„Warum müssen wir denn jetzt aussteigen?“, fragt das kleine Mädchen mit dem blonden Pferdeschwanz. Die Mutter schüttelt entnervt den Kopf. „Keine Ahnung“, sagt sie und setzt nach: „Weil die alle blöd sind.“

Seit Montag geht das vielen Fahrgästen der U-Bahn-Linie U6 so. An die Sperrung zwischen den Bahnhöfen Französische Straße und Friedrichstraße hatten sie sich längst gewöhnt. Doch nun herrscht der verschärfte Ausnahmezustand. Zwischen den Stationen Hallesches Tor und Französische Straße im Süden sowie zwischen Friedrichstraße und Schwartzkopffstraße im Norden fahren seit dem Wochenbeginn nur noch Pendelzüge. Und das wird in den kommenden zwei Monaten so bleiben.

Für Zehntausende Fahrgäste heißt das: Sie müssen mehrfach umsteigen, viel Geduld haben und dürfen keine Angst vor Körperkontakt haben. Denn auf dem Pendelgleis ist nur ein Zwölf-Minuten-Takt möglich. Nördlich und südlich der Baustelle fahren die Züge aber wie gewohnt alle sechs Minuten. Es braucht kein Mathematikstudium, um auszurechnen, dass sich die Fahrgäste zweier schon gut besetzter Züge notgedrungen in einen Pendelzug quetschen müssen. Vor allem im morgendlichen Berufsverkehr sorgt das für Ärger.

Dass die Kunden nicht gerade begeistert sind, dafür haben die Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) Verständnis. „Es gibt aber zumindest ein bisschen Trost“, sagt BVG-Sprecherin Petra Reetz. „Denn das ist nun wirklich die letzte Etappe der Dauerbaustelle an der U6.“ Am Morgen des 17. November soll die Linie erstmals wieder durchgehend von Alt-Tegel nach Alt-Mariendorf fahren.

Seit dem Sommer 2012 ist die wichtige Nord-Süd-Strecke in der Innenstadt unterbrochen. Um den künftigen Umsteigebahnhof „Unter den Linden“ vorzubereiten, an dem die U6 sich mit der verlängerten Linie U5 kreuzen soll, musste der U6-Tunnel abgerissen und neu gebaut werden. An den zwischenzeitlichen Endstationen Friedrichstraße und Französische Straße musste die BVG Weichensysteme und Steuerungsanlagen neu bauen, um die Züge wenden zu können. Zahllose Kabel wurden verlegt, und die gesamte Technik für die Bauphase muss nun wieder entfernt werden, damit der Zugverkehr wieder planmäßig rollen kann.

S-Bahn-Tunnel wird gesperrt

Die gute Nachricht lautet, so BVG-Sprecherin Reetz: „Alle Arbeiten liegen voll im Zeitplan.“ Eine Terminverschiebung wäre fatal für den Nahverkehr in der Innenstadt. Denn der Nord-Süd-Tunnel der S-Bahn-Linien S1, S2 und S25 wird am 22. November gesperrt. Zwischen Nordbahnhof und Anhalter Bahnhof erneuert die Bahntochter DB Netz bis zum 8. Dezember die Gleise. Viele Fahrgäste werden dann auf die U6 umsteigen.

Bis zum 17. November müssen die U-Bahn-Nutzer aber weiter pendeln. Die BVG tut einiges, um ihre Kunden zumindest über die neuerlichen Einschränkungen zu informieren. Ansagen in Deutsch und Englisch rasseln aus den Lautsprechern in den Zügen und auf den Stationen. Uniformierte sorgen dafür, dass an den Umsteigebahnhöfen auch der letzte Fahrgast den Zug verlässt.

Trotzdem stehen am Montagmorgen Tausende Berliner und zahllose Touristen verwirrt auf den Bahnhöfen und wissen nicht recht, wie es nun weitergeht. Und längst nicht überall macht die BVG es ihren Kunden leicht, die neue Verkehrsführung zu verstehen. So weisen zwar auch am U-Bahnhof Tempelhof – wie überall an der U6 – Laufbänder auf den Anzeigetafeln auf den Pendelverkehr hin. Weiter heißt es dort, man möge die „Aushänge und Ansagen beachten“. Aushänge gibt es einige. Sie informieren über die Sperrung der Linie U8 zwischen Boddinstraße und Hermannstraße, über Kunstprojekte im Untergrund – und über die Vollsperrung der U6 zwischen Friedrichstraße und Französische Straße. Hinweise auf den Pendelverkehr sucht man vergebens.