Elisabeth Schwab aus Prenzlauer Berg ist genervt. In 25 Kitas hat sie ihren Sohn Lasse angemeldet. Und zwar bereits kurz nach seiner Geburt im Oktober 2011. Fast zwei Jahre musste sie warten, bis es endlich mit einem Platz geklappt hat. Von der kommenden Woche an wird Lasse nun in einer Kita in der Nähe der Wohnung der Familie am Kollwitzplatz betreut werden.
Wie Elisabeth Schwab geht es vielen Eltern in Berlin. Obwohl sie vom 1. August an einen Rechtsanspruch auf einen Kita-Platz haben und der Senat bis 2016 insgesamt 11.200 zusätzliche Plätze schaffen will, ist es nicht leicht für sie, einen geeigneten Platz zu finden. „Ich hatte zwar noch zwei weitere Angebote, doch nur diese eine Kita ist für mich in Frage gekommen“, sagt Schwab. Sie arbeitet im Krankenhaus und braucht deshalb eine Kita mit langen Öffnungszeiten. Lasse wird nun eine Einrichtung besuchen, die es schon zu DDR-Zeiten gab. Lange Öffnungszeiten sind dort normal.
Anmeldung für Kita-Platz bereits vor der Geburt
Elisabeth Schwab ist auch deshalb ärgerlich über die Situation, weil sie gern schon vor einem Jahr wieder angefangen hätte zu arbeiten. „Inzwischen muss man sich ja bereits für einen Kita-Platz anmelden, wenn man gerade schwanger geworden ist. Das finde ich pervers“, sagt sie. Ihr habe schon gereicht, dass viele der Kitas, in denen sie sich vorgestellt hatte, sie aufforderten, mindestens einmal alle sechs Wochen anzurufen. „Ich sollte immer wieder mitteilen, dass ich nach wie vor an einem Platz in der betreffenden Einrichtung interessiert bin“, sagt Schwab. Das habe sie gestresst. „Die Kitas brauchen ja mittlerweile eine Sekretärin, um all diese Anrufe entgegen zu nehmen.“
Auch Soziologin Christa Preissing vom Berliner Kita-Institut für Qualitätsentwicklung kritisiert, dass Berliner Eltern in Sachen Kita-Platz schon lange kein Wahlrecht mehr haben. Dort, wo sie dringend gebraucht werden würden, gebe es einfach nicht genug Kita-Plätze, sagt sie. „Gerade Kitas mit einem besonderen pädagogischen Ansatz und solche in dicht besiedelten Innenstadtbezirken sind derart nachgefragt, dass die Wartezeiten mindestens zwei Jahre betragen.“
Geschwisterkinder haben in einigen Berliner Kitas Vorrang
Maria Samkina aus Friedenau hatte mehr Glück. Sie hat schon einen Kita-Platz für ihr zweites Kind, obwohl das erst im September zur Welt kommen soll. Für den Platz bei den „Berliner Spatzen“ hat sie ihr Ungeborenes allerdings schon vor drei Monaten angemeldet. „Das hat geklappt, aber nur, weil meine dreieinhalbjährige Tochter Katharina bereits diese Kita besucht. Geschwisterkinder haben dort Vorrang“, sagt sie.
Wenn es ein Jahr alt ist, soll Samkinas zweites Kind in die Kita gehen. „Das ist nötig, weil ich dann meine Master-Arbeit schreiben will“, sagt die 29 Jahre alte Mutter und hofft, dass alles nach Plan laufen wird. „Manchmal mache ich mir trotzdem Sorgen, dass etwas dazwischen kommen könnte. Unsere Kita hat bereits eine Warteliste.“
Eltern müssen monatlich ihr Interesse an der Kita bekunden
Auf den Geschwisterbonus konnte sich Anja Fischer nicht verlassen. Ihr Töchterchen Charlotte hat zwar zwei ältere Brüder, die beide eine Kita im Prenzlauer Berg besuchten. Doch die Familie ist inzwischen in einen anderen Kiez umgezogen, sodass für Charlotte die Kita ihrer Brüder nicht mehr in Frage kommt, zu weit weg von der neuen Wohnung. „Ich arbeite in Charlottenburg und kann es mir nicht leisten, erst noch einen weiten Weg zur Kita machen zu müssen, bevor ich zur Arbeit fahre“, sagt Anja Fischer.
Die Grafikdesignerin hat sich deshalb in der Nähe ihrer neuen Wohnung nach einem Kita-Platz umgesehen und war sogar relativ schnell erfolgreich. Ärgerlich findet sie allerdings, dass ihr alle Einrichtungen mitteilten, dass sie nur im August neue Kinder aufnehmen würden. „Mein Sohn ist im Winter geboren. Statt nach einem Jahr, kann ich deshalb erst nach anderthalb Jahren wieder zu arbeiten anfangen.“ Es sei nicht leicht gewesen, dem Arbeitgeber das zu erklären.
Als äußerst unangenehm und stressig hat auch Anja Fischer die Tatsache empfunden, dass sie alle Kitas, in denen sie sich angemeldet hatte, mindestens einmal im Monat anrufen musste. Immer wieder sollte sie ihr Interesse an einem Platz in der jeweiligen Einrichtung bekunden. „Vernünftiger wäre es doch, wenn eine übergeordnete Stelle alle Anmeldungen sammelt und den Eltern einen Kita-Platz zuteilt“, sagt Fischer.
Berlins Kitas fehlen die Erzieher
Kita-Expertin Christa Preissing bezeichnet den Fachkräftemangel, mit dem die Berliner Kitas zu kämpfen haben, als Teil des Problems. „Rein theoretisch haben viele Kitas noch freie Plätze. Sie können aber keine neuen Gruppen aufmachen, weil ihnen die Erzieher fehlen.“
Preissing fordert den Senat auf, endlich den Status des Erzieherberufes aufzuwerten. „Wir reden seid Jahrzehnten davon, bisher hat sich aber nichts getan.“ Erzieher müssten deutlich besser bezahlt werden, Berufsanfänger unbefristete Arbeitsverträge bekommen, sagt sie. Den vielen Teilzeitkräften in den Kitas müssten zudem Anreize geboten werden, damit sie bereit wären, aufzustocken. „Berlin ist zwar auf dem richtigen Weg, was die Qualitätsentwicklung im Kita-Bereich angeht“, sagt die Soziologin. Ohne eine bessere Bezahlung der Erzieherinnen werde es aber nicht gehen. „Das muss auch der Finanzsenator einsehen.“
Verunsicherten Eltern rät die Expertin, bei den Jugendämtern nachzufragen. „Die haben einen guten Überblick darüber, welche Kita wie ausgelastet ist.“





