Sommerzeit

Wie Smartphones Berlins Straßenmusikern zu schaffen machen

Vor Restaurants und Bars in Mitte und Kreuzberg spielen auch in diesem Sommer zahlreiche Berufsmusiker. Einige stammen von renommierten Musikhochschulen. Aufmerksamkeit garantiert das allerdings nicht.

Foto: David Heerde

„Das ist unkollegial. Das machen wir nicht“, sagt Thorsten und zeigt mit seinem Gitarrenhals auf den Saxofon-Spieler auf der anderen Straßenseite. Es gehört zum Ehrenkodex der Berliner Straßenmusiker, nicht in das Konzert eines anderen hineinzuklimpern. Man wartet, bis der andere ausgespielt hat. Thorsten mit der Gitarre ist an diesem Abend etwas ungehalten.

Es ist 20.30 Uhr, viel Zeit bleibt ihm nicht mehr, um zu spielen und dann für seine Darbietung von den Gaststättenbesuchern mit klingender Münze belohnt zu werden. Das Ordnungsamt erlaubt Musik auf der Straße nur bis 22 Uhr. „Und gerade in Prenzlauer Berg brüllen die Leute danach gern mal aus dem Fenster, dass man gefälligst still sein soll.“

Konkurrenz unter Berlins Straßenmuskern ist groß

In Berlins Restaurantdistrikten wie den Straßen rund um den Helmholtzplatz in Prenzlauer Berg sowie die Kreuzberger Bergmannstraße wird es jedes Jahr im Sommer noch ein bisschen bunter: Neben Saxofonisten und Akkordeon-Gruppen buhlen dort auch zahlreiche Berliner Berufsmusiker um die Gunst der Biergartengäste. Viele von ihnen leben ausschließlich von den allabendlich erspielten Einnahmen.

Thorsten ist 52 Jahre alt, von Beruf Musiker, aber derzeit „Hartz-IV-positiv“, wie er sagt. Seit fünf Jahren macht er mit seiner Band Straßenmusik. Er verdiene damit „ein gutes Zubrot“. Einen richtigen Namen habe seine Erwerbsquelle aber nicht. „Obwohl doch. Wir heißen: Katzen essen gerne Fisch“, sagt Thorsten. Warum? „Es ist uns vor zwei Wochen spontan eingefallen.“ Thorsten ist etwas flapsig: „Wie sollten wir uns denn sonst nennen? Die dicken Männer mit der Kleinen?“ Die „Kleine“ ist Jessi, eine 23 Jahre alte Gitarristin, die erst seit ein paar Wochen Teil der Band ist. „Sie ist auf der Fête da la Musique auf mich zugekommen und hat gefragt, ob ich ihr Gitarre spielen beibringen könnte“, sagt Thorsten. Seitdem gibt er ihr Unterricht.

Der chillige Sound der Gruppe „Katzen essen gerne Fisch“

Kaum hat der Saxofonist auf der gegenüberliegenden Straßenseite geendet, positioniert sich „Katzen essen gerne Fisch“ vor dem arabischen Restaurant „Al Hamra“ an der Raumerstraße unweit des Helmholtzplatzes. Die Gitarren flirren ruhig, ein Kollege trommelt, das Rhythmusei raschelt, es entsteht ein entspannter Soundteppich. Die Menschen an den Tischen vor dem Restaurant reden scheinbar ungestört weiter. Erst nach und nach lösen sich einzelne Gäste aus ihren Unterhaltungen und widmen ihre Aufmerksamkeit den Musikern.

Marion aus Prenzlauer Berg trinkt mit Schwester und Freunden Cocktails: „Ich bin nicht immer für Straßenmusik, allein schon wegen der Anwohner. Aber das hier ist wirklich gekonnt. Sehr chillig“, sagt die 54-Jährige. „Nicht so aufdringlich wie der Saxofonist eben“, stimmt ihre Schwester zu. „Eher wie Filmmusik“, sagt Marion. Die Schwestern ziehen ihre Schuhe aus, legen die Füße auf einen freien Stuhl, die Band beginnt ihr zweites Lied. Danach gibt es Applaus.

