Die Kerle überragen Angelika Reinke um Haupteslänge. Vier von ihnen haben die Polizeibeamtin mit den blonden kurzen Haaren im Dunkeln umringt. Alkoholdunst umgibt die jungen Männer. Wenn sie sprechen, kommen sie zu nah an Angelika Reinkes Gesicht heran.
„Warum haben Sie eigentlich ein blaues Hemd an und Ihr Kollege ein weißes?“ will einer von ihnen wissen. „Frau Reinke, wissen Sie noch, wie Sie mich mal an die Wand gestellt haben?“ fragt der nächste. „Sind wir jetzt zu laut gewesen?“ ruft es aus der Gruppe Jugendlicher im Hintergrund.
Es kreisen Flaschen und auch Joints
Vielleicht 30 Jugendliche haben sich an diesem Freitagabend in der Nähe des Kreuzfahrtschiffes an der Greenwich-Promenade getroffen. Flaschen kreisen, angeblich auch Joints, weshalb die Polizei hierher gerufen wurde.
Es ist Hafenfest in Tegel. Die Musik der Hauptbühne schallt herüber, Rockklassiker. Die Jugendlichen sind aber sowieso oft hier, Hafenfest hin oder her. Angelika Reinke kennt viele von ihnen, einige beim Namen. Die 54-Jährige ist Jugendsachbearbeiterin bei der örtlichen Polizei – sie kümmert sich um Straftaten, die von Minderjährigen begangen werden. Ein paar der Jungs kennt Reinke besser, als ihr lieb ist. Jetzt sind sie 18, 19, 20 Jahre alt, doch die Polizeiakten mancher junger Männer reichen bereits fünf oder sechs Jahre zurück. Die Geschichte von der Jugend, die keinen Respekt mehr hat und immer krimineller wird, erzählt Angelika Reinke trotzdem nicht. „Eigentlich sind die alle ganz nett hier“, sagt sie. In Tegel sei das so.
Polizisten schieben 14-Stunden-Schichten
„Die haben alle großen Respekt vor ihr“, sagt Thomas Winkelsesser, als er die Szene aus ein paar Metern Entfernung beobachtet. Zehntausende Tegeler genießen an diesem Wochenende bei schönstem Juliwetter das Fest. Winkelsesser, Reinke und ein Dutzend weiterer Kollegen vom 11. Polizeiabschnitt schieben 14-Stunden-Schichten, um auf die Hafen-Veranstaltung aufzupassen. Hauptkommissar Thomas Winkelsesser, 52, ist Einsatzleiter an diesem Tag.
Seit 11 Uhr sind die Kollegen vor Ort. Sie laufen Streife, betreiben einen Stand mit Aufklärungsmaterial über Schutz vor Einbrüchen, wie sie im Revier viel zu häufig vorkommen. Sie passen auf, dass die private Party der Jugendlichen nicht aus dem Ruder läuft und werden alle paar Minuten nach dem Weg oder dem Veranstaltungsprogramm gefragt.
Fest mit Familiencharakter
Aus der Menge der Hafenfest-Besuchern ragt Thorsten Lange hervor. Der 1,96 Meter große Polizeihauptkommissar läuft mit seiner Kollegin Heidi de Groot Streife über das Gelände. „Das ist ein Fest mit Familiencharakter“, sagt Lange. „Die Lage ist ruhig.“ Und weil es so heiß ist, haben Berlins Polizisten „Diensterleichterung“. Mitteilung aus dem Polizeipräsidium: Es ist erlaubt, keine Dienstmütze zu tragen. So ganz ohne Kopfbedeckung drehen Lange und de Groot am Nachmittag bereits ihre dritte Runde auf dem Fest. „Wir wollen, dass man die Präsenz der Polizei wahrnimmt“, sagt Heidi de Groot.
Um 23 Uhr, nach dem Feuerwerk, ist am Freitagabend auf dem Fest Schluss. Offiziell wenigstens. Doch in der lauen Nacht bleibt das Ufer noch lange bevölkert. Die Stimmung ist dabei so entspannt, dass auch Winkelsesser erstaunt ist. „Keine einzige Strafanzeige, das hatten wir schon lange nicht mehr.“ Auch ein Einsatz bei einer vermeintlichen Körperverletzung entpuppt sich als harmlos – der Mann war gar nicht angegriffen worden, sondern betrunken hingefallen. Als die Beamten wieder bei den Jugendlichen vorbeischauen, wollen die sie auf einen Schnaps einladen. Die Polizisten lehnen grinsend ab. „Jetzt zieht mal ab zum Kanonenplatz, da stört ihr niemanden“, sagt Winkelsesser. „Da könnt ihr feiern, bis wir morgen wiederkommen.“





