Erfahrungsbericht

Jahrgangsübergreifendes Lernen wirkt wie ein Durchlauferhitzer

Das jahrgangsübergreifende Lernen JüL hat für Unruhe und Anonymität sowohl im Klassenverbund als auch bei den Eltern gesorgt. Eine Berliner Mutter zieht Bilanz der ersten drei Schuljahre ihres Sohnes.

Foto: Patrick Pleul / pa/dpa/Patrick Pleul

Wir haben es nicht anders gewollt. Dass wir auf die Begegnung gern verzichtet hätten, wissen wir heute. Vor drei Jahren aber sprach wenig gegen JüL – außer vielleicht, dass alle Eltern darüber redeten, ohne es zu kennen. Deshalb wurden wir neugierig auf das jahrgangsübergreifende Lernen, kurz JüLgenannt. Bei dieser Lernmethode werden die Grundschüler vom ersten Tag bis zur zweiten oder sogar dritten Klasse gemeinsam unterrichtet. So hatte es der Berliner Senat beschlossen und 2005 verpflichtend für alle Grundschulen eingeführt.

Weshalb eigentlich? Ich erinnere mich bloß an ein Argument, das wahrscheinlich extra für die Eltern erfunden wurde. Kinder würden sich im sozialen Miteinander üben, hieß es, wenn sie mit jüngeren Schülern lernen, die dankbar für ihre Hilfe sind. Weshalb das in der Klasse funktionieren soll, wo sich zu Hause die unterschiedlichen Jahrgänge permanent miteinander streiten, hat einem niemand erklärt.

Für die Schulpolitiker gab es allerdings noch einen zweiten, triftigen Reformgrund. Berlins Lehrer sollen nach all den alarmierenden Ergebnissen zum Bildungsstand ihrer Grundschüler nun jedes Kind individuell fördern. Dank JüL können starke Schüler ihren Pflichtstoff quasi in Siebenmeilenstiefeln durchqueren und sich so für zusätzliche Aufgaben qualifizieren. Die Schwächeren vertiefen ihr Wissen derweil im eigenen Tempo – notfalls mit einem zusätzlichen Jahr, das in JüL-Klassen nicht weiter auffällt, weil der Wechsel zwischen den Stufen ohnehin fließend ist. Das erzählte uns die künftige Klassenlehrerin beim Einschulungsgespräch.

Die Anfänger bleiben immer die Kleinen

Wenn also alle begeistert sind, weshalb dann als Dinosaurier dastehen? Wären wir es mal geblieben, schließlich hat der ältere Sohn kein bisschen unter der alten Methode gelitten. Doch das Urteil erfahrener Pädagogen wog schwerer. Also meldeten wir den Jüngeren zur JüL-Klasse an und kamen zum ersten Elterntag vor der Einschulung in ungewohnt kleiner Runde zusammen. Acht Eltern saßen dort für acht Schulanfänger: vier Jungs, vier Mädchen – wie persönlich.

Auch die Einschulung verlief nett. Unser Sohn bekam einen Paten, der ihn in den Schulalltag einführte. Bloß wo der Sohn seine Freunde finden soll, wusste er nicht. Solche Details mögen nebensächlich erscheinen angesichts der Hoffnungen, die sich mit JüL verbanden. Sie sind es im Alltag jedoch nicht. Kinder finden das Alter der anderen nämlich sehr wichtig. Ein Jahr macht viel aus. Selbst wenn es offiziell keine Erstklässler mehr gibt, bleiben sie doch die Kleinen. Und mit denen spielen die Älteren nun einmal nicht so gern. Unser Sohn hatte demnach drei potenzielle Freunde. Einer davon war ein Überflieger und gehörte schon nach einem Jahr zu den „Drittklässlern“ – obwohl es sie eigentlich gar nicht gab.

Freunde außerhalb der Schule suchen

Für uns hieß das, in Sportvereinen und Musikschule ganz offensiv um andere Jungs zu werben. Und dennoch zu sehen, dass der tägliche Kontakt in der Klasse eine andere Qualität hat. Das galt übrigens auch für die Eltern. JüL wirkt wie ein Durchlauferhitzer, jedes Jahr formiert sich der Klassenverband neu. Es war unruhig und anonym. Was natürlich ebenso mit uns oder der speziellen Klasse zu tun haben kann. Wenn man es aber zuvor anders erlebt hat, spricht einiges dafür, dass JüL daran nicht unschuldig ist.

Inzwischen kann jede Grundschule in Berlin selbst entscheiden, ob sie weiter altersgemischt lehrt oder nicht. Ein Drittel wird in diesem Schuljahr wieder nach der klassischen Methode unterrichten. Deutlicher könnte die Kapitulation nicht ausfallen. Schade, dass die Kinder im Zweifelsfall die Leidtragenden sind.

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