Räumungsklage

Betreiber kämpft um altes Hotel Bogota am Kurfürstendamm

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Sabine Flatau

Foto: Martin U. K. Lengemann

Für das Hotel Bogota in Berlin-Charlottenburg scheint das Ende gekommen. Der Besitzer plant Läden und Büros. Doch der Betreiber will noch nicht aufgeben. Er klagt gegen die Kündigung.

Weiße Säulen stehen am Eingang. Ein roter Teppich liegt auf den Stufen, die ins Hotel führen. Im holzgetäfelten Empfangsraum stehen alte Ledersofas. Das „Bogota“ in Charlottenburg ist schon auf den ersten Blick eine altehrwürdige Adresse. Doch die Vergangenheit des Hauses ist weitaus bewegter, als es der erste Blick wahrnimmt.

Die jüdische Fotografin Yva hatte von 1934 bis 1938 ihr Atelier in den oberen Etagen an der Schlüterstraße 45. 1941 wurde das Haus enteignet. Ein Jahr später zog die Reichskulturkammer ein. Sie richtete ein großes Büro und einen Kinosaal ein. Filme, die in Nazi-Deutschland gedreht wurden, wurden dort einer ideologischen Überprüfung unterzogen.

Nach dem Krieg kamen bekannte Persönlichkeiten wie die Schauspieler Gustaf Gründgens und Heinz Rühmann, und Dirigent Wilhelm Furtwängler ins Haus – zur Entnazifizierung. Der von Johannes R. Becher gegründete Kulturbund zog ein. Becher gründete den Aufbau-Verlag in den Räumen an der Schlüterstraße.

Eigentümer plant Büros und Läden im denkmalgeschützten Gebäude

„Das Haus ist ein einzigartiges Zeugnis der Geschichte“, sagt Elisabeth Ziemer, stellvertretende Vorsitzende des Vereins „Denk mal an Berlin“. Der Verein hat ein Gutachten erstellen lassen, um den Denkmalwert des Hauses intensiv zu begründen. So sollen bauliche Änderungen in Zukunft verhindert werden. Denn der Eigentümer hat angekündigt, dass er Läden im Erdgeschoss plant und Büros in den oberen Etagen.

Dazu muss das Gebäude umgebaut werden. Das Hotel soll ausziehen. Im April habe er eine Kündigungsklage erhalten, sagt Hotelbetreiber Joachim Rissmann. „Wir haben widersprochen.“ Wann das Landgericht entscheidet, ist noch offen.

Denn Rissmann hat Mietschulden beim Eigentümer. Sie liegen Rissmann zufolge bei mehr als 110.000 Euro. „Wir zahlen, sobald wir Einnahmen haben“, sagt er. Erst kürzlich habe er 40.000 Euro überwiesen. Bei 59 Prozent, so Rissmann, liege die Auslastung des Hauses. „Mehr Gäste würden die Situation verbessern.“

Hotelbetreiber ist in den alten Räumen aufgewachsen

Doch die Konkurrenz unter den Beherbergungsstätten ist groß. Und das „Bogota“ ist nicht grundlegend saniert worden. Einige Zimmer haben noch kein Bad. Seit 1976 betreibt die Familie von Joachim Rissmann das Hotel. Sie ließ über Jahre die wichtigsten Reparaturen erledigen.

Die alten Räume, die historischen Wände, Treppen und Fußböden, sogar der alte Fahrstuhlschacht, blieben erhalten. Mit Begeisterung führt Joachim Rissmann Besucher durch das Haus. Er zeigt den Raum, in dem der alte Kinosaal war. Die kleine rote Lampe hängt noch oben an der Wand zum Vorführraum. Er zeigt die Räume in den oberen Etagen, in denen die Fotografin Yva ihr Atelier hatte, und wo Helmut Newton zwei Jahre bei ihr lernte. Er zeigt das Büro von Hans Hinkel, der 1944 Reichsfilmintendant wurde.

Joachim Rissmann kennt jeden Winkel des alten Gebäudes. Denn er ist in den Räumen groß geworden. „Ich kam mit 13 Jahren hierher“, erzählt er. Seither habe er immer im Haus gewohnt, meist im Dachgeschoss. Er mag das Haus, er ist mit ihm verwachsen. Ende April hat Rissmann seinen 24 Mitarbeitern gekündigt. Viele sind schon lange bei ihm beschäftigt. Doch Rissmann hofft, dass sein Hotel weiter besteht.

Harry-Potter-Star will immer im gleichen Raum schlafen

„Es gibt viele Gäste, die gern in historischen Räumen übernachten“, sagt er. Einer, der dem Hotel die Treue hält, ist der englische Schauspieler Rupert Everett. Er spielt in den Harry-Potter-Filmen den engsten Freund des Titelhelden, Ron Weasley.

Everett übernachte immer im gleichen Zimmer, erzählt Joachim Rissmann. Mit einer alten Kommode, die zum Schreibtisch umfunktioniert ist, mit dem Spiegel, dem Bett und dem Nachtschrank von Anfang des 20. Jahrhunderts. Und mit einem langen Balkon. Neu sei nur, erzählt der Hotelier, und auf Wunsch des Schauspielers aufgestellt, die kleine Minibar. Womöglich für Zaubertränke.

Für Rissmann ist auch vorstellbar, dass nur ein Teil des Hauses Hotel bleibt und in den übrigen Räumen Büros eingerichtet werden. Dann wären viele Mieter im Haus, meint Rissmann. „Wenn einer von ihnen nicht zahlen kann, ist das nicht so schlimm.“

Stadtplaner fürchtet um den Eingang und den Kinosaal

Das Gebäude wurde 1911 als gutbürgerliches Wohnhaus gebaut. Riesige Wohnungen von 300 und 410 Quadratmetern Größe wurden eingerichtet, mit sieben und zehn Zimmern. Es gab Salons, Musik- und Herrenzimmer, mehrere Ankleideräume und Bäder. Die historischen Details sind im neuen Gutachten dargelegt.

Der Stadtplaner Dietrich Worbs hat es für den Verein Denk mal an Berlin erstellt. Der Eigentümer plane Umbauten am Gebäude, die den Eingang des Hauses und den alten Kinosaal zerstören würden, schreibt Worbs. Die Straßenfassade würde massiv verändert. Das Yva-Atelier wäre gefährdet. Zwar stehe das Gebäude seit 1995 unter Denkmalschutz. „Es ist aber dennoch erheblich gefährdet.“

Historiker fordert, Umbau des Gebäudes zu verhindern

2006 sei bereits ein Teil des erhöhten Erdgeschosses zum ebenerdigen Geschäft umgebaut worden. Dieser Umbau solle fortgesetzt werden, sobald das Hotel ausgezogen sei. „Wir appellieren an das Bezirksamt Charlottenburg-Wilmersdorf und die Denkmalschutzbehörde, solche Zerstörungen eines herausragenden künstlerischen und zeitgeschichtlichen Baudenkmals nicht zuzulassen.“

Auch der Historiker Reinhard Rürup, Gründungsdirektor der Stiftung Topografie des Terrors fordert, dass die Umbauten verhindert werden. „Und es sollte für Interessierte offen stehen.“ Dies sei bei einem Hotelbetrieb gewährleistet.