Patenschaften

Studenten begeistern Neuköllner Kinder für Kultur

Beim Projekt „Neuköllner Talente“ werden Kinder an ehrenamtliche Paten vermittelt. Ziel ist es, ihr Interesse für die Themen Bildung und Kultur zu wecken. 80 Prozent der Paten sind Studenten.

Foto: Reto Klar

Alina beugt sich zu Lorenzo herunter. Der Zehnjährige erklärt der 24-jährigen Studentin, auf welche Schrauben und welchen Seilzug es bei der Seifenkiste ankommt, damit sie auch wirklich fährt. Alina staunt, Lorenzo strahlt sie stolz an. Dann kann er es kaum noch abwarten, das Gefährt mit Alina zusammen auszuprobieren. Und tatsächlich: Es fährt. Die beiden sausen am Kreuzberg einen vorher abgesperrten Weg herunter.

Der Grundschüler und die Studentin sind ein eingespieltes Team, dabei kennen sie sich erst seit knapp acht Monaten. Zusammengebracht hat sie das Projekt Neuköllner Talente, das gerade beim Wettbewerb „Ideen für die Bundesrepublik“ ausgezeichnet wurde. Ziel der 2008 gegründeten Initiative ist es, Kindern aus Neukölln, die teilweise nur wenig Zugang zu Bildung und Kultur haben, an ehrenamtliche Paten zu vermitteln, die sie dafür öffnen. Die Paten treffen die Patenkinder im Grundschulalter meist einmal in der Woche zu gemeinsamen Unternehmungen, zum Beispiel gehen sie ins Museum. „Einige Kinder haben noch nie vorher ein Museum besucht“, sagt Carmen Wagle, die bei den Neuköllner Talenten als Familienbetreuerin arbeitet. Oft fehlt den Eltern das Geld oder die Zeit für solche Aktivitäten. Viele haben auch aufgrund ihres Migrationshintergrunds wenig Bezug dazu. Viele Patenpaare machen aber auch Sport zusammen oder entdecken gemeinsam ein Handwerk.

Paten wollen Horizont der Kinder erweitern

Aufgabe der Paten ist es nicht, sich um schulische Förderung zu kümmern, erklärt Carmen Wagle, „es soll keine versteckte Nachhilfe sein, sondern eher den Horizont der Kinder erweitern“. Wie wichtig das ist, hat sich in anderen Patenschaftsmodellen gezeigt. Die Neuköllner Bürgerstiftung, zu der die Neuköllner Talente gehören, begleitet auch Mentoren für Neuntklässler beim Übergang von der Schule ins Berufsleben. Oft habe sich hier gezeigt, wie wenig die Jugendlichen an sich glauben, wie niedrig sie ihre Ziele setzen, erzählt Carmen Wagle. Und so entstand die Idee, schon viel früher die Kinder an die Hand zu nehmen.

Alina hat zum Beispiel schnell gemerkt, dass sich Lorenzo, der in seiner Klasse der Beste in Mathe ist, für Technik interessiert und gern Dinge zusammenbaut. Darum hat sie ihn jetzt auch für einen kostenlosen Ferienkurs der Gelben Villa in Kreuzberg angemeldet, bei dem Kinder in Zusammenarbeit mit dem Verein Life eine Woche lang Seifenkisten gebaut haben. Jeden Morgen hat Alina den Jungen von seiner Mutter in Neukölln abgeholt und nach Kreuzberg zum Kurs gebracht. Während Lorenzo mit den anderen Kindern gearbeitet hat, nahm sich die Studentin ihre Unterlagen und hat für ihr Masterstudium der Internationalen Beziehungen gelernt.

Durchschnittsalter der Paten liegt bei 25 Jahren

Alina ist nicht die einzige Studentin, die sich bei den Neuköllner Talenten engagiert. Etwa 80 Prozent der Paten sind Studenten. Sie sind über Flyer, die in den Unis verteilt wurden, auf das Projekt aufmerksam gemacht worden, andere kommen durch Mundpropaganda. „Viele Studenten sind zugezogen und haben erst einmal nur wenig Kontakte in der Stadt. Da macht es ihnen Spaß, die Stadt mit einem Kind zu entdecken“, hat Carmen Wagle beobachtet. Und viele Kinder finden es schön, dass die Paten altersmäßig nicht so weit von ihnen entfernt sind. Das Durchschnittsalter der Paten liegt bei 25 Jahren. Alina könnte auch gut als große Schwester von Lorenzo durchgehen.

