Clubszene

Wie der „Dschungel“ zum West-Berliner Mythos wurde

David Bowie hat dem „Dschungel“ gerade ein musikalisches Denkmal gesetzt. Kein anderer Club steht so sehr für das West-Berlin der 80er-Jahre.Vor 20 Jahren machte er dicht. Auf den Spuren eines Mythos.

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Das wilde Nachtleben der Hauptstadt, es ist legendär: Heute zum Beispiel kommen Leute aus aller Welt nach Berlin und vergnügen sich im sagenumwobenen „Berghain“, einem Club mit rigider Einlasspolitik in der Nähe des Ostbahnhofs.

In den späten 70ern und vor allem in den 80er-Jahren galt eine Diskothek in der Nähe vom Bahnhof Zoo als Berlins angesagtester Nachtclub: der „Dschungel“. Wie heute im „Berghain“ gab es auch dort Gesichtskontrolle und Fotografierverbot. Vor 20 Jahren, am 31. Mai 1993, machte der Club zu.

Bowie setzt dem Dschungel ein musikalisches Denkmal

Die einstige Disco in Schöneberg gehört zu den wenigen Szene-Lokalen, denen künstlerische Denkmäler gesetzt wurden, zuletzt mit einem Song des britischen Rock-Stars David Bowie. „Sitting in the „Dschungel“, on Nurnberger Strasse“, singt der 66-Jährige wehmütig im Lied „Where Are We Now?“ seines aktuellen Albums „The Next Day“.

Den Gemütszustand von damals hält Bowie, der Ende der 70er unweit wohnte (Hauptstraße 155), auch geografisch fest: „A man lost in time, near KaDeWe“.

Das KaDeWe, das Kaufhaus des Westens, es liegt noch immer um die Ecke. Doch da, wo der Club einst die Amüsierwilligen aus aller Welt angezogen hatte, existiert nun ein Einrichtungsgeschäft.

Ehemalige Club-Betreiber in alle Welt zerstreut

Die einstigen Club-Inhaber, ein Kollektiv um Chefin Todora Osikowski, sind in alle Winde verstreut. Sie erinnern sich gern, wenn sie auf die „Dschungel“-Zeit angesprochen werden. Walter Schörling (64) zum Beispiel, einst Barmann auf der Empore, wo die Promis gerne saßen, hat Bowie sehr freundlich erlebt.

„Auf ein ‚Hi David‘ kam ein ‚Hi Walt‘ zurück. Manchmal haben wir ein bisschen privat geklönt. Alle denken immer, da muss dann Wahnsinniges passiert sein, aber der ist einfach mit Iggy, also Iggy Pop, gekommen, und dann haben die beiden da gesessen, getrunken und sich amüsiert“, sagt er.

Heute beherbergt das riesige Gebäude, in dem der „Dschungel“ in einem früheren China-Restaurant residierte, neben dem Einrichtungsgeschäft auch ein Hotel. In dessen Werbebroschüre heißt es: „Mit dem New Wave Ende der 70er-Jahre wurde der stylisch-schicke ‚Dschungel‘ zur Szene-Diskothek schlechthin, einer Art Berliner Pendant zu New Yorks ‚Studio 54‘ (an der Nürnberger Straße 53!). Wer einmal drinnen war, gehörte dazu und konnte mit etwas Glück Rio Reiser als DJ oder den zeitweiligen Berliner Nick Cave am Nachbartisch erleben. Frank Zappa, Mick Jagger oder David Bowie ließen nach ihren Konzerten wilde Feten steigen, Prince und Boy George verbrachten hier ihre Berliner Nächte.“

„Mal sehen was im Dschungel läuft“ sang schon Annette Humpe

Schörling, der den „Dschungel“ als „Edel-Sub“ bezeichnet, sagt: „Wir waren damals der Dreh- und Angelpunkt des Nachtlebens.“ Zwischen 0 Uhr und 4 Uhr habe der Bär gesteppt. Sonntag und Montag waren die Tage für Stammgäste – da sei es richtig voll gewesen. Dienstag war Ruhetag.

Im Hit „Berlin“ von Ideal sang Annette Humpe 1980: „Mal sehen, was im ‚Dschungel‘ läuft. Die Musik ist heiß, das Neonlicht strahlt, irgendjemand hat mir'n Gin bezahlt. Die Tanzfläche kocht, hier trifft sich die Scene. Ich fühl mich gut, ich steh auf Berlin!“

Ex-Barkeeper Schörling, der 2010 nach 40 Jahren Berlin wieder in seine alte Heimat Bremen gezogen ist, sagte, im Nachhinein klinge alles aufregender als es war. „Es gab da kein Brimborium, wenn uns Prominente besuchten. Wir haben auch nicht gleich eine Kamera gezückt, sondern eher dafür gesorgt, dass sich die Gäste unbehelligt amüsieren konnten. Heute würden wahrscheinlich auch die Stars immer nur mit ihren Handys spielen und andere Gäste würden versuchen, heimlich Aufnahmen von ihnen zu machen. Aber Gottseidank gab es das damals noch nicht. Es war irgendwie noch alles pur.“

Die Szene ist zersplittert

Das Berlin von heute, in dem viele TV- und Polit-Promis glauben, sich in Restaurants wie dem „Borchardt“ oder dem „Grill Royal“ in Mitte zeigen zu müssen, habe zwar einen gewaltigen Sprung nach vorne gemacht, meinte Schörling, doch die Szene heute splitte sich sehr nach ihren speziellen Bedürfnissen auf. Oft seien nur noch schnelle Drinks und schneller Sex gefragt. Der „Dschungel“ dagegen sei noch eine Art Forum für alle Nachtschwärmer gewesen. Aber nur bis 4 Uhr, dann musste jeder sehen, wo er den letzten Absacker nahm.