Alles am Fluss

Fabrikgelände an der Spree lockt Studenten und Firmen an

Ende des 19. Jahrhunderts wurde Schöneweide zum Industriegebiet. Heute teilen sich Studenten, Künstler und Unternehmer das vier Quadratkilometer große Areal - und profitieren voneinander.

Foto: Martin U. K. Lengemann

Es lernt sich gut, wenn man im Strandkorb am Spreeufer sitzt oder an einem Tisch in der Bibliothek mit Blick auf den Fluss. Dann können die Augen zwischendurch ausruhen, beim Blick auf Wellen, Wasser und Boote. Nadine Passow weiß, wie attraktiv der Campus Wilhelminenhof in Oberschöneweide für Studenten ist. Die 25-Jährige hat drei Semester hinter sich. Sie studiert seit April 2012 Wirtschaftskommunikation an der Hochschule für Technik und Wirtschaft (HTW).

„Mir gefällt es sehr gut“, sagt sie. „Als ich das erste Mal in den Wilhelminenhof gekommen bin, war ich schon beeindruckt. Zwar sind es alte Gebäude, aber sie sind total modernisiert worden.“ Es sei ein sehr schöner Campus, meint sie. Vorlesungen hört sie im alten Fabrikgebäude mit der Bezeichnung C. Vom langen Flur gehen alle Vorlesungsräume ab. „Sie sind nicht sehr groß“, erzählt sie. „Es ist eher so ein Gefühl wie in einer Klasse.“ Im Studiengang haben etwa 80 junge Menschen angefangen. Jetzt kenne sie alle aus ihrem Semester. An manchen Tagen ist sie von morgens bis abends auf dem Campus.

Knapp 200 Meter weiter östlich sitzt Andreas Thun an seinem Schreibtisch. Auch in einem alten Industriegebäude. Es gehörte zur AEG, dann zum Werk für Fernsehelektronik (WF), dann der Samsung AG. Der Geschäftsführer der Iris GmbH genießt die Nähe zum Wasser, nach draußen kommt er allerdings nur selten. Oft ist er zwölf Stunden am Tag mit seinem Unternehmen beschäftigt, im GebäudeteilC, dem sogenannten Peter-Behrens-Bau, zu dem auch der weithin sichtbare, 70 Meter hohe Turm gehört. „Ich habe 1979 in Oberschöneweide angefangen“, erzählt er. „Seitdem arbeite ich hier.“

Mit den Büchern im Strandkorb

Rund ein Quadratkilometer groß ist das Areal Schöneweide, auf beiden Seiten des Spreeufers. Ende des 19. Jahrhunderts entwickelte sich das Gelände zum Industriegebiet. Die AEG ließ große Fabrikhallen bauen und verpflichtete bekannte Architekten dafür. In der DDR-Zeit waren das Werk für Fernsehelektronik, das Kabelwerk und das Transformatorenwerk die großen Arbeitgeber auf dem Gelände. Nach der Wende gingen rund 20.000 Arbeitsplätze verloren.

Es gab vielfältige Bemühungen, Schöneweide wiederzubeleben. Alte Industriegebäude an der Wilhelminenhofstraße wurden zum Standort für die HTW umgebaut. Künstler zogen nach Oberschöneweide und nutzen einstige Fabrikräume als Ateliers. Auch die im Krieg zerstörte Fußgängerbrücke Kaisersteg, die Ober- und Niederschöneweide verbindet, ließ der Senat wieder aufbauen.

Thun hat Informationstechnik an der TU Dresden studiert, nach seiner Armeezeit kam er als Entwicklungsingenieur ins WF. Zur Wendezeit hatte das Werk etwa 9000 Mitarbeiter, die meisten arbeiteten am Hauptsitz in Oberschöneweide, an der Ostendstraße. Hauptsächlich wurden Bildröhren hergestellt. 1000 Beschäftigte arbeiteten im Bereich Forschung und Entwicklung, unter ihnen Andreas Thun. Er war beteiligt an der Entwicklung von Infrarot-Detektoren.

Doch mit der Währungsumstellung kam der Betrieb in Bedrängnis, Mitarbeiter wurden entlassen. Der Wandel sei schmerzlich gewesen, sagt Thun. „Es gab eine ganze Reihe von Kollegen, die die Hoffnungen hatten, dass es nach dem Mauerfall einen Aufschwung gibt. Aber dann wurde schnell klar, dass der Betrieb abgewickelt wird.“

Auch Thun musste sich neu orientieren. „Für einen Ingenieur gab es drei Möglichkeiten. Man meldet sich arbeitslos, man sucht sich eine Arbeit in den alten Bundesländern, oder man versucht, einen eigenen Weg zu gehen.“ Dafür habe er sich entschieden. Die Idee war, mit den Detektoren einen Sensor zu entwickeln, mit dem man Personen zählen kann. Im Herbst 1991 wurde die Iris GmbH gegründet – eine Arbeitsbeschaffungsmaßnahme. „Ein paar Monate später stand auch die Finanzierung. Und dann ging es los.“

Zehn Kollegen vom WF waren mit an Bord. Allerdings hatte keiner von ihnen Erfahrung mit der Marktwirtschaft. „Es war ein Risiko“, sagt Thun. Die Anfangsjahre seien schwierig gewesen. Aber dann habe man schwarze Zahlen geschrieben. „Wir waren eine kleine, verschworene Gruppe und haben viel Zeit investiert. Am Ende ist es gelungen.“

Lernen im Strandkorb

Ihr Detektor dient mittlerweile zum Zählen der Fahrgäste im öffentlichen Personennahverkehr. Er wird in Busse und Bahnen eingebaut. Die GmbH konnte, weil sie Technologien entwickelte, Förderprogramme der Senats und Bundes nutzen. Dieser Anteil sei geringer geworden, mit steigenden Einnahmen, sagt Thun. Heute exportiert die Iris GmbH etwa 50 Prozent ihrer Produkte, in die USA und nach Kanada, auch nach West- und Osteuropa.

