Vermutlich wird der 57-jährige Lothar M. das Gefängnis nie wieder verlassen dürfen. Es sei bei ihm keine Besserung zu bemerken, sagte Thomas Groß, Vorsitzender eines Moabiter Schwurgerichts. M., der eine junge Frau mit einem Schuss schwer verletzt hat, wurde am Dienstag wegen versuchten Mordes zu neun Jahren und neun Monaten Haft verurteilt.

Mindestens ebenso schwerwiegend war jedoch der Entscheid des Gerichtes, sich vorzubehalten, gegen den Angeklagten auch noch Sicherungsverwahrung auszusprechen. Das jedoch könne aus rechtlichen Gründen erst nach Verbüßen der Haftzeit geschehen, sagte Groß.

Lothar M. ist mehrfach vorbestraft, zumeist wegen Vergewaltigungen. Er hatte schon vor der letzten Straftat fast 15 Jahre im Gefängnis verbracht.

Was folgte, war klassisches Stalking

Im Frühjahr 2011 lernte er auf dem Straßenstrich an der Kürfürstenstraße die 28-jährige Nicole R. kennen. Sie kam aus dem Brandenburgischen, hatte ihn Berlin keinen festen Halt gefunden, Drogen genommen und war am Ende zur Kurfürstenstraße gekommen. Lothar M. war zunächst ein Freier, wurde aber – zumindest aus seiner Sicht – zunehmend zum Liebhaber. Er beschenkte die junge Frau, gab ihr Geld, lud sie zum Essen ein.

Sie war davon angetan, sah es aber nicht Liebesbeziehung. Als Lothar M. zudringlicher wurde, wendete sie sich ab. Was folgte, war klassisches Stalking: Lothar M. rief Nicole R. pausenlos an, schickte ihr SMS, lauerte ihr auf, um sie zur Rede zu stellen. Er nahm sogar Kontakt mit ihrer Mutter auf und drohte, dass er die Mafia einschalten könne.

Am 17. Juli 2011 fuhr Lothar M. kurz vor Mitternacht nach Adlershof. Er wusste, dass Nicole R., die nicht mehr auf den Straßenstrich ging, dort in einer Imbissbude jobbte. In der Tasche trug er eine scharf gemachte Signalpistole. Ein Bekannter begleitete ihn. Seine Aufgabe war es, die junge Frau aus dem Imbiss zu locken. Was er dann auch tat.

Und draußen wartete Lothar M. Er versuchte Nicole R. zu umarmen, sagte zu ihr: „Ich liebe dich doch!“ Sie riss sich los. Sah, wie er die Pistole aus der Tasche zog, versuchte vergeblich, in die Imbissbude zu fliehen. Lothar M. schoss ihr aus fünf Metern Entfernung in den Leib.

Ärzte konnten Nicole R. gerade noch retten

Das Geschoss verletzte innere Organe. Ärzte konnten Nicole R. gerade noch retten. Die Mutter einer kleinen Tochter ist bis heute in psychiatrischer Behandlung und noch nicht wieder arbeitsfähig.

Lothar M. wurde für diesen versuchten Mord im April 2012 von einem anderen Moabiter Schwurgericht zu zehn Jahren und vier Monaten Haft verurteilt. Den Antrag der Staatsanwaltschaft auf eine anschließende Sicherungsverwahrung lehnte die Kammer damals jedoch ab. Mit der Begründung, dass der Angeklagte nach der Entlassung wegen seines doch recht hohen Alters nicht mehr gefährlich sei. Die Ankläger legten Revision ein. Und der Bundesgerichtshof hob das Urteil mit der Maßgabe auf, die Verhängung der anschließenden Sicherungsverwahrung noch einmal genau prüfen.

Nach dem Gesetz, sagte Richter Groß, sei das Verhängen einer Sicherungsverwahrung aber nur möglich, wenn es vor der aktuell verhandelten Straftat schon einmal eine schwere Straftat gab. Und zwischen diesen Straftaten dürfe sich der Angeklagte höchstens fünf Jahre in Freiheit befunden haben. Im Fall von Lothar M. seien aber mehr als fünf Jahre vergangen. Deswegen habe die Kammer festgelegt, sich die Entscheidung über die Sicherungsverwahrung vorzubehalten. „Wir wissen, dass wir damit bundesweit Neuland betreten“, sagte Groß.

Der Richter machte aber auch keinen Hehl aus seiner Prognose. Lothar M. sagte er, sei ein dissozialer Mensch, der sich nimmt, was er haben will. Und wenn er es nicht bekommt, dann straft er ab.“ Er habe nach wie vor einen Hang zu schweren Straftaten und sei eine Gefahr für die Allgemeinheit. „Es liegt an Ihnen, ob sie die Haftzeit nutzen und etwas daran ändern“, sagte Groß mit Blick auf die Anklagebank. Aber seine Mimik verriet, dass er da keine Hoffnungen hat.