Hotelmarkt

Kleine Hotels in der City West kämpfen ums Überleben

Rund um den Kudamm ist die Existenz der vielen Etagen-Pensionen und Häuser wie das „Bogota“ bedroht. Doch gegen die vielen Ketten wollen sie sich mit besonderem Flair und ihrer Geschichte behaupten.

Die Dielen knarzen bei jedem Schritt. Das ist nicht jedermanns Sache. Mancher Gast ist froh, im Hotel Bogota über Holz und nicht über synthetisch glänzende Auslegeware zu schreiten. Manch anderer bekommt bei dem Geknarze in der Nacht kein Auge zu. Doch es geht dabei um mehr als Holz und seine Geräusche. Es geht auch um die Frage, wie viele und vor allem welche Hotels Berlin braucht.

2012 gab es in Berlin 621 Hotels, Gasthöfe und Pensionen. Fünf Jahre vorher waren es noch 495. Bis Ende 2014 sollen nach Angaben der Senatsverwaltung für Wirtschaft 40 weitere neue Hotels eröffnet werden. Doch schon heute liegt die Auslastung in vielen Hotels unter der Wirtschaftlichkeit. Hotelketten können solche Defizite meist durch andere besser laufende Häuser an anderen Standorten ausgleichen. Kleinere privat geführte Hotels und Pensionen haben es hingegen schwer, mit einer Auslastung zwischen 50 und 60 Prozent ihren Betrieb aufrechtzuerhalten. Besonders die Hotels rund um den Kudamm leiden unter dem wachsenden Konkurrenzdruck, liegen doch in Charlottenburg-Wilmersdorf im Bezirksvergleich die meisten Beherbergungsbetriebe.

Auch die Zukunft des geschichtsträchtigen Hotels Bogota in der Schlüterstraße ist gefährdet. „Bis Oktober muss sich etwas tun, sonst muss ich schließen“, sagt Joachim Rissmann, der das Haus in dritter Generation führt. Mit „etwas“ meint er vor allem: mehr Gäste. Derzeit liegt die Auslastung der 115 Zimmer bei 59 Prozent. Damit kann er kaum die laufenden Kosten von etwa 120.000 Euro im Monat decken. „Die Miete steigt jedes Jahr um drei Prozent, aber die Zimmerpreise konnten wir seit 20 Jahren nicht mehr erhöhen“, erklärt er. Acht Mitarbeiter hat Rissmann bereits entlassen, 24 hat er noch.

Helmut Newton war hier Lehrling

Wie er mehr Gäste ins Haus bekommt, weiß Rissmann nicht. Für laute Werbung ist der ruhige, gern in schwarz gekleidete Mann mit der rundlichen Brille nicht der Typ. Und das Geld dafür fehlt ihm ohnehin. Material für Werbung gäbe es allerdings genug. Vor allem die Geschichte des Hotels. 1911 wurde das fünfstöckige Haus im späten Jugendstil von denselben Architekten erbaut, von denen auch das KaDeWe stammt.

In den 20er-Jahren wohnte hier der Unternehmer Oskar Skaller, der im Erdgeschoss rauschende Feste feierte. In den 30er-Jahren hatte die Mode- und Werbefotografin Yva im vierten und fünften Stock ihr Atelier. Eigentlich hatte die Jüdin bereits Berufsverbot, als sie 1936 einen Lehrling aufnahm: Helmut Neustädter, besser bekannt unter seinem späteren Künstlernamen Helmut Newton.

Der Frühstücksraum war einst ein Kinosaal

Noch heute erzählen Fotos von Yva und Newton an den Wänden des Hotels aus früheren Zeiten. 1942 wurde Yva ins Vernichtungslager Sobibor deportiert, das Haus enteignet. Die Reichskulturkammer zog ein, ihr Chef Hans Hinkel hatte im zweiten Stock sein Büro. Dort, wo er Aktenschränke füllte, ist heute ein Fernsehsalon eingerichtet. Und dort, wo heute gefrühstückt wird, gab es es einen Kinosaal, in dem Testvorführungen von Propagandafilmen stattfanden.

Hinkels Akten nutzten die Briten nach Kriegsende zur Entnazifizierung. Auch Gustav Gründgens, Wilhelm Furtwängler und Heinz Rühmann mussten hier antreten. Erst 1964 wurde aus dem Haus ein Hotel. Genaugenommen vier Hotels, auf jeder Etage eines. Ganz oben eröffnete Heinz Rewald das Hotel Bogota. Den Namen wählte der jüdische Unternehmer als Erinnerung an seine Zeit im kolumbianischen Exil während der Nazizeit. Seit 1976 wird das 115-Zimmer-Haus von Familie Rissmann geführt. Erst von den Eltern, heute vom Sohn, Joachim Rissmann, der mit seiner Frau und den vier Kindern auch in der obersten Etage des Hauses wohnt.

Telefone haben noch eine Wählscheibe

Mit viel Liebe zum Detail hat die Familie das Haus gestaltet. Über Jahrzehnte hat sie Originalmöbel aus verschiedenen Epochen erworben. Fast alle Telefone im Haus haben noch eine Wählscheibe, „manche wurden uns aber leider geklaut“, erzählt Rissmann. Und es gibt sogar eine kleine Telefonzelle, in die sich die Gäste heute allerdings höchstens mit ihrem Handy zurückziehen. Regelmäßig veranstaltet Rissmann in seinem Haus Fotoausstellungen. Die zwei Frühstücksräume heißen deshalb auch „.Photoplatz“.

