Die siebenjährige Iman ist wieder da. Drei Tage lang galt das aus Tschetschenien stammende Kind, das mit seinen Eltern in einer Flüchtlingsunterkunft an der Chausseestraße lebt, als vermisst. Am Freitagvormittag tauchte es wohlbehalten wieder auf. Nach Angaben seiner Eltern hatte Iman sich verlaufen und die vergangenen Tage bei einer anderen tschetschenischen Familie verbracht. Für die Vermisstenstelle des Landeskriminalamtes ist der Fall damit abgeschlossen, für die Polizei insgesamt allerdings noch nicht.

Offiziell wurde das Verschwinden der Siebenjährigen als Vermisstenfall geführt, es gab die üblichen Maßnahmen, unter anderem eine groß angelegte Suchaktion, bei der neben einer Hundertschaft auch Spürhunde und ein Hubschrauber mit Wärmebildkamera zum Einsatz kamen. Gleichzeitig ging die Polizei aber auch dem Verdacht nach, das Verschwinden des Kindes könne inszeniert sein. Denn eine Abschiebung der Familie stand unmittelbar bevor.

Dass das Mädchen ausgerechnet einen Tag vor dem bereits festgelegten Termin für die Abschiebung der Familie V. verschwand, hatte die Beamten schon frühzeitig stutzig gemacht. Ihr Argwohn wurde noch verstärkt durch das sonderbare Verhalten des Vaters. Shamil V. hatte einen Schock erlitten, als er am Dienstagabend vom Verschwinden seiner kleinen Tochter erfuhr, und musste von Rettungskräften in ein Krankenhaus eingeliefert werden.

Aber schon kurze Zeit später sei er wieder „putzmunter“ in der Asylbewerberunterkunft herumgelaufen, berichteten Zeugen den Ermittlern. Auch die Angaben der Eltern, dass das Mädchen die gesamten vergangenen drei Tage bei einer anderen tschetschenischen Familie verbrachte, ohne dass sie davon erfahren hätten, erscheint den Ermittlern offenbar nicht besonders glaubhaft.

Familie soll nach Polen zurückkehren

Die Polizei behandelte den Verdacht eines inszenierten Verschwindens streng vertraulich. Man sei bemüht, durch Befragungen von Personen aus dem Umfeld der Vermissten Hinweise auf den Verbleib des Mädchens zu erhalten, hieß es in einer Erklärung. Der Vorgang blieb bis zuletzt ein Vermisstenfall, offiziell wollte sich die Behörde auch am Freitag nicht zu Details und den möglichen Hintergründen des Falles äußern.

Ungeachtet des Verdachts der Ermittler spulte die Vermisstenstelle das komplette beim Verschwinden eines Kindes vorgesehene Programm ab. Das entspricht den Prinzipien der Dienststelle. Speziell bei vermissten Kindern gilt: Lieber fünfmal zu oft eine mutmaßlich falsche Spur verfolgen als einmal zu wenig. So lange die Gefährdung eines Kindes nicht definitiv ausgeschlossen werden kann, erfolgt die Suche mit dem größtmöglichen Einsatz. „Niemand bei uns möchte sich dem Vorwurf aussetzen, man lasse sich so weit von vorhandenen Zweifeln leiten, dass nicht mit dem nötigen Nachdruck nach einem vermissten Kind gesucht würde“, sagte ein Ermittler am Freitag.

Familie V., Vater, Mutter und sieben Kinder, lebt seit sechs Monaten in der Flüchtlingsunterkunft an der Chausseestraße. Ihre erste Station nach der Flucht aus Tschetschenien war Polen, dort verbrachte die Familie insgesamt neun Monate. Dorthin sollte die Familie entsprechend der EU-Drittstaatenreglung wieder zurückgebracht werden.