Die bundesweiten Streikaktionen von Schleusenwärtern haben am Donnerstag Berlin und Brandenburg erreicht. Rund 500 Beschäftigte der Wasser- und Schifffahrtsverwaltung legten ihre Arbeit für drei Tage nieder, in der Hauptstadt blieben alle sechs Schleusen dicht.

Das zwischen Charlottenburg und dem Nikolaiviertel befürchtete Chaos auf der Spree blieb aber aus: Das Schiffsaufkommen erhöhte sich im Zentrum nicht merklich. Die Tourismusbranche hielt sich mit Kritik zurück.

Die Ausfälle einiger großen Fahrgasttouren über Spree und Landwehrkanal seien für diejenigen Berlin-Besucher bedauerlich, die sich umorientieren mussten, sagte ein Sprecher der Marketinggesellschaft Visit Berlin. Die meisten Angebote der Reeder beträfen aber ohnehin die schleusenfreie Innenstadt zwischen Kanzleramt und Museumsinsel. Touren in Richtung Müggelsee würden trotzdem mit einer geänderten Routenführung angeboten. Die Betreiber rechneten dennoch mit Einbußen.

An der Mühlendamm-Schleuse im Nikolaiviertel war es am Vormittag ungewohnt ruhig. In regelmäßigen Abständen wendeten Touristenboote und fuhren zurück in Richtung Regierungsviertel. Sportboote waren nicht unterwegs. Nach Angaben des Wasser- und Schifffahrtsamts passieren in der Regel täglich bis zu 180 Fahrgastschiffe die Schleuse, in der Ferienzeit kommen etwa 100 Sportboote hinzu.

Auch im brandenburgischen Kleinmachnow (Potsdam-Mittelmark) sorgte der Streik für ungewohnte Ruhe. Am Donnerstag näherte sich nahezu kein Boot oder Schiff der Schleuse am Teltow-Kanal. Normalerweise fahren etwa zehn Binnenschiffe und ein Fahrgastschiff die Anlage an. Vor allem werde die Schleuse aber von Sportbooten genutzt. 25 bis 40 seien es täglich, aktuell in der Ferienzeit sowie an Wochenenden kämen bis zu 100 Boote.

Streik ist ein Thema

Von den im Treptower Hafen ablegenden Schiffen war nach Informationen der Berliner Morgenpost die Linie S7 der Reederei Stern und Kreisschifffahrt nach Rüdersdorf betroffen. Sie fährt zwar, aber auf einer leicht veränderten Route.

Die „Spreefahrt in die Stadt“ der Linie C6 fällt aus. Das war an diesem Donnerstag allerdings noch kein Problem. Denn die C6 fährt laut Plan nur sonnabends, sonntags und feiertags.

Offensichtlich ist der Streik trotzdem ein Thema. Mehrere Menschen, die in der kleinen Schlange am Ticketschalter stehen, haben vorher bei Stern und Kreis angerufen und sich nach dem Fahrplan ihres Schiffs erkundigt. Bis jetzt sind in Treptow noch keine verwirrten Touristen zu sehen. Man trifft hauptsächlich Rentner und Berliner, die die Schiffe als Verkehrsmittel nutzen. Stern und Kreis weist ihre Kunden mit mehreren Aushängen auf den Schleusenstreik hin.

Zwei blonde Damen hinter den Schaltern der Verkaufsstelle informieren darüber und machen mehrmals klar, dass der Streik auf einen Aufruf von Ver.di zurückgeht und nicht etwa ihr Verschulden ist. Ansonsten: Alltag. Gabelstapler bringen Getränke und Lebensmittel an Bord der Schiffe, die kleinen Imbissbuden an Hafen ziehen die Rollläden hoch und ab und zu dröhnt der Warnton eines ablegenden Schiffes durch die Luft.

Druck erhöhen im Tarifstreit mit dem Bund

Mit dem Streik will die Gewerkschaft Verdi den Druck im Tarifstreit mit dem Bund erhöhen. Verdi fordert für die Beschäftigten der Wasser -und Schifffahrtsverwaltung den Abschluss eines Tarifvertrags mit festgeschriebenem Kündigungsschutz und einer Sicherheit vor Lohneinbußen. Hintergrund sind Pläne des Bundes, 4000 der rund 12 000 Jobs in der Branche zu streichen. Dieser Stellenabbau soll nach dem Willen der Gewerkschaft sozialverträglich in einem Tarifvertrag geregelt werden.

Verdi-Bereichsleiter Klaus Weber rechnet nach bisher zwei ergebnislosen Verhandlungen mit dem Bundesinnenministerium und dem Bundesverkehrsministerium nicht mit einer schnellen Einigung. „Das ist ein zähes Ringen.“ Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer (CSU) habe die Kernaussagen eines möglichen Tarifvertrags zwar mündlich zugesichert. „Das reicht uns gerade vor der Bundestagswahl aber nicht“, sagte Weber.

Das Bundesverkehrsministerium sicherte den Beschäftigten die soziale Absicherung hingegen erneut zu. Ramsauer habe in einem Schreiben an Verdi auch auf die Einschätzung eines Gutachters verwiesen, wonach „ein einklagbarer Anspruch“ gegenüber künftigen Bundesregierungen bestehe, teilte das Ministerium mit.

BM