Die Kassler Schnecke schluckt alles. Die Kugeln, die den Drogendealer im Park treffen. Die Kugeln, die den Einbrecher im Keller an der Flucht hindern. Neun Millimeter, Tombakmunition, Kupfer-Messing-Legierung, emissionsarm. Landet alles im großen Trichter der Kassler Schnecke. Der ist auch besonders emissionsarm. Aber dazu später mehr.

Es riecht noch nach Farbe an diesem Freitagmorgen, die Wände in Berlins modernster Schießanlage sind strahlend weiß gestrichen. Ein Schrillen ertönt, als die Tür geöffnet wird. Ein Warnsignal, es darf in dem lang gestreckten Raum nicht geschossen werden, wenn die Tür offensteht.

Andreas Appel, 52, ist Leiter des Einsatztrainings bei der Berliner Polizei in Moabit. 1700 Beamte der Direktion 3, zuständig für Wedding, Mitte und Tiergarten, müssen regelmäßig bei Appel und seinen 16 Kollegen vorbeischauen.

Gefahr durch abprallende Querschläger ausgeschlossen

Zwei Jahre lang war der Keller unter dem Direktionsgebäude an der Kruppstraße Baustelle. Seit dieser Woche erst herrscht Betrieb. „Das ist jetzt der neueste Stand der Technik“, sagt Appel. Die moderne Technik ist zunächst vor allem zu spüren. Der graublaue Boden gibt bei jedem Schritt leicht nach. Und es zieht fürchterlich. „Die Lüftung ist traumhaft“, schwärmt Andreas Appel.

Früher sei ein Schießstand schon nach wenigen Übungen voll gewesen mit stinkendem Qualm. Alles im Raum ist nun darauf ausgelegt, den künstlichen Luftzug nicht zu behindern. Deshalb müssen auch die Stellwände luftdurchlässig sein, die zum Schutz vor den heißen Patronenhülsen zwischen den Schützen platziert werden.

Und nicht nur der Boden, auch Wände und Decken seien im Schießkeller gummiartig, sagt Appel. Mit Hohlwänden hinter der Außenhaut. „Falls eine Kugel danebengeht, bleibt sie stecken.“ Gefahren durch abprallende Querschläger seien so ausgeschlossen.

Krebserregendes Material in Berliner Schießständen

Schon diese Ausstattung ist für die Berliner Polizei nicht selbstverständlich. Gerade mussten elf ihrer 19 Schießstände für Training mit scharfer Munition geschlossen werden, weil sie die Gesundheit der Polizisten gefährden.

Bei einer Wartung wurde festgestellt, dass sich durch den Schalldruck beim Schießen Mineralfasern der Wände lösen. KMF heißt das Material. Krebserregend. Es gebe deshalb einen Engpass, räumt ein Sprecher der Polizei ein. Der Trainingsstand der Kollegen werde natürlich aufrechterhalten. Es müsse einfach mehr organisiert werden, um die vorhandenen Anlagen optimal zu nutzen.

Die Gewerkschaften sind besorgt. Die Infrastruktur der Polizei sei kaputtgespart worden, sagt Michael Purper von der Gewerkschaft der Polizei. Werde nicht bald investiert, sei die innere Sicherheit der Stadt bedroht. Denn alle 16.000 Polizeivollzugsbeamten müssen regelmäßig den Umgang mit der Waffe üben, manche einmal im Jahr, andere, wie Streifenpolizisten, drei Mal. Doch Schießstände wie an der Kruppstraße sind teuer: zwei Millionen Euro.

Bei modernem Training werden auch Situationen durchgespielt

In den nächsten Haushaltsjahren seien weitere Neubauten nicht geplant, nur Sanierungen, heißt es bei der Innenverwaltung. Doch die alten Anlagen einfach ein bisschen zu renovieren, sei langfristig nicht sinnvoll, sagen Fachleute. Denn die alten Stände seien darauf ausgelegt, dass die Beamten in einer Reihe stehen und auf Zielscheiben schießen. Modernes Training sieht anders aus. In den neueren Anlagen wird nicht nur geschossen. Es werden Situationen durchgespielt.

Der Mann mit dem schwarzen Kapuzenpullover hat eine Pistole in der Hand. Die Polizisten haben ihn in einem begrünten Hinterhof entdeckt. Zusammen mit einem kleinen Mann in roter Jacke. Drogendealer. „Polizei! Keine Bewegung oder ich schieße!“, brüllen drei Beamte durcheinander. Der Kapuzenpullover schnellt herum – und zielt auf sie. Es fallen Schüsse. Der Mann unter der Kapuze verharrt regungslos.

Kleine rote Punkte sind auf seinem Oberkörper zu sehen. Die drei Schützen treten an die Rückwand des Kellers heran, auf die das Standbild des Kapuzenmannes projiziert ist. Ihre Schüsse waren Treffer, das zeigen die roten Punkte, die der Computer einblendet. „Eine Notwehrsituation“, erklärt Dirk Jeschar, Sachverständiger für die Schießstände bei der Polizei.

Situation blitzschnell analysieren und entscheiden

Mit Filmen wie der Szenerie im Park müssen die Polizisten nicht nur üben, zu treffen. Sie müssen blitzschnell die Situation analysieren und entscheiden, ob sie überhaupt schießen müssen – und dürfen. „Da spielt sich im Kopf auch die ganze rechtliche Betrachtung ab oder die Frage, ob Unbeteiligte in Gefahr sind.“

Beamer projizieren die Standbilder böser Buben zum Zieltraining ebenso wie die Filme zum Situationstraining auf die papierne Rückwand. Neben den Projektoren sind Sensoren unter der Decke angebracht. Denn hinter der Rückwand aus dickem Papier befinden sich Infrarotstrahler. Durch jedes Einschussloch dringt das Infrarotsignal zu den Sensoren. Der Computer weiß sofort, wo die Treffer liegen. Und kann, sollte getroffen worden sein, die roten Markierungen auf das Loch projizieren. Leicht zu sehen, wie gut der Schütze war.

Wiederum hinter dem Infrarotsignal verbirgt sich die Kassler Schnecke. Ein großer Trichter aus dickem Metall auf der gesamten Breite der Rückwand. Die Projektile deformieren auf dem Metall, laufen sich dann in der Schnecke tot und landen in einer Wanne. Der „Schneckengeschossfang“ einer Firma im Odenwald wurde vor ein paar Jahren erstmals in Kassel verbaut, daher der Name.

Die Gesundheit von Bürgern schonen

Ein moderner Schießstand scheint vor allem auch dazu da zu sein, die Gesundheit zu schonen. „Wir können hier im Situationstraining auch auf aktuelle Fälle reagieren“, sagt Dirk Jeschar. „Zum Beispiel auf die Sache am Neptunbrunnen.“ Im Juni hatte ein Polizist dort einen geistig verwirrten jungen Mann erschossen, der mit einem Messer auf ihn zugegangen war.

Die Szene war gefilmt worden und hatte bundesweit Diskussionen über die Angemessenheit des Einsatzes ausgelöst. Mittlerweile hat die Staatsanwaltschaft die Ermittlungen eingestellt. Es war Notwehr. Geblieben ist der Eindruck, wie wichtig es für Polizisten im Alltag ist, nicht nur schießen zu können, sondern auch zu wissen, wann ein Schuss wirklich nötig ist.