Für Frank Bernanke ist die Sache klar. „Natürlich soll die Bundesregierung umziehen. Gibt’s denn in Bonn auch einen Tag der offenen Tür?“, fragte der 38-Jährige aus Mitte im Garten des Finanzministeriums an der Wilhelmstraße. Für ihn gehört die Regierung komplett in die Hauptstadt, die noch in Bonn verbliebenen Standorte seien überflüssig.
Bernanke nutzte wie mehr als 70.000 Berliner und Gäste der Stadt am Sonnabend die Gelegenheit, am Tag der offenen Tür der Bundesregierung einen Blick hinter die Regierungskulissen zu werfen.
6,8 Kilometer lang sind allein die Flure im Finanzministerium, am Sonnabend gewährte Finanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) sogar einen Einblick in sein Dienstbüro. Aber auf Bernankes Frage wusste niemand so recht eine Antwort. Am Ende waren sich die Ministeriumsmitarbeiter einig, dass es in Bonn keinen Tag der offenen Tür gibt, weil er erst nach dem Teilumzug der Regierung in Berlin eingeführt wurde.
Infos für die Wahlentscheidung
Im Ministeriumsgarten unterhielt die Zollband Combo Zolla derweil die Gäste an den Biertischen. Und Moderator Stefan Rupp von Radioeins erklärt, was es mit der „ZÜZ“ auf sich hat. Das ist die „Zentrale Unterstützungsgruppe Zoll“, sie besteht seit 20 Jahren und ist die Eliteeinheit des Zolls. Sie kommt bei schwierigen Fällen zum Einsatz, zum Beispiel bei Festnahmen von Drogenhändlern. 50 Stellen gibt es, aber zwölf sind derzeit unbesetzt, weil das Aufnahmeverfahren sehr schwierig ist.
Das Finanzministerium war auch für Simone Brost und ihren Sohn Elias die erste Anlaufstation. Danach sollten an diesem Tag noch das Umwelt- und Arbeitsministerium folgen. Am Sonntag geht es zum Verteidigungsministerium. Brost kommt fast jedes Jahr zum Tag der offenen Tür. „Als Berliner sollte man schon wissen, wo die Ministerien stehen, außerdem kann man so die Kinder an die Politik heranführen.“ Auch für Brost ist es unverständlich, dass es noch zwei Regierungsstandorte gibt. „Das Hin und Her ist nicht gut“, sagte die 45-Jährige.
In der Kantine des Ministeriums stellte sich später Staatssekretär Werner Gatzer den Fragen zum Haushalt. 200 Kollegen arbeiteten im Haus an dem Entwurf, erklärte Gatzer, der Haushalt bestehe aus 8000 Einzelpositionen. Die größte ist der Zuschuss an die Rentenkasse von jährlich 90 Milliarden Euro, der kleinste Posten beträgt rund 2000 Euro.
Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich (CSU) zeichnete am Sonnabend in seinem Ministerium 40 Fluthelfer aus. Bundesjustizministerin Sabine-Leutheusser-Schnarrenberger (FDP) diskutierte über Diskriminierung und Bürgerrechte.
Zudem ließen sich Regierungssprecher Steffen Seibert und die Sprecher aller Ministerien in der Bundespressekonferenz von Bürgern befragen. Insgesamt wollten zehn Minister am Tag der offenen Tür teilnehmen, darunter am Sonntag Bundesverteidigungsminister Thomas de Maizière und Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (beide CDU).
Als Maike Splettstöhser an diesem Morgen nach dem Aufstehen aus dem Fenster sah, war für sie klar: „Heute unternehmen wir etwas im Freien.“ Zusammen mit ihrem Mann Tim und der acht Monate alten Tochter Charlotte ließen sie sich mit dem Shuttle-Service von Ministerium zu Ministerium fahren.
Die junge Familie interessierte sich vor allem für Themen, die sie selbst betreffen: Familie, Bildung und Soziales. Im Justizministerium fanden sie eine Auflistung, was welche Partei zu Lesben, Schwulen und Gleichstellung sagt. „Das werde ich in meine Wahlentscheidung einbeziehen“, sagte Meike Splettstöhser. Toleranz sei ihr wichtig. Auch für sie ist das Festhalten an zwei Regierungssitzen „überholt“.
Fotos im Familienministerium
Unverständnis zeigt auch die 32-jährige Mareike Chrzanowski aus Kreuzberg für den Doppelstandort Bonn/Berlin. „Klar, sollte der komplette Umzug erfolgen“, sagte sie. Chrzanowski kommt zusammen mit ihrem Sohn Emil jedes Jahr zum Tag der offenen Tür.
Feste Anlaufstelle war dabei der Fotograf vor dem Rednerpult der Ministerin. „Wir haben aus jedem Jahr ein Foto davon.“ Ministerin Kristina Schröder (CDU) war an diesem Nachmittag nicht da. So konnte sie auch nicht den Missmut von Familie Splettstöhser und Mareike Chrzanowski über das Betreuungsgeld erleben. „Das ist nichts für uns“, sagten beide. Stattdessen sollte mehr für die Betreuung der Kinder und die Vereinbarkeit von Familie und Beruf getan werden.
Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) wird am Sonntagnachmittag (14 Uhr) zu ihrem inzwischen traditionellen Rundgang durch das Bundeskanzleramt und den Kanzlergarten erwartet. Vor dem Kanzleramt wurde wie bei Staatsbesuchen ein roter Teppich ausgerollt. Auch der Garten ist für das Publikum zugänglich.
Wie immer zog insbesondere das Bundeskanzleramt die Menschen an. Dort bildete sich eine lange Schlange. Wer drinnen war, bekam die Galerie der Kanzlerporträts, die Konferenzräume oder einen im Garten platzierten Hubschrauber der Bundespolizei zu sehen.
Der für Sonntag geplante Rundgang von Bürgern mit Kanzlerin Angela Merkel (CDU) zählt zu den Höhepunkten der Veranstaltung. Aber auch zehn Minister wollten ihre Häuser zeigen und rollten dafür den roten Teppich aus.
Der Tag der offenen Tür wurde im Jahr 1999 eingeführt und findet seitdem jedes Jahr statt. Die Ministerien bieten Informationen über ihre Arbeit und Besichtigungen an. In diesem Jahr liegt der Schwerpunkt auf der Europapolitik. Für den Transport der Besucher sorgen zwei kostenlose und barrierefreie Bus-Shuttle-Linien. Im August 2012 waren rund 125.000 Bürger gekommen, in anderen Jahren nach Angaben des Bundespresseamts bis zu 180.000.
Am Nachmittag saßen Cassia und Christoph Freire bei einem Bier im Garten des Finanzministeriums. „Ich bin begeistert“, sagte Cassia. Die Brasilianerin lebt erst seit Kurzem in Berlin. Vor allem die Geschichte der Gebäude interessiere sie. „Zwei Regierungssitze? Warum nicht“, sagte die 50-Jährige.

