Straßenmusiker von der Franz-Liszt-Hochschule

Fußgänger bleiben stehen, wenn auch auf Abstand. Der Rhythmusei-Schüttler geht mit seiner Mütze auf Sammeltour. Zum Schluss finden sich ein Fünf-Euro-Schein und ein paar Münzen in der Mütze.

Achim ist 44 Jahre alt und Berufsmusiker: „Wir haben uns alle mal in der Autowaschanlage getroffen“, sagt er. „Aber dieser Mann hier ist eine Legende.“ Er deutet auf die Brust des Trommelspielers: „Das ist Manfred Haucke.“ Haucke lacht ein wenig. „Ich bin 63 Jahre alt und habe mal an der Franz-Liszt-Hochschule in Weimar Musik studiert“, stellt er sich vor. Zu DDR-Zeiten sei er Teil mehrerer Bands gewesen. Heute habe er nun einen YouTube-Channel und spiele, wann immer er könne, auf der Straße.

Smartphones machen Straßenmusikern zu schaffen

„Die Situation für uns Straßenmusiker hat sich in den vergangenen fünf Jahren stark verändert“, sagt Thorsten. „Die Aufmerksamkeit ist nicht mehr so wie früher. Schuld sind die Smartphones. Die Menschen sitzen in den Biergärten und starren auf ihre Telefone.“ Der Musiker zuckt ratlos mit den Schultern: „Vielleicht sollten wir jetzt Handytöne spielen, um wieder gehört zu werden.“

Szenenwechsel. Vor dem Kreuzberger Wirtshaus „Dicker Bruno“ herrscht eine ähnliche Stimmung wie zu später Stunde auf einem Kreuzfahrtschiff. Zwei schwarz gekleidete Männer mit Kopfbedeckung musizieren auf Gitarre und Kontrabass „Where Is My Mind“ von den Pixies, und das etwas betagtere Publikum geht freudig mit. Geschunkel. Lachende, alkoholisiert wirkende Menschen. Pfiffe und Applaus. „Das hier ist der original Hut von Johnny Cash“, sagt der Gitarrist dann und bewegt sich auf sein heiteres Publikum zu: „Ihr habt jetzt die Möglichkeit, hier alle eure Johnnys reinzulegen.“

Peter Subway und Dieter Dienstag machen seit 14 Jahren zusammen Musik. Subway arbeitet nebenbei noch in einer Kreuzberger Eckkneipe als Kellner. Dienstag ist Gärtner. Trotzdem gehen sie zwei bis drei Mal die Woche raus auf die Straße und spielen in bis zu fünf verschiedenen Restaurants pro Abend. „Immer zwischen sieben und zehn Lieder. Im Winter sind die Auftritte ausgebucht.“

Straßenmusiker halten ihre Auftrittsorte geheim

Vor welchen Restaurants die Musiker anzutreffen sind, wollen sie nicht sagen: „Im Sommer sind gute Plätze hart umkämpft. Den Hackeschen Markt etwa kann man total vergessen. Sobald es draußen schön wird, gehen da alle hin.“

Ihr Musikstil, eine Mischung aus Covern und Eigenkompositionen, komme auch international gut an. Sie hätten schon in den Niederlanden und Australien auf der Straße gespielt. „Einmal haben wir aber auch auf einer Beerdigung gespielt“, sagt Dienstag. „Ja, von dem Daniel. Der ist in einer unserer Stammkneipen am Südkreuz vom Hocker gefallen. Seine Familie hat uns dann gebeten, ihm diesen letzten Gefallen zu tun.“

Um 22 Uhr trinken die Musiker ihr Feierabendbier, sie müssen bald nach Hause. Denn am nächsten Tag haben sie um 12 Uhr auf einem Markt in Spandau einen Termin. „Ein gebuchter Auftritt“, sagt Subway. Und trinkt sein Bier aus.