bowie is“ ab Sonntag präsentiert. Doch die Macher in London lehnten ab. Laut Semmel Concerts sei man eher daran interessiert, in etablierten Museen auszustellen.
Interesse an Berlin
„Die Etappe in Berlin drängt sich geradezu auf“, sagt eine Sprecherin des Victoria & Albert Museums (V&A). „Wir hoffen sehr, dass ‚David Bowie is‘ dort zustande kommt.“ Denn Berlin hat den heute 66-jährigen Musiker und Schauspieler sicherlich mehr geprägt als Sao Paolo oder das niederländische Groningen, beides weitere Stationen der Show.
1976 war die geteilte Stadt für ihn rettender Zufluchtsort. Schon in der Rolle des „Ziggy Stardust“ hatte er sich Anfang des Jahrzehnts mit vollem Körpereinsatz dem Rock’n-Roll-Lifestyle hingegeben. Mitte der 70er lebte er in den USA dann von Milch und Kokain. Freunde schätzten sein Körpergewicht auf 50 Kilo. Nach einigen Beinahe-Tot-Erlebnissen erkannte er dann aber doch, dass es Zeit war für eine Stadt weit weg von der britisch-amerikanischen Musik- und Partyhölle. Zeit für West-Berlin.
Die meisten Touristenführer bringen auf ihren täglichen Touren durch die Innenstadt noch immer lautstark viele Orte nahe des Martin-Gropius-Baus mit Bowies Namen in Verbindung. Seine Schöneberger Wohnung an der Hauptstraße. Den Dschungel an Winterfeldtplatz und Nürnberger Straße. Das Hansa-Studio, in dem er „Heroes“ aufnahm. „Ich musste den Zug vom Potsdamer Platz nehmen, ich wusste gar nicht, dass das geht“, singt der inzwischen in New York lebende Musiker auf seiner Comeback-Single „Where are we now?“ aus dem Januar 2013 über eine (vielleicht nur erdichtete) Rückkehr in seine einstige Heimatstadt, die er noch mit Mauer kannte.
„Talent für Timing“
Dass er kurz vor Beginn der Londoner Ausstellung nach immerhin zehn Jahren ein neues Album veröffentlichen würde, überraschte selbst die Macher von „David Bowie is“. „Er hat ein unheimliches, fast übernatürliches Talent für Timing“, gab Victoria Broackes zu Protokoll, die mit Geoffrey Marsh die Schau kuratierte.
Dabei erhielt sie Zugang zum New Yorker Archiv des Musikers mit 75.000 Objekten. Dem Anspruch des V&A angemessen, das sich als „führendes Museum für Kunst und Design“ bezeichnet, wurde die Retrospektive mehr als ein buntes Kuriositätenkabinett für besessene Bowie-Auskenner. Den Begriff „Ausstellung“ ersetzten Macher und Berichterstatter gern durch „Erlebnis“.
Und was da jetzt auf Welttournee geschickt wird, ist tatsächlich Meter für Meter, Vitrine für Vitrine ein faszinierendes Spektakel. Allein die Kostüme der frühen 70er-Jahre sind einen Tagesbesuch wert. Bowie stellte sich mit einer Art Feder-Korsett ans Mikrofon, trug hochhackige Schuhe, die sowohl in einem Kung-Fu-Film als auch in Damenboutiquen ihren verdienten Platz gefunden hätten. Livekünstler Bowie sammelte Modestile aller Kulturen, um sie auf die Bühne und ins Bewusstsein seiner Anhänger zu bringen, die bis dahin das lebhafte Haareschütteln in Jeans und Lederjacke für die Krönung jugendlicher Ausdrucksmöglichkeit gehalten hatten. Mitglieder der Bands Duran Duran und Spandau Ballett schritten bei der Eröffnungsgala im März ehrfürchtig an Objekten und Projektionen vorbei, möglicherweise stille Danksagungen an den Mann murmelnd, von dem sie den extravaganten Umgang mit Mode, Musik und Make-Up erst gelernt hatten.
Experimente im Studio
Begleitet von einem Kopfhörer-Soundtrack, der je nach Ausstellungsobjekt das passende Stück spielt, erwarten die Besucher in der Schau alternative Plattencover, Handschriften von Songtexten wie „Rebel Rebel“ und ein fast antiker kleiner Synthesizer, der nie tat, was man ihm befahl, weshalb ihn Bowie bei seinen experimentellen „Heroes“-Aufnahmen in Berlin besonders lieb gewann.
Derzeit wird an Übersetzungen der begleitenden Texte zu den rund 300 gezeigten Objekten gearbeitet, heißt es aus London. Neben den genannten Städten sind Chicago und Paris bestätigt. Bisheriges Tour-Ende ist im März 2016. 2015 indes sind bislang sieben Monate noch nicht offiziell verplant. Mehr als genug für einen Stopp in Berlin.
Bis hin zur Höhe des zentralen Ausstellungsraums, der den Besuchern den Eindruck eines Livekonzerts liefert, gibt das V&A die Gestalt der Ausstellung vor. Die Summe, die die Gastgeberstädte an das staatlich finanzierte Museum nach London zu überweisen haben, richtet sich unter anderem nach dem Versicherungsaufwand für die Stücke.
312.000 Besucher hatten sich „David Bowie is“ angesehen, eine Zahl, die in der Geschichte des Hauses nur einmal übertroffen wurde. Ein Erwachsenen-Ticket kostete rund 17 Euro. In Berlin weiß man, dass große Namen große Erfolge bringen, ebenso einen Zustrom von Touristen. Sie machten etwa bei den Gast-Spielen von MoMA (2004) und Metropolitan Museum of Art (2007) zwei Drittel beziehungsweise die Hälfte der Besucher aus. Sollte es dennoch nicht zu einem Gastspiel von „David Bowie is“ kommen, bleibt den Berliner Fans ein kleiner Trost: Ins holländische Groningen sind es nur rund fünf Autostunden.



