Ein etwa Zwölfjähriger läuft mit ein paar Freunden auf der Pfalzburger Straße in Wilmersdorf entlang und sagt: „Natürlich weiß ich, was ‚Missbrauch‘ bedeutet …“ Er macht eine Pause, dann: „Was denken die denn?“ Mit „die“ meint er wohl die anderen Schüler oder auch die Lehrer an der Nelson-Mandela-Schule, die sich auf die Hausnummern 23 und 30 auf dieser Straße aufteilt, die Klassen 1 bis 6 in der Nummer 23 und die Klassen 7 bis 12 in der 30. In beiden Schulgebäuden waren an diesem Donnerstag „Assemblies“ angesetzt, so werden auf Englisch „Versammlungen“ genannt. Dabei ging es um „Missbrauch“, auf Englisch: „Abuse“. Die Nelson-Mandela-Schule ist eine internationale Schule, die so bekannt und beliebt ist, dass viele Diplomaten dort ihre Kinder hinschicken.
Selbstanzeige eines Lehrers
Am Mittwoch aber war dort bekannt geworden, dass ein Grundschullehrer Selbstanzeige bei der Polizei erstattet haben soll. Das Landeskriminalamt ermittelt inzwischen gegen ihn wegen schweren sexuellen Missbrauchs. Der Lehrer, ein mehrfacher Familienvater, soll ein „intimes Verhältnis“ zu einem 13-jährigen Schüler der Sekundarschule gehabt haben.
So heißt es in einem Informationsschreiben, das der Schulleiter Christian Nitschke an die Eltern per E-Mail verschickt hat. In dem Schreiben steht auch, dass der Lehrer mit sofortiger Wirkung von allen dienstlichen Pflichten entbunden sei. „Die Rückmeldungen auf das Schreiben waren bisher positiv“, sagt der Schulleiter der Morgenpost. „Ich wollte vor allem deutlich machen, dass die Schule davon genauso betroffen ist wie die Angehörigen.“
Schüler war nicht in Klasse des Lehrers
Er betonte aber, dass der Kontakt außerhalb der Schule im privaten Kontext beider Familien bestanden habe und der Schüler nicht in den Klassen des Lehrers war. Der Schulleiter hatte es am vergangenen Freitag erfahren und am Montag die Eltern im Schreiben informiert. Als am Donnerstag die ersten Presseberichte in den Zeitungen erschienen, wollte er vor allem Transparenz zeigen.
„Als Schule im innerstädtischen Bereich ist man eben mit unangenehmen Realitäten konfrontiert“, sagt er, „da ist es noch wichtiger, dass wir eine intakte, funktionierende Schulgemeinschaft und Kommunikationsstruktur haben.“
Informationspolitik kommt bei Eltern gut an
Doch nicht alle Eltern hatte das Schreiben bis Donnerstag erreicht. Die Eltern, die neu an der Schule sind, waren noch nicht im Verteiler aufgenommen. So erfuhr die Mutter einer 14-jährigen Schülerin, die erst seit zehn Tagen die Nelson-Mandela-Schule besucht, aus der Zeitung von dem Vorfall. „Ich fühle mich sehr unsicher“, sagt die 48-Jährige, die ihren Namen nicht nennen möchte. „Jugendliche mit 13 oder 14 Jahren sind so leicht beeindruckbar. Ein Lehrer hat doch bei ihnen einen Extra-Vertrauensbonus. Es ist schrecklich, wenn dieses Vertrauen missbraucht wird.“
Am Nachmittag war die Mutter aber schon beruhigter: „Ich finde es gut, dass die Schule so offen mit dem Fall umgegangen ist und die Kinder gleich informiert hat.“
Schulleiter ruft zur Besonnenheit auf
Darauf setzt auch Schulleiter Christian Nitschke in den kommenden Tagen. Bei den Versammlungen in der Nelson-Mandela-Schule habe er den Schülern zunächst geraten, sich in die Rolle der Mitglieder beider Familien zu versetzen, denn auch die Kinder des Lehrers besuchen die Schule. „Ich finde, wir sollten uns nicht an den Gerüchten beteiligen“, sagt er, „sondern auch anderen helfen, besonnen zu sein.“
Er rief die Schüler dazu auf, es den betroffenen Kindern möglich zu machen, die Schule weiter besuchen zu können. Der 46-Jährige ist zwar erst seit 16 Tagen im Amt, aber bringt Erfahrung mit. Er war zuvor sechs Jahre lang Leiter der Deutschen Schule in Boston – auch während des Attentats beim Marathon am 15. April dieses Jahres. „Eine unserer Familien war involviert“, sagt er, „weil sie direkt neben den Attentätern gewohnt hatten.“
Schulpsychologen eingeschaltet
Nach Angaben von Beate Stoffers, Sprecherin von Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD), seien in der Nelson-Mandela-Schule bereits auch Schulpsychologen eingeschaltet. „In der akuten Situation sollten Schüler zunächst aufgeklärt werden“, sagte Stefan Brandt, Schulpsychologe in Pankow, der selbst Erfahrungen damit hat, Schüler nach entsprechenden Vorfällen zu betreuen.
Wie Schulleitung und Lehrer dabei vorgehen sollten, hänge auch davon ab, welchen Bekanntheitsgrad die Geschichte schon hat und ob der Name des Opfers bekannt ist. Wenn das nicht der Fall ist, sollte er anonym bleiben, damit der Betroffene nicht auch noch Mobbing ausgesetzt ist. „Opferschutz muss immer an erster Stelle stehen.“





