Als der neunjährige Dennis am Freitag nicht pünktlich aus der Schule kam, setzte sich seine Mutter Iwona Duman verunsichert auf ihr Fahrrad und klingelte bei allen Bekannten aus der Nachbarschaft. „Niemand konnten mir sagen, wo mein Sohn war“, sagt die alleinerziehende Mutter aus Neukölln. Deshalb suchte sie die Spielplätze ab, die Büsche und kleinen Wege der Weißen Siedlung an der Neuköllner Aronsstraße. Um 14.30 Uhr kam die Mutter wieder zu Hause an. Und da saß Dennis im Hauseingang und wartete. Er hatte getrödelt und länger als sonst für den Schulweg zurück gebraucht. Iwona Duman sagt, diese Geschichte zeige, wie sehr die Nerven blank liegen seit der vergangenen Woche. Etliche Eltern im Kiez sind verunsichert.
Kriminalbeamte ermitteln
Denn in der Sonnen-Grundschule im Dammweg soll es innerhalb der vergangenen Woche drei Übergriffe auf Schüler gegeben haben. „Kriminalbeamte der Abteilung für Sexualdelikte ermittelt wegen des Verdachts der sexuellen Belästigung. Von den Übergriffen sind zwei Mädchen betroffen“, sagte ein Polizeisprecher am Sonnabend.
Laut Anzeige soll ein Unbekannter zunächst am Montag ein Mädchen bedrängt und in die Jungen-Toilette geschubst haben. Zwei Kinder hatten die Attacke beobachtet und einer Erzieherin gemeldet. Kurz darauf wurde ein Mann an den Fahrradständern der Schule beobachtet, der Kindern offenbar auflauerte. Diese zwei Fälle sind von der Polizei bestätigt.
Am darauffolgenden Mittwoch wollen Schüler zudem einen schulfremden Mann auf dem Flur beobachtet haben. Aussagen, wonach ein Verdächtiger der Polizei bekannt sei, dementierten die Beamten.
In der Siedlung in Neukölln gehen viele Gerüchte herum, etliche Eltern haben ihre Kinder am Freitag nicht in die Schule geschickt. „Meine beiden Zwillinge sind nicht gegangen, weil ich einfach Angst hatte“, sagt Ayda C., deren zwei neunjährigen Söhne Sidar und Serden die Grundschule besuchen. Die Söhne, sagt die Mutter, gehen in eben jene Klasse, die auch eines der Mädchen besucht, das offenbar belästigt wurde. Das Wichtigste sei nun die Sicherheit der Kinder und die Frage, wie die Schule diese gewährleisten kann.
Schule rät Eltern zu Sicherheitsvorkehrungen
Die Schule schickte am Donnerstag einen Brief an alle Eltern, der zu Sicherheitsvorkehrungen rät: „Wir möchten Sie bitten, Ihre Kinder nur zu zweit oder in Gruppen gehen zu lassen“, heißt es in dem Schreiben der Sonnen-Grundschule.
Der Bildungsstadträtin von Neukölln, Franziska Giffey (SPD), reichen solche Aufforderungen offenbar nicht aus. Sie wurde am Donnerstag vom Schulrat über die Vorgänge an der Schule informiert. Am Samstag kündigte die Bildungsstadträtin dann auf Nachfrage der Berliner Morgenpost an, so schnell es gehe Sicherheitsvorkehrungen treffen zu wollen. „Ich werde Montag versuchen, dass ab sofort bis zu den Sommerferien zwei Wachschützer für die Schule abgestellt werden“, sagte Franziska Giffey. Die Sommerferien beginnen übernächste Woche.
Missbrauchs- und Gewaltvorfälle entfachen immer wieder Diskussionen um die Sicherheit an Berliner Schulen. Erst im Mai reagierten die Fraktionsspitzen von SPD und CDU auf solche Vorfälle und kündigten an, den Zugang zu allen Berliner Schulen mit einer Video-Gegensprechanlage zu sichern. Die Eingangstüren sollen demnach während des Unterrichts geschlossen bleiben – nur nach einem Klingeln soll während der Unterrichtszeiten Einlass gewährt werden. Die Kosten für die Ausstattung aller Grundschulen mit einer Video-Gegensprechanlage sollen sich auf rund 800.000 Euro belaufen.
