In Berlin lesen Schüler in der vierten Klasse deutlich schlechter als im Bundesdurchschnitt. Nur in Bremen schneiden die Viertklässler noch schlechter ab als in Berlin. Das geht aus der am Montag veröffentlichten Studie Chancenspiegel der Bertelsmann Stiftung hervor. Besonders alarmierend ist dabei, die große Abhängigkeit der Leistung vom familiären Hintergrund der Schüler. Kinder aus Arbeiterfamilien erreichen schon in der vierten Klasse 85 Kompetenzpunkte weniger als ihre Klassenkameraden aus akademischen Elternhäusern. Das entspricht einem Rückstand von einem ganzen Schuljahr.
Die Abhängigkeit des Bildungserfolgs vom Elternhaus ist in Berlin damit noch höher als im Bundesdurchschnitt, wo Kinder aus sozial schwächeren Familien um 80 Punkte zurück liegen. Und das, obwohl der Ausbau der Ganztagsschulen in Berlin vorbildlich ist. Der Anteil der Schüler im Ganztagsbetrieb beträgt hier 48 Prozent, in ganz Deutschland sind es gerade 28,1 Prozent (Stand 2011). Doch der erwartete positive Effekt des Ganztagsbetriebs bleibt in Berlin offenbar aus.
Schulexperte fordert konsequenten Ganztagsbetrieb
„Die Ganztagsschule wirkt sich nur dann positiv aus, wenn alle Kinder regelmäßig Zugang haben und wenn die Qualität der Angebote stimmt“, sagt Ulrich Kober, Schulexperte der Bertelsmann Stiftung. In Berlin sei nicht einmal ein Viertel der Kinder im gebundenen Ganztagsbetrieb, wo die Inhalte vormittags und nachmittags aufeinander abgestimmt sind. An sogenannten offenen Ganztagsgrundschulen hätten in der Regel lediglich Kinder von berufstätigen Eltern Anspruch auf einen Hortplatz.
„Wenn man die Abhängigkeit vom Elternhaus aufbrechen will, muss man viel stärker auf Förderung auch am Nachmittag setzen.“ Es dürfe keine Rolle mehr spielen, ob sich die Eltern zu Hause mit dem Kind zum Lernen hinsetzen. Dazu gehöre beispielsweise auch, dass Hausaufgaben in der Ganztagsschule nicht nur beaufsichtigt werden, sondern auch Lehrer vor Ort sind, die den Schülern helfen.
„Um wirklich Chancengleichheit herzustellen brauchen wir einen flächendeckenden Ganztagsbetrieb, in dem die Kinder an fünf Tagen in der Woche acht Stunden täglich in der Schule sind“, sagt Kober. In Berlin würde ein solcher Systemwechsel nach Berechnungen der Bildungsexperten 387 Millionen Euro pro Jahr kosten. Ähnlich sehe es für die anderen Bundesländer aus. „Ein solcher Schritt ist nicht ohne die Unterstützung des Bundes möglich“, sagt Kober.
Hohe Abiturquote
Positiv hat sich in Berlin laut Studie der Anteil der Schüler, die das Abitur oder Fachabitur erreichen, entwickelt. Im Jahr 2011 lag die Abiturquote bei 49,9 Prozent. Das ist zwar immer noch unter dem Bundesdurchschnitt von 51,1 Prozent, aber verglichen mit 2009, wo der Anteil der Schüler mit Abitur 45,7 Prozent ausmachte, eine deutliche Steigerung. Vergleichsweise viele Berliner Schüler wechseln nach der Grundschule an ein Gymnasium. Mit einer Quote von 50,2 Prozent liegt Berlin hier sogar in der oberen Gruppe der Bundesländer.
Auffällig ist allerdings, dass besonders viele Oberschüler von einer höheren auf eine niedrigere Schulart wechseln müssen. Der umgekehrte Weg dagegen ist selten. Auf einen sogenannten Aufwärtswechsler kommen 9,1 Abwärtswechsler. Bundesweit liegt das Verhältnis bei eins zu 4,1. Auch die Quote der Sitzenbleiber unter den Schülern der Sekundarstufe ist mit 3,2 Prozent höher als im Bundesdurchschnitt (2,7 Prozent)
„Interessant wird, ob sich bei den kommenden Chancenspiegeln die Schulstrukturreform bereits auswirkt. Ich erhoffe mir, eine höhere Integrationskraft und Durchlässigkeit für die Schüler, wenn die Sekundarschule hoch gewachsen ist,“ sagt Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD). Dringend müsse die Lesekompetenz der Schüler verbessert werden, so die Senatorin. Nach der geplanten Reform der Lehrerausbildung sollen künftig alle Grundschullehrer verpflichtend auch das Fach Deutsch belegen.
mit dpa