In der Kunstszene hat sich Joachim Rissmann damit einen Namen gemacht und viele Stammgäste ins Haus geholt. Sie stören sich nicht daran, dass mancher Läufer auf dem Boden etwas verschlissen ist und dass der imposante Baldachin vor dem Eingang schon bessere Tage gesehen hat. Manche sagen sogar zu Rissmann: „Ändern Sie bloß nichts“. Die Stammgäste schätzen gerade das etwas Andere, das sie hier erleben, oder wie Rissmann es ausdrückt: „Hier sind Sie schon in Berlin. Wenn Sie in so einer Keksdose übernachten, dann wissen Sie erst, dass Sie in Berlin sind, wenn Sie das Hotel verlassen.“

Übernachten ab 40 Euro

Aber mit Stammgästen allein füllt Rissmann keine 115 Zimmer. Er kritisiert, dass Gäste auf Hotel-Portalen zwar nach Preis und Lage suchen könnten, nicht aber danach, ob ein Haus Historisches oder andere Besonderheiten biete. Wer ein Hotelzimmer im Internet sucht, findet Rissmanns erst auf einer der hinteren Seiten, und bis dahin klickt sich kaum jemand durch. Auch Gottfried Kupsch, Immobilienunternehmer und Vorstand der AG City schätzt die Lage für die kleineren Häuser als schwierig ein. Aber er ist auch davon überzeugt, dass in Berlin für die Hotelkette nach der Bauart quadratisch und modern genauso Platz ist, wie für kleine Privathotels: „Langfristig sehe ich für beide eine gute Chance, denn es gibt auch eine Klientel, die um die großen Hotelketten einen Bogen macht“.

Allerdings sagt Kupsch auch, dass die Gäste natürlich eine vernünftige Ausstattung und einen vernünftigen Service erwarten. Zimmer ohne eigenes Bad sind da schwierig zu vermitteln. Im „Bogota“ gibt es noch 35 Zimmer mit Bad auf dem Flur. Dafür kann man hier schon ab 40 Euro logieren. Rentabel ist das nicht. Aber der Preisdruck auf dem Berliner Hotelmarkt sei einfach zu groß, sagt Rissmann. Nicht nur er leidet darunter. Auch die vielen kleinen Etagen-Pensionen in den Seitenstraßen führen einen täglichen Überlebenskampf. „Furchtbar“, sagt Isolde Josipovici, befragt zur Situation und dann atmet sie erst einmal tief durch.

„So schlimm wie heute war es noch nie“

Dann sagt sie noch: „So schlimm wie heute war es noch nie“. Mit nie meint sie zumindest die letzten 41 Jahre, so lange führt das ehemalige Mannequin die Etagen-Pension Kettler in der Bleibtreustraße. Sieben Zimmer hat sie, alle individuell eingerichtet. Das günstigste ist ohne Bad und heißt „Der arme Poet“. Über dem Bett hat sie wie auf dem gleichnamigen Bild von Carl Spitzweg einen Schirm aufgehängt.

Humor hat Isolde Josipovici, die wegen ihres Engagements für Berlins Wasserspiele auch „Brunnenfee“ genannt wird. Aber das Lachen ist bei ihr seltener geworden, seit immer weniger Gäste kommen und sie mit den Zimmerpreisen immer weiter nach unten gehen muss. „Alle sagen: Wie wunderschön ist es, dass so viele Touristen in die Stadt kommen, darum brauchen wir noch mehr Hotels. Aber die Hotels, die es heute schon gibt, sind doch gar nicht voll“, sagt sie empört.

Auch Michael Pfundt versteht nicht, wieso Berlin nun noch mehr Hotels braucht. Er führt die Etagen-Pension Funk in einem Gründerzeitbau in der Fasanenstraße. In den 14 Zimmern wohnte früher einmal die Schauspielerin Asta Nielsen. Bis 2005 lief seine Pension gut, da sei der Markt noch in Ordnung gewesen, aber heute wachse die Zahl der Hotelbetten viel schneller als die Zahl der Touristen. „Wo man kann, beißt man die Kleinen weg“, sagt der 54-Jährige resigniert. Und manches Hotel hat bereits zugemacht. Zum Beispiel das Charlot in der Giesebrechtstraße.

Rissman kämpft für den Erhalt des Hotels

Nicht alle kleinen Häuser werden sich in Zukunft in der City West halten können, glaubt auch Gottfried Kupsch, „darunter wird die Vielfalt schon etwas leiden“. Insbesondere die Hoteliers, die Miete zahlen, werden es schwer haben, weil ihre Mietverträge oft nicht mehr verlängert werden. Wohnungen in einem Jugendstil- oder Gründerzeitbau erscheinen vielen Eigentümern lukrativer. Rissmann weiß aber, was das für sein Haus bedeutet. Ein Stück Geschichte wäre dann für die Öffentlichkeit verloren, denn dann wären all die geschichtsträchtigen Zimmer nicht mehr zugänglich.

Joachim Rissmann ist gerade 50 Jahre alt geworden. Gern würde er im kommenden Jahr auch den 50. Geburtstag seines Hotels feiern. Eine Abschiedsparty möchte er aus diesem Jubiläum aber nicht machen. Darum kämpft er noch für den Erhalt des Hotels Bogota und darum hofft er auf mehr Gäste, die knarzende Dielen mögen und die schon beim Einchecken spüren wollen, dass sie in Berlin angekommen sind.