Am Eingang der Sonnen-Grundschule hängt ein Schild: „Liebe Eltern, da unsere Türen aus Sicherheitsgründen geschlossen sind, wählen Sie bitte…“. Dann folgt eine Telefonnummer. Bisher verfüge die Schule über keine Kameras, sagt der ehemalige Hausmeister, der direkt neben dem Schulgebäude wohnt.
Suche auf dem Schulgelände blieb erfolglos
Eines der zwei Mädchen, das am Montag beobachtete, wie ihre Mitschülerin offenbar belästigt wurde, war die zehn Jahre alte Silla. So sagt es ihre Mutter Handan Türker. Sie steht neben einem kleinen Kiosk im Kiez und lässt sich von einer Freundin übersetzen, weil sie nur gebrochen Deutsch spricht. „Silla hat seit zwei Tagen nicht mehr richtig geschlafen und traut sich abends nicht mehr alleine in dunkle Zimmer der Wohnung“, übersetzt die Bekannte. Der Unbekannte sei, nachdem die Mädchen die Erzieherin verständigt hatten, durch eine Kellertür nach draußen geflohen. Direkt im Anschluss habe es eine groß angelegte Suche auf dem Schulgelände gegeben – die ohne Ergebnis blieb.
Am Donnerstagmorgen trafen sich ein paar Dutzend Eltern der Schüler zu einer Gesprächsrunde in der Grundschule. Noch am selben Tag verschickte die Schule einen Elternbrief, der den Betroffenen Mut machen sollte. „In den Sommerferien wird sich die Polizei mit uns zusammensetzen und das Schulgelände begehen. Es wird über Sicherheitsvorkehrungen beraten“, heißt es in dem auf den 6. Juni datieren Brief.
Seitens des Senats rufen die Zuständigen zu Besonnenheit auf. Beate Stoffers, Sprecherin von Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD), lobte gegenüber der Berliner Morgenpost, dass die Schulleitung umgehend reagiert habe. Die Eltern seien schriftlich über die Vorkommnisse in Kenntnis gesetzt und eine Informationsveranstaltung durchgeführt worden. Auch Elternvertretung und der Förderverein seien informiert worden. „Die Bildungsverwaltung nimmt die Ängste und Befürchtungen der Eltern sehr ernst. Um sicher zu gehen, dass alle Eltern die Schreiben erhalten und gelesen hätten, mussten die Kinder sie mit Unterschrift zurückbringen“, sagte Beate Stoffers am Sonnabend. Die Schulleiterin habe wie erforderlich nach dem Notfallplan reagiert.
Umliegende Schulen müssen benachrichtigt werden
Als hilfreich bezeichnet sie die Tatsache, das in dem Informationsschreiben die Eltern konkret aufgefordert wurden, wie die Kinder auf Annäherungen von Fremden reagieren sollen. „Wenn die Kinder auf auf unserem Schulgelände etwas beobachten oder jemanden sehen, müssen sie sich umgehend Hilfe bei den Erwachsenen der Sonnen-Grundschule holen“, heißt es zum Beispiel in dem Brief an die Eltern.
Laut den an Berliner Schulen üblichen Notfallplänen sollen im Falle einer sexuellen Belästigung auch die umliegenden Schulen benachrichtigt werden. Ob dies in diesem Fall geschehen ist, blieb am Sonnabend fraglich. Ein Schulleiter einer Schule in der Nähe sagte am Sonnabend, ihm sei eine solche Information nicht bekannt. Andere Rektoren wollten die Frage nicht beantworten oder waren nicht zu erreichen.
Es ist nicht das erste Mal, dass unter Schülern und Eltern die Angst vor einem Sexualverbrecher umgeht. Im März vergangenen Jahres versuchte ein Mann, ein Kind auf einer Toilette einer Schule in Frohnau zu missbrauchen. Er scheiterte jedoch glücklicherweise, da eine weitere Schülerin auftauchte und laut um Hilfe schrie. Der Unbekannte flüchtete und ist bis heute nicht gefasst. Wenige Tage zuvor vergewaltigte ein Mann ein achtjähriges Mädchen auf der Toilette einer Grundschule in Wedding. Der Täter hatte die Schülerin auf die Toilette gezerrt und mit einem Messer bedroht. Im vergangenen Jahr wurde Konstantinos M. wegen besonders schwerer Vergewaltigung und schweren sexuellen Kindesmissbrauchs zu einer Haftstrafe von sechseinhalb Jahren verurteilt.





