Baustaub wabert durch den U-Bahnhof Leinestraße. Presslufthämmer dröhnen, Spritzbeton klatscht aus dicken Schläuchen gegen die Wände. Die Treppe am Nordende des Bahnsteigs ist eine Ruine aus zertrümmerten Backsteinen. Unter der Decke ragen rostige Stahlstangen aus bröckeligem Beton. Seit einem Monat wird in der Station an der Linie U8 gearbeitet. Tausende Fahrgäste müssen mit der Streckensperrung leben, auf Busse umsteigen oder die Baustelle mit anderen Verkehrsmitteln umfahren.
Am Donnerstag stehen BVG-Vorstandsvorsitzende Sigrid Nikutta und Werner Faber, Geschäftsführer der Landesgruppe Ost des Verbandes Deutscher Verkehrsunternehmen (VDV) inmitten des Baustellen-Chaos. Im Neuköllner Untergrund wollen sie beispielhaft zeigen, vor welchen Herausforderungen die Verkehrsunternehmen beim Erhalt ihrer Infrastruktur stehen. Bundesweit gebe es bei der Nahverkehrs-Infrastruktur aktuell einen Sanierungsstau von drei Milliarden Euro, rechnet Faber vor und fordert statt Kürzungen eine Erhöhung der Bundeszuschüsse für diesen Bereich. Laut BVG-Chefin Nikutta brauchen allein die landeseigenen Verkehrsbetriebe bis 2020 jährlich 360 Millionen Euro, um den Verfall zu stoppen und die Infrastruktur für die Zukunft zu erhalten. Tatsächlich stehen der BVG dafür derzeit nur etwa 260 Millionen Euro pro Jahr zur Verfügung. Und neben dem ohnehin größeren Finanzbedarf treten selbst bei langfristig geplanten Arbeiten ungeahnte Überraschungen zu Tage, die die Kosten zusätzlich in die Höhe treiben.
Massive Schäden am Tunnel
Das Beispiel Leinestraße ist gut gewählt. Eigentlich waren für die Sanierung des U-Bahnhofs fünf Millionen Euro eingeplant. Dann jedoch entdeckten die Bauexperten immer mehr massive Schäden an der Deckenkonstruktion. Der Tunnel, so ihr Urteil, ist an einigen Stellen auf Dauer nicht mehr standfest genug, um den Verkehr, der ein paar Meter oberhalb über die Hermannstraße rollt, zu tragen. Nun kostet die Sanierung 7,5 Millionen Euro und dauert noch acht Monate.
Seit dem Jahr 2000 sanieren die Berliner Verkehrsbetriebe systematisch ihre Tunnel und Viadukte, Bahnhöfe und Gleise. Eine Mammutaufgabe, die in dem mehr als 140 Kilometer langen U-Bahn-Netz niemals enden wird. Manche Anlagen sind mehr als 100 Jahre als und wurden – wie der 1929 eröffnete Bahnhof Leinestraße – noch nie grundlegend saniert. Vielerorts dringt Wasser ein, lässt Beton bröseln und Stahl verrosten.
Außenabdichtung ist lästig, aber nötig
800 Millionen Euro stehen deshalb allein für die Tunnel- und Viaduktsanierung in den Jahren 2000 bis 2020 bereit. 550 Millionen Euro davon hat die BVG bereits verbaut. An 53 der insgesamt 80 Kilometer Vorkriegstunnel und Viaduktstrecken wurde schon gearbeitet. Seit Jahren sorgt die Außenabdichtung der U-Bahn-Röhren auch für Verkehrseinschränkungen an der Oberfläche, wie derzeit auf der Bismarckstraße.
„Solche unpopulären Maßnahmen sind leider immer wieder nötig“, sagt U-Bahn-Bauchef Uwe Kutscher. „Nichts hält ewig, und wir müssen da ran, um die Qualität des Nahverkehrs nachhaltig zu sichern.“ Zum Glück sei die Substanz der Berliner U-Bahnbauten insgesamt so gut, dass sich die Sanierung überhaupt lohne. „Im Lehrbuch steht: Ein Tunnel hält 100 Jahre“, so Kutscher. Er liefert sich ein Wettrennen: Verfall gegen Sanierung. Und ohne zusätzliches Geld, ist Kutscher überzeugt, würde die BVG schnell wieder in Rückstand geraten.





