Schulmappe, Zuckertüte, Blumenstrauß – für 29.600 Berliner Kinder ist am heutigen Sonnabend ein großer Tag. Sie werden eingeschult. Mehr als 3000 ihrer Altersgenossen sind allerdings nicht dabei, wenn die Erstklässler heute in der Schule begrüßt werden. Statt am Montag mit dem Ranzen auf dem Rücken zur Schule zu gehen, werden sie weiterhin die Kita besuchen. Ihre Eltern haben beantragt, sie später einzuschulen.

Mehr als zehn Prozent zurückgestellt

Damit liegen sie im Trend. In den vergangenen Jahren haben immer mehr Eltern versucht, der frühen Einschulung ihrer Kinder mit fünfeinhalb Jahren durch Rückstellungen zu entgehen. Zu Beginn dieses Schuljahres sind mehr als zehn Prozent aller einschulungspflichtigen Kinder um ein Jahr zurückgestellt worden.

Besonders viele potenzielle Erstklässler bleiben in Pankow noch ein Jahr in der Kita. Von 3200 schulpflichtigen Kindern haben zum neuen Schuljahr 622 Kinder noch ein Jahr Aufschub erhalten. Im vergangenen Jahr waren es noch 420. „Diese erhebliche Steigerung von fast einem Drittel ist nicht durch wachsende Schülerzahlen zu erklären“, sagt Lioba Zürn-Kasztantowicz (SPD), Bildungsstadträtin von Pankow. Bei der überdurchschnittlichen Sozialstruktur im Bezirk sei die hohe Quote auch nicht auf zu wenig entwickelte oder geförderte Kinder zurückzuführen, so die Stadträtin. Eine Erklärung mochte sie daher, anders als Bildungsstadträte, nicht liefern.

Eltern gönnen Kindern mehr Zeit

In Tempelhof-Schöneberg ist die Zahl der Kinder, die später eingeschult werden, in diesem Jahr von 256 auf 383 gestiegen. In Charlotttenburg-Wilmersdorf gibt es aktuell 208 Rückstellungen, 2012 waren es dort 172. In Steglitz-Zehlendorf sind 266 der 2200 künftigen Erstklässler von der Schulpflicht entbunden und ein Jahr zurückgestellt worden. Im vergangenen Jahr waren es dort 184 Kinder. Bildungsstadträtin Cerstin Richter-Kotowski (CDU) sagt, dass immer mehr Eltern ihren Kindern noch etwas mehr Zeit bis zur Einschulung gönnen wollen.

Die frühe Einschulung habe sich nicht bewährt. Sie plädiert dafür, das Schulgesetz zu ändern und das Einschulungsalter von fünfeinhalb wieder auf sechs Jahre zu erhöhen. Es sei der falsche Weg, es den Eltern stattdessen noch leichter zu machen, die Rückstellung ihrer Kinder zu beantragen, so wie die Bildungssenatorin das jetzt vorhabe. „Das ist Augenwischerei“, sagt Richter-Kotowski.

Neuköllns Bildungsstadträtin Franziska Giffey (SPD) fordert ebenfalls die Anhebung des Einschulungsalters auf sechs Jahre. In Neukölln ist die Zahl der Rückstellungen von 200 (Schuljahr 2012/13) auf 370 gestiegen. Das habe zwar andere Gründe als in den bürgerlichen Bezirken, zeige aber, dass das frühe Einschulungsalter problematisch sei, sagt Giffey. „Viele unserer Kinder haben Sprachdefizite, Entwicklungsverzögerungen oder Schwierigkeiten im Sozialverhalten.“ Die 370 zurückgestellten Kinder seien aber nur die „Spitze des Eisberges“. Von denen, die jetzt eingeschult werden würden, hätten 40 Prozent Sprachdefizite, 60 Prozent seien in ihrer körperlich-motorischen Entwicklung verzögert. Die Folge: Ein Viertel der Neuköllner Kinder müsste die zweite Klasse wiederholen.

Einschulungsalter erhöhen

Auch auf Landesebene wird über das Einschulungsalter debattiert. Die Grünen hatten bereits Anfang des Jahres einen Antrag auf Gesetzesänderung gestellt und die Rücknahme der frühen Einschulung gefordert. Der Antrag ist allerdings von der Koalition abgelehnt worden. Özcan Mutlu, bildungspolitischer Sprecher der Grünen, sagt, dass Berlin inzwischen das einzige Bundesland sei, das die Kinder noch mit fünfeinhalb Jahren einschult. „Wenn jetzt mehr als zehn Prozent der potenziellen Erstklässler zurückgestellt worden sind, ist das ein Alarmzeichen“, so Mutlu.

Der Bildungsexperte der CDU, Stefan Schlede, sieht ebenfalls Handlungsbedarf. Obwohl es aufwendig sei, würden immer mehr Eltern die spätere Einschulung ihrer Kinder beantragen.

Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) hat zu Beginn des Schuljahres angekündigt, das Rückstellungsverfahren noch weiter zu erleichtern. Außerdem hat sie das Institut für Schulqualität beauftragt, zu prüfen, ob es einen Zusammenhang gibt zwischen dem Lebensalter und der Schulleistung der Kinder.

Studienergebnisse liegen Ende des Jahres vor

Dazu sollen die Ergebnisse der zentralen Vergleichsarbeiten in den Jahrgangsstufen drei und acht herangezogen werden. Die Studie soll Ende des Jahres vorliegen. Scheeres’ Sprecherin Beate Stoffers betont, dass es nicht nur die jungen Kinder sind, die zurückgestellt werden. „Es gibt keine Kausalität. Die Kinder haben in diesem Alter einen unterschiedlichen Entwicklungsstand“, sagt sie.

Die Herabsetzung des Einschulungsalters war eine wesentliche Maßnahme nach dem Pisa-Schock 2001. In Berlin wurde 2004 das Schulgesetz geändert, sodass die Kinder nicht mehr mit sechs Jahren, sondern mit fünfeinhalb eingeschult wurden. Vor allem die Sprachförderung sollte so verbessert werden.