Thun hat es geschafft, er konnte auf dem Industrieareal bleiben. Und beobachten, wie sich dieses verändert, zum Beispiel durch den Einzug der HTW. Die größte Berliner Hochschule für Angewandte Wissenschaften mit ihren rund 12.000 Studierenden hat noch einen zweiten Standort an der Treskowallee in Karlshorst. Doch Nadine Passow würde niemals tauschen wollen. Bei gutem Wetter kann sie sich mit ihren Büchern in einen Strandkorb am Ufer setzen, um sich auf Prüfungen vorzubereiten. Lernen de luxe, könnte man sagen.

Das Gelände mit seinem Industriecharme wirkt dann regelrecht idyllisch, vor allem morgens, wenn noch nicht so viel los ist. Um elf Uhr öffnet die Mensa, dann ist es vorbei mit der Ruhe auf der Terrasse. Abends sind auf dem Campus manchmal Podiumsdiskussionen angesetzt. Hinterher bleibt man noch da, steht an Tischen zusammen. Ab und zu ist ein DJ da und macht Musik. Die Sonnenuntergänge am Sommerabend auf dem Campus seien schön, erzählt Passow.

Schön, aber auch ziemlich weit draußen. Nadine Passow lebt in Kreuzberg, nach Oberschöneweide fährt sie mit U-Bahn, S-Bahn und Straßenbahn. „Das ist ein bisschen schade“, sagt sie, „dass viele Studenten einen sehr weiten Weg hierher haben.“ Mit etwas Glück ist sie nach 40 Minuten am Campus, wenn sie Pech hat, dauert es fast eine Stunde. „Die Tram ist morgens immer sehr voll mit Studenten. Manchmal muss man eine Bahn wegfahren lassen.“ Auch steigt sie am Bahnhof Schöneweide nicht gerade gerne aus – es ist schmutzig, Wasser tropft aus undichten Decken, Tauben nisten dort. Und der Geruch. Die Station soll umgebaut werden, in einigen Jahren – doch dann hat Nadine Passow längst ihr Studium abgeschlossen.

Platz und preiswerte Mieten

Von Oberschöneweide, den Straßen und Geschäften, hat sie noch nicht viel gesehen. Generell, meint die junge Frau, „ist das hier nicht so die Studentengegend.“ Dass man abends mit anderen Studenten in Oberschöneweide umherzieht, komme kaum vor. Auch wenn einige junge Leute im Ortsteil wohnen, weil der Weg zur Universität kürzer ist. „Man bleibt eher hier, auf dem Gelände.“

Firmenchef Andreas Thun kennt die Schwächen der Region. Der 58-Jährige hofft, dass die Studenten in einigen Jahren mehr Anteil an Oberschöneweide nehmen. Thun setzt vor allem auf die Stärken des Gebiets. „Wir sind hier geblieben, weil es ein günstiger Industriestandort ist.“ Das Gebäude sei tragfähig, es halte schwere Maschinen aus, es gebe einen Lastenaufzug. Die Miete sei preiswert. Und es gebe immer noch viel Platz. Bei Bedarf können zusätzliche Räume angemietet werden. Mit rund 600 Quadratmetern startete die Firma, jetzt nutzt sie die dreifache Fläche. „Das ist mit der Mannschaft gewachsen.“ Möglicherweise werden Wohnungen auf dem übrigen Gelände gebaut, und die Industriefirmen bleiben im Peter-Behrens-Bau. „So eine Mischnutzung macht Sinn“, meint Andreas Thun. „Unsere Produkte sind umweltfreundlich. Wir machen keinen Lärm und keinen Schmutz mit unserer Fertigung.“

Sein Unternehmen arbeitet mit anderen Partnern in Oberschöneweide zusammen, etwa mit dem Regionalmanagement Schöneweide und mit der Bürgerplattform Südost. Die Iris GmbH kooperiert auch mit der HTW, im Bereich Industriedesign. „In dieser Kooperation steckt noch viel Potenzial“, sagt Thun. „Wir können noch enger mit Studenten zusammenarbeiten.“

Diese feilen dann auch an Ideen, aus denen mal eine ebenso erfolgreiche Firma werden könnte. Nadine Passow und ihre Kommilitonen bereiten gerade eine Präsentation vor. „Wir müssen einen Businessplan vorstellen“, erzählt sie. „Wir haben uns ein Konzept für eine Ladenkette ausgedacht, in der Kaffee angeboten wird.“ Nach dem Studium würde Passow gern in der Marketingabteilung eines Unternehmens arbeiten. Es sollte in Berlin sein. „Ich mag Berlin so sehr“, sagt sie.

Ab August geht die junge Frau für ein Semester nach Schweden. Dafür macht sie gerade einen Schwedisch-Intensiv-Kursus. „Ich möchte so viel von Sprache und Kultur mitnehmen, wie es geht“, sagte sie. Den Campus in Oberschöneweide wird sie trotzdem ein wenig vermissen.