Paten und Patenkind werden bei den Neuköllner Talenten behutsam zusammengebracht. Eltern die für ihr Kind einen Paten suchen, werden zunächst einmal zum Gespräch eingeladen. Im zweiten Schritt besucht Carmen Wagle die Familie dann zu Hause. Dort lernt sie zum ersten Mal das Kind kennen. Auch mit den Paten gibt es zunächst ein Gespräch, bevor dann je fünf bis zehn Paten und Kinder zu einem Spielenachmittag eingeladen werden, bei dem sie sich kennenlernen. „Die Chemie muss stimmen“, sagt die Koordinatorin. Lorenzo wusste offenbar schnell an diesem Nachmittag, dass er Alina als Patin haben wollte. Vielleicht lag es auch daran, dass sie sich auf Augenhöhe begegneten. „Beim Schiffeversenken habe ich gewonnen und beim Schach Alina“, erzählt das Patenkind.

Außerhalb der akademischen Kreise

Lorenzos Mutter hat für ihren Sohn einen Paten gesucht, weil ihr Sohn recht verschlossen ist und es ihm schwerfällt, auf andere zuzugehen. In der Beziehung mit seiner Patin ist davon aber nur wenig zu spüren. „Er ist schnell aufgetaut“, sagt die Studentin. Vielleicht liegt es auch an ihrer offenen Art, die sich auf ihr Patenkind überträgt. Und es hat auch nicht lang gedauert, bis die beiden herausgefunden haben, was sie gern miteinander unternehmen. Neben Tüfteleien wie mit der Seifenkiste machen sie am liebsten Sport. „Schwimmen besonders“, verrät der Junge, der nach den Sommerferien in die fünfte Klasse kommt. Mit den Abzeichen klappte es bislang noch nicht richtig, aber mit Alinas Hilfe hat er jetzt fast das Seepferdchen geschafft.

Wichtiger ist der Studentin aber vor allem, Lorenzo Zuversicht in seine eigenen Fähigkeiten zu vermitteln. Darin liegt auch ihre Motivation, bei dem Projekt mitzumachen. „Ich habe selbst so viele Chancen und Unterstützung in meinem Leben gehabt, da möchte ich jetzt auch etwas weitergeben“, sagt die 24-Jährige, die eigentlich aus Freiburg stammt und erst seit einigen Monaten in Berlin wohnt. Und wichtig war ihr auch, etwas außerhalb der akademischen Kreise zu tun.

Blick über den Tellerrand

Sie hat auch schon versucht, Kommilitonen für das Patenprojekt zu gewinnen. Doch die meisten scheuen den Zeitaufwand. Alina sieht das aber anders: „Wenn man will, findet man auch die Zeit.“ Und die Patenschaft sieht sie als eine Bereicherung für ihr Leben. Auch Carmen Wagle ist davon überzeugt, dass die Studenten von der Beziehung profitieren: „Oft treffen hier Menschen unterschiedlicher sozialer und kultureller Hintergründe aufeinander“, sagt sie, und dieser Blick über den Tellerrand würde im späteren Leben helfen.

165 Patenpaare gibt es bislang bei den Neuköllner Talenten. Die Patenschaft ist auf ein Jahr begrenzt. Natürlich ist es erwünscht, dass die Beziehung darüber hinaus andauert, aber dann auf privater Basis. Das ermöglicht dem Projekt, wieder neue Kinder aufzunehmen. Während des Jahres können die Paten pro Monat nämlich 20 Euro an Auslagen für das Patenkind geltend machen, damit ihnen auch mal aufwendigere Unternehmungen wie einen Besuch im Kletterpark oder im Zoo ermöglicht wird. Den Eintritt für sich zahlt der Pate allerdings selbst.

Oft sind es aber gar nicht die teuren Ausflüge, die Lorenzo vor allem Spaß machen. Was er am meisten schätzt, ist, dass Alina in den Stunden ihres Treffens ganz für ihn da ist. Darum passt es ihm jetzt auch gar nicht, dass sie so lange erzählt. Er hat inzwischen seinen Drachen zusammengebaut und fasst seine Patin am Arm: „Komm, wir lassen jetzt endlich den Drachen steigen.“