„Also am Weißen Haus haben sie eine extra Warteschlange für Familien mit Kindern. Dass wir hier alle in einer stehen müssen, ist ja wieder mal typisch für Deutschland“, beschwert sich eine Mutter aus Tiergarten, deren Sohn im Kindergartenalter bereits nach zehn Minuten Schlange stehen keine Lust mehr zum Warten hatte.

Ein bisschen mehr Geduld musste man aber schon aufbringen, wollte man die Kanzlerin auf ihrem obligatorischen Rundgang durch das Kanzleramt während des Tags der offenen Tür begutachten. Knapp eine Stunde steht man zur Stoßzeit am Sonntagmittag vor dem Amt in der Sonne.

Der Bürger macht dabei zwischen Staats- und Strandbesuch kaum einen Unterschied. Junge Menschen kommen mit bunten Sonnenbrillen. Erwachsene Männer in Hawaii-Shorts und Frauen in kurzen Kleidchen. Die Gespräche sind ähnlich informell und unpolitisch.

Es ist Endspurt im Wahlkampf. Trotzdem ist die Kanzlerin heute hier. Oder gerade deshalb. „Angie“: Viele Besucher sprechen über sie wie über eine Sehenswürdigkeit, nicht wie über eine zur Wahl stehende Politikerin. Der Besucher wartet nicht auf erhellende Antworten der Volksvertreterin, er wartet auf ein Fotomotiv.

Die Kanzlerin ist zwar das begehrteste Motiv, aber auch Polizei zu Pferd oder ein Team Fernsehreporter bei der Arbeit sind heute ein Foto wert. Im Ehrenhof des Kanzleramtes geht das Warten auf die Bundeskanzlerin weiter. Während der Stabsmusikkorps der Bundeswehr spielt, werden rote Kordeln gespannt. Die Bürger begeben sich unruhig drängelnd dahinter, warten auf „Audienz“.

Aus „Angie“ ist mittlerweile „sie“ geworden. „Ich hab gehört ‚sie‘ soll um halb drei kommen“, ruft ein älterer Herr seiner etwas abseits stehenden Frau zu. „Sie kommt, aber nur in so einem Schutzkäfig, weil wir zu viel drängeln“, fachsimpelt jemand anderes.

Keine scharfen Fragen zu erwarten

Um 14.30 Uhr steht die Frau, die heute keine scharfen Fragen zu erwarten hat, auf ihrer Bühne im Ehrenhof. „Das Wetter spielt heute mit, da können wir uns freuen“, greift sie zur Begrüßung das wichtigste Thema der Stunde auf. Vor rund 15.000 Besuchern erklärt sie, dass hier auf dem Ehrenhof normalerweise Staatsbesuch empfangen wird. Und dass dann auch – wie jetzt – das Stabsmusikkorps spielt.

„Manche Nationalhymnen spielen sich leichter als andere. Die von Burundi ist zum Beispiel schwieriger, stimmt’s?“, sagt sie zum Dirigenten des Korps. Danach fragt Angela Merkel: „Waren Sie schon im Kanzleramt? Ich nehme an, manche von Ihnen ja, manche von Ihnen nicht.“ Vereinzeltes Schmunzeln unter den Bürgern.

Im größten Gedränge geht es dann weiter zum Kanzlerhelikopter. Unterwegs unterschreibt die Bundeskanzlerin alles, was man ihr hinhält. Ihr Buch „Daran glaube ich: Christliche Standpunkte“ genauso wie die Unterarme potenzieller Wähler.

Manche Besucher kichern aufgeregt, andere vergleichen ihre Fotos. Als Merkel nach 20 Minuten vor dem Kanzler-Heli im Garten des Bundeskanzleramtes ankommt, erklärt sie: „Hubschrauber fliegen ist eine schöne Sache.“ Journalisten und Bürger fotografieren. „Aber auch eine sehr laute Angelegenheit. Da kann man manchmal ganz schön Ohrensausen bekommen.“

„Sie hat uns ihr Zuhause gezeigt“

Ortrun H. aus Wilmersdorf aber ist zufrieden. „Die Organisation, das Wetter, es ist alles ganz wunderbar“, findet sie. „Ich war vor sechs Jahren schon mal beim Tag der offenen Tür, da waren wesentlich mehr Berliner da. Nicht so viele Touristen wie heute.“ Mit den Worten der Kanzlerin sind sie und ihre extra aus Celle angereisten Freundinnen auch zufrieden. „Sie hat uns heute ihr Zuhause gezeigt. Das wäre doch unpassend, wenn sie was zur Wahl sagen würde“, findet Anne Delventhal, 63 Jahre alt. Florian, Informatiker aus Charlottenburg, sieht das ähnlich: „Sie sollte nur nicht so viele Autogramme geben, man muss ja immer so lange auf sie warten.“

Nach einem kurzen Spaziergang wird Angela Merkel auf der nächsten Bühne eine Moderatorin zur Seite gestellt, die das Reden übernimmt, nachdem die Kanzlerin ein drittes Mal bemerkt, dass sie eigentlich gar nicht weiß, was sie erzählen soll.

Die Moderatorin wirft ihr das Wort „Wahlkampf“ zu, und die Regierungschefin beginnt, ihren Terminplan der nächsten Wochen aufzuzählen: „40 Termine habe ich mit Sicherheit noch. Morgen muss ich nach Ilmenau. Dann nach Zwickau. Dann Ulm.“ Nach jedem Ort macht sie eine Pause. Manchmal gibt es Applaus, weil Bürger der genannten Städte vor Ort sind.

Bilanz: Die Aussicht auf einen Blick hinter die Kulissen der politischen Machtzentralen hat am Sonnabend und Sonntag in Berlin insgesamt etwa 146.000 Bürger zum Tag der Offenen Tür der Bundesregierung gelockt. Wie das Bundespresseamt am Sonntagabend mitteilte, war das Besucherinteresse an den beiden Tagen höher als im Vorjahr, als 125.000 Menschen kamen.