Rund um die Mühlendammschleuse ist es am Donnerstagmorgen ruhig. Eigentlich passieren täglich bis zu 180 Fahrgastschiffe die Schleuse, während der Ferien kommen etwa 100 Sportboote hinzu. Doch jetzt ist über dem Schleusentor nur ein Banner zu sehen. „Wir machen Schifffahrt möglich“ steht darauf.
Ein wenig abseits organisiert sich unter dem Schatten der Bäume eine kleine Protestveranstaltung von Ver.di. Seit Donnerstag um 6 Uhr haben die Mitarbeiter an allen Berliner Schleusen ihre Arbeit niedergelegt. Lediglich ein Notfallbetrieb wird aufrechterhalten. Das gesamte Sommerwochenende über wird es zu Einschränkungen für Ausflugsdampfer, Freizeitschiffer und Frachtverkehr geben.
„Wir wollen, dass unsere Jobs mit einem Tarifvertrag sozial abgesichert sind. Keine höheren Lohnforderungen, nur besseren Kündigungsschutz und vernünftige Versetzungsregelungen“, sagt Christel Björkman, Schichtleiterin an der Schleuse Spandau und Personalratsvorsitzende.
Schleusen seit Wochen in Deutschland bestreikt
Hintergrund des Streiks ist der von Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer (CSU) eingeleitete Reformprozess der Wasser- und Schifffahrtsverwaltung (WSV). Bundesweit könnten 4000 der insgesamt 12.000 Arbeitsplätze wegfallen. Zwei Verhandlungsrunden mit Bundesinnen- und dem Bundesverkehrsministerium blieben erfolglos.
„Die ohnehin angespannte Personalsituation an den Schleusen würde sich nach dieser Reform weiter zuspitzen“, erklärt Björkman. Bisher gäbe es lediglich mündliche und schriftliche Zusagen von Seiten Ramsauers, dass die Arbeitsplätze sicher seien. Das reicht den Mitarbeitern in Berlin nicht, gerade in Zeiten des Wahlkampfes – sie wollen einen festen Tarifvertrag. Bereits seit mehreren Wochen werden in verschiedenen Regionen Deutschlands Schleusen bestreikt.
Bis 24 Uhr in der Nacht zum Sonntag sind alle sechs Berliner Schleusen gesperrt – Mühlendamm, Plötzensee, Charlottenburg, Spandau, Unterschleuse und Oberschleuse. Betroffen von dem Streik sind vor allem die Ausflugsdampfer. Aufgrund der geschlossenen Schleusen können nicht alle Bootstouren wie geplant stattfinden.
Pendelverkehr in der Berliner Innenstadt
Die innerstädtischen Fahrten finden zwar zumeist ohne Einschränkungen statt – Brückenfahrten können allerdings entweder gar nicht oder nur mit abgeänderter Route gemacht werden. Die meisten pendeln auf der Strecke zwischen den Schleusen Charlottenburg und Mühlendamm. Auch in Brandenburg wird gestreikt, dort sind die Schleusen Kleinmachnow, Woltersdorf, Wernsdorf, Fürstenwalde, Eisenhüttenstadt, Storkow, Neue Mühle und Kummersdorf außer Betrieb.
An den Anlegestellen rund um die Museumsinsel nimmt der Betrieb gegen Mittag deshalb nur langsam Fahrt auf. Gerade für einen sonnigen Sommertag sind die Decks der Ausflugsdampfer auffällig leer. Gedränge und Menschenschlangen vor den Ticketschaltern – Fehlanzeige. Die Sitzreihen der Boote sind höchstens halb besetzt, die Bootsführer stehen allein vor ihren Werbeplakaten.
Der Bootsverkehr erleidet durch den Streik des Schleusenpersonals eine merkbare Einbuße. „Wir hatten ganze Touristengruppen, 50 und mehr angemeldete Gäste, die deswegen abgesprungen sind“, klagt Marek Sierzputowsky. Der Co-Kapitän der „Prenzlauer Berg“ fährt heute zum ersten Mal die Innenstadt-Route. Normalerweise lenkt er das Schiff von hier aus der Stadt heraus – rein ins Grün der Berliner Seen. Doch dieser Weg ist versperrt.
Übliche Fahrgastscharen bleiben aus
„Voll bekommen wir das Schiff heute sicher nicht mehr“, sagt er. Und denen, die kommen, muss er versichern, dass die Fahrt, die er heute vorhabe, auch schön sei. Er reißt ein paar Tickets ab, dann schaut er sich suchend um. Doch da kommt niemand mehr, der Anleger an der Schlossbaustelle bleibt vorerst leer.
Auch im Treptower Hafen, wo Schiffe wie die „Prenzlauer Berg“ über Nacht anlegen, geht es am Donnerstag ruhig zu. Nur die Bootslinien, die in Richtung der Seen fahren, legen wie gewohnt ab. Eine Mitarbeiterin der Stern und Kreis Reederei informiert die wartenden Fahrgäste über die Umstellungen im Innenstadtbereich.
Das Ausbleiben der üblichen Fahrgastscharen ist nur eines der Probleme, die der Streik den Bootsführern und ihren Gesellschaften bereitet. „Wir können unseren Heimathafen nicht anlaufen“, erklärt ein Kapitän auf der anderen Seite des Kanals. „Normalerweise liegen wir nachts in Treptow, jetzt müssen wir in der Stadt bleiben.“ Für die Boote ist das nicht dramatisch, getankt werden kann auch in der Innenstadt, doch es erschwert die Versorgung der Schiffe.
Reedereien haben wenig Zustimmung für Streik
Für vier Tage im Voraus habe er Vorräte eingeladen, erklärt der Kapitän. Trotz aller Schwierigkeiten, die der Streik ihm bereitet, kann er die Mitarbeiter der Schleusen gut verstehen. „Die sind völlig unterbesetzt“, sagt er. Manchmal komme es sogar vor, dass Schleusen, die zwei Tore hätten, nur eins betreiben könnten. Wegen Personalmangels.
Die SPD-Abgeordneten Swen Schulz und Daniel Buchholz sehen die Verantwortung auf Seiten der Bundesregierung: „Die Beschäftigten kämpfen nicht nur für die eigenen Arbeitsplätze. Vielmehr geht es hier in unser aller Interesse um eine funktionierende öffentliche Verwaltung, die sich um die Sicherheit, den Schutz und die Pflege der Wasserstraßen kümmert.“
Auf Seiten der Reedereien stößt der Streik dagegen auf wenig Zustimmung. „Ich habe für den gesamten Streik überhaupt kein Verständnis. Das Schleusenpersonal hat eine schriftliche Zusage von Ramsauer, wozu bedarf es dann noch eines Tarifvertrages?“, sagt Jürgen Loch, Geschäftsführer der Stern und Kreisschifffahrt. Den Schaden der Reederei beziffert er auf mindestens 30.000 Euro pro Streiktag.
Keine der sonst 15 Mal am Tag stattfindenden Brückenfahrten über Spree und Landwehrkanal führt das Unternehmen durch. Betroffen sind auch Fahrten von Tegel in die Innenstadt, die aufgrund der Schleusensperrungen in Plötzensee und Charlottenburg nicht durchgeführt werden können. Auch die anderen beiden großen Reedereien Riedel und Winkler haben wenig Verständnis für den Streik.





