Berliner Nahverkehr

So rüsten BVG und S-Bahn bei der Videoüberwachung auf

Berlins Verkehrsunternehmen investieren in neue Kameras. Die BVG lässt seit Jahren Bahnhöfe und Züge überwachen. Die S-Bahn steht dagegen noch am Anfang. Wir zeigen, wo die Kameras eingesetzt werden sollen.

Das Thema Gewalt in öffentlichen Verkehrsmitteln sorgt seit Jahren immer wieder für Kontroversen in der Hauptstadt. Erst vor einigen Tagen etwa hatten fünf Jugendliche in der U2 einen 17-Jährigen angegriffen, ihn geschlagen und bespuckt. Die fünf Tatverdächtigen konnten von der Polizei rasch ermittelt werden. Sie hatte kurz zuvor Videobilder veröffentlicht, die in beinahe gestochen scharfen Bildern die Schläger zeigten.

Nicht zuletzt wegen solch schneller Fahndungserfolge setzen Justiz und Polizei in Berlin in Sachen Sicherheit immer stärker auf Überwachungstechnik. Zwar ist statistisch gesehen das Risiko, in einem Bahnhof Opfer einer Gewalttat zu werden, geringer als an anderen öffentlichen Plätzen. Doch Übergriffe wie etwa zu Ostern 2011 im U-Bahnhof Friedrichstraße, als zwei angetrunkene Jugendliche einen 29-Jährigen in einer wahren Prügelorgie bewusstlos schlugen, sorgen dafür, dass viele Nahverkehrskunden ein latentes Gefühl der Angst haben. Gerade in den späten Abend- und Nachtstunden trauen sich ältere Fahrgäste kaum noch, mit Bus und Bahn unterwegs zu sein.

Aufnahmen in HD-Qualität

Die Verkehrsunternehmen in der Stadt haben inzwischen darauf reagiert und rüsten vor allem bei der Überwachungstechnik stark auf. Allen voran die landeseigenen Berliner Verkehrsbetriebe (BVG). Die BVG lässt bereits seit Jahren alle 173 U-Bahnhöfe und alle U-Bahn-Züge mit Videokameras überwachen. Zudem sind mehr als 80 Prozent der 1341 eingesetzten Linienbusse und gut die Hälfte der 377 Straßenbahnwagen mit Überwachungskameras ausgerüstet.

Nun geht das Unternehmen den nächsten Schritt. Statt starr montierter Kameras, mit denen oft nur die Bahnsteigkante überblickt werden kann, sollen nun immer mehr moderne Hightech-Videoaugen zum Einsatz kommen. Anders als ihre Vorgänger sind die neuen Kameras schwenkbar und erlauben einen 360-Grad-Rundumblick. Die Mitarbeiter in der BVG-Sicherheitszentrale können bei Bedarf auch zoomen – so können mögliche Gefahrensituationen auch in versteckten Winkeln besser eingeschätzt werden. Die neuen Super-Kameras liefern zudem Bilder in Farbe und in HD-Qualität, mögliche Straftäter sind viel leichter auf den Fotos zu erkennen als auf den oft sehr verschwommenen Bildern der Vorgänger-Modelle.

Bereits 21 U-Bahnhöfe hat die BVG mit der neuen Überwachungstechnik ausgerüstet – darunter viele wichtige Knotenpunkte im Netz wie etwa die Stationen Mehringdamm (U6 und U7), Osloer Straße (U8 und U9) oder Friedrichstraße (U6 mit S- und Regionalverkehr). Allein 66 Kameras hängen an den Decken des Bahnhofs Alexanderplatz, in dem sich nicht nur drei U-Bahn-Linien (U2, U5 und U8), sondern auch mehrere S- und Regionalbahn-Verbindungen kreuzen. Täglich mehr als 300.000 Fahrgäste werden dort gezählt.

Die Aufrüstung ist nicht billig: Jede der neuen Kameras kostet etwa 2000 Euro, hinzu kommen Installationskosten, die je nach Örtlichkeit variieren, und durchschnittlich 255 Euro pro Jahr an Wartungskosten. Bis Ende August hat die BVG bereits 756 moderne Videokameras installiert, etwa 1500 sollen in den kommenden zwei Jahren hinzukommen.

Der Senat unterstützt diese Investitionen allein in diesem Jahr mit 1,2 Millionen Euro. Mit diesem Geld sollen 2013 noch die derzeit wegen Bauarbeiten ohnehin an der Linie U8 gesperrten Stationen Boddinstraße, Leinestraße und Hermannstraße hinzukommen. Weitere 39 Stationen sollen in den nächsten zwei Jahren umgerüstet werden, sodass Ende 2015 insgesamt 63 der insgesamt 173 U-Bahn-Stationen mit der neuesten Überwachungstechnik ausgestattet sind.

Die Berliner S-Bahn steht bei der Videoüberwachung noch am Anfang. Bislang werden dort nur zehn sogenannte Mischbahnhöfe, an denen Züge sowohl im Fern-, Regional- und S-Bahn-Verkehr halten, mit moderner Technik überwacht. An allen Stationen außer Wannsee erfolgt eine Speicherung der Bilder über 48 Stunden.

Hilfe bei der Strafverfolgung

Nach langwierigen Verhandlungen gibt es inzwischen auch eine Vereinbarung der S-Bahn-Geschäftsführung mit dem Betriebsrat, nach der auch Videobilder, die Kameras den Triebfahrzeugführern liefern, gespeichert und bei Bedarf von der Polizei zur Strafverfolgung genutzt werden dürfen. Bisher gibt es solche Kameras, die nur die Bahnsteigkante im Blick haben, erst an fünf Ringbahn-Stationen (Schöneberg, Tempelhof, Sonnenallee, Storkower Straße und Landsberger Allee), mit Prenzlauer Berg soll eine sechste noch 2013 hinzukommen. Bis Ende 2015 will die S-Bahn 84 ihrer 166 Stationen auf das neue Zugabfertigungssystem umrüsten.

Ende August hatten Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich (CSU) und Bahn-Chef Rüdiger Grube ein Programm zum Ausbau der Videoüberwachung der Bahnhöfe vereinbart. Mit 36 Millionen Euro will der Bund bis 2019 die Anschaffung neuer Überwachungstechnik finanzieren. Welche Bahnhöfe in Berlin dazugehören, wird zwischen Bahn und Bundespolizei diskutiert. Zuletzt hieß es, dass die Bahnhöfe Westkreuz, Charlottenburg, Hackescher Markt und Lichtenberg videoüberwacht werden sollen.

Auch der nächste „Tatort“ am Sonntag unter dem Titel „Gegen den Kopf“ (ARD, 20.15 Uhr, Fernsehkritik Seite 24) von Regisseur Stephan Wagner greift das Thema Gewalt in öffentlichen Verkehrsmitteln auf. Ein junger Mann mit blauer Jacke und weißen Turnschuhe schlägt auf dem U-Bahnhof Schönleinstraße in Kreuzberg rabiat auf sein Gegenüber ein. Selbst als sein Opfer schon am Boden liegt, tritt er noch einmal kräftig zu. Wenig später wird der 38-Jährige leblos auf dem Bahnsteig aufgefunden. Das ist die Anfangsszene im Film. Die Ermittler im Tatort können nur eine veraltete Videotechnik nutzen, über die Aufnahmen allein hätten sie die Täter nicht gefunden.