Ausstellung im Bahnhof

„Zug der Erinnerung“ informiert über NS-Deportationen

Ausstellung auf Schienen: Der „Zug der Erinnerung“ zeigt in alten Reichsbahn-Waggons die grausamen Deportationszüge. Bis 4. Juni hält er an Berlins Bahnhöfen – was die Bahn zuerst verhindern wollte.

Foto: Sergej Glanze / Glanze

Ein kleines Mädchen mit Schleife im Haar schiebt sich kichernd Kirschen in den Mund, ein anderes steht stolz am Strand neben ihrer selbst gebauten Sandburg. Die privaten Aufnahmen, gedreht vom Vater der beiden Kinder, zeigen sommerliches Idyll. Es sind die letzten Bilder von Betty und Daatje Frank.

Die beiden Schwestern wurden am 8. Juni 1943 vom holländischen Lager Westerbork ins deutsche Vernichtungslager Sobibór nach Polen deportiert – und dort umgebracht.

Der „Zug der Erinnerung“, der seit dem 29. Mai durch Deutschland rollt, zeigt dieses und weitere Schicksale in einer berührenden Ausstellung. Fotos und Briefe zeigen sehr persönliche Einblicke, abseits von abstrakten Zahlen. Noch bis zum 4. Juni hält der Zug in Berlin, am Montag am Bahnhof Spandau und am Dienstag an der Friedrichstraße.

Ausstellung in alten Passagier-Waggons der Reichsbahn

Die Fenster in den alten Passagier-Waggons der Reichsbahn sind abgedunkelt, das Licht einzig auf die Wände mit Bildern und Informationstexten gerichtet. Jedes Abteil ist einem anderen Menschen und seiner Geschichte gewidmet. Besucher haben im Zug vereinzelt kleine Blumensträuße niedergelegt, um der Verstorbenen zu gedenken.

Der Zug von Westerbork in das Lager Sobibór fuhr immer dienstags. Tausende Kinder und Jugendliche wurden in der Zeit von Frühling bis Herbst 1943 so verschleppt, nur wenige kehrten zurück. Westerbork war ursprünglich von der holländischen Regierung als Flüchtlingslager für deutsche Juden errichtet worden. Nach dem Überfall der Wehrmacht wurde es zu einem SS-Durchgangslager. Vor allem Kinder und Frauen, die keine Zwangsarbeit leisten konnten, wurden von dort aus in den Tod geschickt. Der Weg führte über viele deutsche Bahnhöfe, auch durch Berlin.

Neben den Opfern stellt ein Waggon des „Zugs der Erinnerung“ auch die Täterseite vor. Hierbei wird sowohl auf die Kommandanten im Lager Sobibór eingegangen als auch auf die Täter der „Reichsbahn“, ohne die der systematische Abtransport nicht möglich gewesen wäre. Wie Walter Stier, der ab 1943 die Abteilung „Sonderzüge“ geleitet hat. Durch diese Züge wurden etwa eine Million Menschen nach Treblinka und Auschwitz gebracht. Nach der Ankunft in den Lagern leitete Stier die Züge mitsamt den Hinterlassenschaften der Ermordeten zurück nach Deutschland. Ein Fernseher zeigt Ausschnitte eines Interviews mit Stier, in dem er beteuert, nichts von den Ermordungen gewusst zu haben. Stier blieb straffrei und arbeitete später für die Deutsche Bundesbahn.

„Zug der Erinnerung“ fährt seit 2007 durch Deutschland

Ein weiterer Teil der Ausstellung widmet sich dem Aufstand von Sobibór, durch den mehrere Gruppen im Oktober 1943 aus dem Lager entkommen konnten. Angeführt von dem jüdischen Häftling Alexander Pjeterski, gelang es einigen Insassen, zwölf SS-Bewacher durch einen Hinterhalt zu töten und zu fliehen.

Der „Zug der Erinnerung“ fährt bereits seit 2007 durch Deutschland. In diesem Jahr allerdings zum ersten Mal mit der speziellen Ausstellung Westerbork – Sobibór. Seit Beginn des Projekts führt der Verein Auseinandersetzungen mit der Deutschen Bahn. „Am Anfang wollte die Bahn uns aus angeblichen Platzgründen überhaupt keine Ausstellung auf Bahnhöfen machen lassen. Dann mussten sie jedoch, weil wir die Gleise nun für 45 Euro pro Stunde von denen mieten“, sagt Stephan Wirtz vom „Zug der Erinnerung“ e.V.

Der Verein hat sich bewusst dafür entschieden, die Ausstellung auf Bahnhöfen zu präsentieren. „Zum einen haben wir thematische Gründe, schließlich handelt die Ausstellung von Deportationen auf Schienen, und zum anderen können wir so auch Menschen erreichen, die sonst vielleicht gar nicht in die Ausstellung kämen“, sagt Wirtz. Viele der Besucher stoßen eher zufällig auf die Dokumentation. Der alte Zug soll beim Warten am gegenüberliegenden Gleis Neugier wecken.

Einzelne Geschichten der Ausstellung bleiben im Gedächtnis

Inzwischen hat sich der Verein mit der Bahn geeinigt, dass die verlangten Gebühren an die Stiftung „Erinnerung, Verantwortung, Zukunft“ gespendet werden, die nichts mit dem Verein zu tun hat. „Die Bahn wollte sicherstellen, dass das Geld nicht an uns zurückfließt. Wir setzen uns mit der Mitschuld der Deutschen Reichsbahn auseinander – das passt denen nicht“, glaubt Wirtz.

„Ich finde, es ist der blanke Hohn von Seiten der Bahn für so eine Ausstellung Gebühren zu verlangen. Das macht mich sehr wütend“, sagt Dieter H. Er hatte sich vor ein paar Jahren schon einmal den „Zug der Erinnerung“ angesehen. „Die Ausstellung zeigt komprimiert einzelne Schicksale, das berührt einen noch mehr als bloße Fakten“, sagt er. Und tatsächlich: Auch wenn die Ausstellung nicht groß ist, die einzelnen Geschichten bleiben dem Besucher danach noch länger im Gedächtnis.