Nachtschwärmer und Computer-Freaks saßen am frühen Freitagmorgen in weiten Teilen Charlottenburgs und Spandaus im Dunkeln oder vor toten Bildschirmen. Ein Stromausfall legte die Versorgung von 36.000 Haushalten lahm, die Hälfte war nach 20 Minuten wieder am Netz, der Rest erst nach knapp eineinhalb Stunden. Ein marodes Kabel hatte ein Umspannwerk lahmgelegt.

In Zeiten, in denen in einem Vergabeverfahren darüber entschieden wird, ob die Vattenfall-Tochter Stromnetz Berlin GmbH weiterhin das Verteilnetz in der Stadt betreiben oder ob die Konzession an einen anderen Interessenten geht, ist so eine Panne keine Werbung für den Netzbetreiber. Im Hause Vattenfall sieht man den Ausfall eher als ein Argument dafür an, wie komplex und schwierig es eben doch ist, das größte Stromverteilnetz Deutschlands zu managen. Und wie viel Geld auch künftig erforderlich sein wird, um das Netz funktionsfähig zu halten und die Versorgung von Bürgern und Betrieben zu sichern.

Hitze macht Kabel mürbe

Solche größeren Ausfälle kämen pro Jahr etwa 20 Mal vor, sagte ein Vattenfall-Sprecher. Oftmals würden sie kaum bemerkt, weil entweder der Pannenherd schnell automatisch überbrückt werde oder weil der Black Out zu einer Zeit oder in einer Gegend geschehe, wo die Menschen allenfalls an ausgefallenen Uhren oder anderen Geräten merkten, dass sich der Strom mal kurz verabschiedet hat. Allerdings sei eine statistische Häufung durchaus möglich. Denn in heißen, trockenen Sommern, wenn die Hitze in den Boden dringt und die Isolierungen der Kabel mürbe mache, komme es häufiger zu Ausfällen als im Winter.

Insgesamt, so das Unternehmen, habe sich der Wert über die Jahre jedoch kaum verändert. Durchschnittlich zwölf Minuten ist jeder Berliner pro Jahr ohne Strom. Im bundesweiten Durchschnitt liege der Wert etwas höher. Meist reicht es nicht für die 20 Euro, die Vattenfall bei Ausfällen von über drei Stunden den Kunden verspricht.

Investitionen von 1,4 Milliarden Euro geplant

Um Kabel, Umspannwerke und Trafos zu ertüchtigen und sich für die steigende Menge dezentral erzeugten Stroms zu wappnen, plant die Vattenfall-Tochter Stromnetz Berlin nach den Worten ihres Geschäftsführers Hilmar Rendez in den nächsten zehn Jahren Investitionen von 1,4 Milliarden Euro.

Diese Summe müsste jeder Betreiber aufbringen, egal ob Vattenfall oder die Mitbewerber State Grid of China, die holländische Alliander oder die landeseigene Berlin Energie den Zuschlag erhalten. 2011 investierte Vattenfall 96 Millionen ins Berliner Verteilnetz, in den nächsten Jahren muss der Wert also gegenüber der Vergangenheit deutlich steigen. Im gleichen Jahr schrieb die Vattenfall-Tochter 79 Millionen Euro ab.

Das bedeutet, der Wert des Netzes ist gestiegen. Die Investitionen darf der Betreiber zwar in die von den Stromkunden aufzubringenden Netzentgelte einpreisen. Aber erst mit einem Verzug von einigen Jahren, bis die Bundesnetzagentur als Aufsichtsbehörde in der nächsten Fünf-Jahres-Periode die neue Erlös-Obergrenze festlegt. „Diese Zeit muss jeder Betreiber aus eigener Kraft überbrücken “, sagte Rendez.

Wie stark es das Ergebnis des Betreiber belasten kann, wenn Altlasten bereinigt werden müssen, hat die Stromnetz Berlin 2011 erfahren. Der Jahresüberschuss schrumpfte von 78 Millionen Euro im Jahr davor auf nur noch neun Millionen Euro. Grund dafür waren Rückstellungen. 34 Millionen Euro musste das Unternehmen zurücklegen, um alte mit Öl isolierte Hochspannungskabel zu bergen, ehe das Material den Untergrund verseucht. Solche Schwankungen im Jahresergebnis seien aber nicht ungewöhnlich erklärte Rendez.

Im Durchschnitt 41 Millionen Euro verdient

Das Ergebnis der Stromnetz Berlin reichte zuletzt von plus 78 bis minus 41 Millionen Euro. Den Verlust stammte aus Rückstellungsverpflichtungen für Pensionen und mögliche Rückforderungen von Kunden. Im Durchschnitt der Jahre 2006 bis 2011 verdiente die Tochter des schwedischen Staatskonzerns im Durchschnitt 41 Millionen Euro. Das entspricht bei einem Umsatz von rund 800 Millionen Euro einer Umsatzrendite von fünf Prozent. Im Jahr 2012, für das der Jahresabschluss noch nicht publiziert ist, werde das Ergebnis erneut positiv sein, den langjährigen Durchschnitt aber nicht verändern, so Rendez.

Die Befürworter einer Übernahme des Stromnetzes durch eine landeseigene Gesellschaft argumentieren mit den hohen Gewinnen, die statt nach Schweden zu fließen auch in Berlin bleiben könnten. Gerade in der SPD-Fraktion wird oft auf die Rendite von neun Prozent verwiesen, die von der Bundesnetzagentur zugestanden werde. Vattenfall verweist darauf, dass davon noch die Körperschaftssteuer abgehe sowie die Kosten, die sich aus dem zeitlichen Abstand zwischen Investition und den daraus folgend höheren Entgelten ergeben.