Wohin kommen wir, wenn wir tot sind? Die einen sagen, in den Himmel, die anderen sagen, bloß unter die Erde. Glaubenssache. Fest steht nur eines: Wir alle landen im Archiv. Zumindest alle Berliner. Irgendwann, lange nach unserem Tod, geben die Standesämter unseres Bezirks ihre Register an das Berliner Landesarchiv ab. Wer ist wann geboren, hat wann geheiratet, ist wann gestorben?

In tausenden gebundenen Büchern ist alles festgehalten, sind alle Berliner seit 1874 registriert. In jenem Jahr nämlich führten die akkuraten Preußen die Standesämter ein, die ersten im Deutschen Reich. Zwölf Kilometer dieser Personenstandsunterlagen finden sich schon in den Magazinen des Landesarchivs; auf achtzehn Kilometer wird es bald anwachsen. Achtzehn Kilometer Berliner Leben von 1874 bis heute. Der nächste Raum steht schon bereit.

Aber angenommen, keine Sau schaut jemals in meinen Registerband, kein Schwein interessiert sich mehr für mich. Jahrzehnte gehen ins Land, ich liege im Aktengrab, und der Platz im Archiv wird langsam knapp. Fliege ich dann irgendwann raus? Gibt es im Archiv so etwas wie Angebot und Nachfrage? Wer 20 oder 30 Jahre nicht nachgefragt wird, der wird geschreddert?

„Niemals“, sagt der Leiter des Berliner Landesarchivs bestimmt. „Was einmal im Archiv ist, bleibt im Archiv. Für immer.“ Für immer! Was für ein Satz. Ein Wort wie am Traualter. Wer traut sich das noch zu sagen heute, da Ehen, Schwüre, Sicherheiten und Bundespräsidenten uns nur so um die Ohren fliegen? Die Jungs vom Archiv trauen sich noch. Professor Doktor Uwe Schaper lehnt sich weit zurück in seinem Konferenzstuhl und grinst überhaupt nicht professoral, als er sagt: „Das Archiv ist der Weg in die Unsterblichkeit.“ Jetzt muss er lachen, weil der Satz so größenwahnsinnig ist und doch wahr.

Welche Archive gibt es in Berlin?

Berlins Archive, das sind ganz zauberhafte, eigene Welten. Wäre Berlin ein Mensch, würde man sagen, seine Archive sind sein Gedächtnis, sein Unterbewusstsein, der Stoff seiner Träume. Die Stadt ist voll davon. Wie viele Archive es genau gibt, weiß keiner. Der Begriff „Archiv“ ist schließlich nicht geschützt. Jeder, der anfängt, seine Bierdeckelsammlung zu ordnen, kann sich Archiv nennen.

Allein schon an ernsthaften, etablierten Archiven besitzt Berlin um die 100 bis 150, vielleicht sogar mehr. Das Berliner Landesarchiv ist hier zu nennen, das Geheime Staatsarchiv, das Bundesarchiv, die Handschriftenabteilung der Staatsbibliothek. Ebenso bekannt und bedeutend sind die Archive der Akademie der Künste oder der Deutschen Kinemathek oder auch das Bauhaus-Archiv. Einige werden vom Land Berlin und vom Bund gefördert, andere finanzieren sich selbst.

Ganz anders geartet sind die Archive, die sich „von unten“ gegründet haben, aus einer bestimmten Zeit, einem bestimmten Milieu heraus – solche wie das APO-Archiv der FU zur Studentenbewegung oder das Matthias-Domaschk-Archiv zum Widerstand in der späten DDR. Und dann gibt es noch die verborgenen Schätze. Wunderschöne, wenig bekannte Archive wie die Historische Sammlung der Berliner Landesbibliothek und das Historische Archiv der Königlichen Porzellan-Manufaktur in der Kuppel des Charlottenburger Schlosses.

Archiv, das klingt furchtbar trocken. Man riecht förmlich den Aktenstaub und hat die abgewetzten Ärmelschoner des Archivars vor Augen. Nichts falscher als das. In den weit über hundert Berliner Archiven tobt das Leben. Das vergangene Leben.

Was finde ich im Archiv?

Ein Beispiel. Ende April 1948 schreibt der West-Berliner Bürgermeister Ernst Reuter einen privaten Brief an einen Bekannten in den USA. Die sowjetische Berlin-Blockade steht kurz bevor, der Kalte Krieg zwischen Ost und West wird mit jedem Tag heißer. Den West-Berlinern wird ihre verzweifelte Insellage immer bewusster.

„Sie lesen“, schreibt Reuter an seinen Bekannten in Amerika, „wahrscheinlich jetzt allmählich über Berlin in ihren Zeitungen etwas mehr oder minder Furchtbares. Ziehen Sie 50% davon ab; der verbleibende Rest genügt. Sie werden sicher verstehen, dass wir hier wirklich in einer Art Hexenkessel sitzen. Wenn auch unser Vertrauen zu den Göttern, die uns regieren, pflichtgemäß unerschütterlich ist, die Zeit die wir durchmachen, ist ein wenig zu interessant. Aber Sie können sicher sein, dass wir, soweit es auf uns ankommt, unsere Nerven behalten.“

Ein Brief, der mehr über das Drama Berlins damals sagt als viele sachliche und zahlenüberfrachtete Texte in Geschichtsbüchern. Das ist der Zauber des Archivs: Rohstoff, ungefiltert. Wahrheit, unfrisiert. Aus dem Archiv erfährt man, wenn man Glück hat und die richtige Mappe erwischt, die Familiengeheimnisse der jüngsten Geschichte.

Nehmen wir mal die Kommune 1. Die Jahre 1967/68, der große Rabatz. Oberkommunarde Fritz Teufel muss ins Gefängnis. Das Archiv verrät: Auch die anderen Kommunarden wären 1967 gern mit Teufel in den Knast gegangen. „Sehr geehrter Herr Staatsanwalt“, schreiben sie in einem gemeinsamen Brief. „Wir haben im Augenblick sowieso kein Geld – da wäre es ganz gut, ins Gefängnis zu kommen.“ Vor dem „Einlochen“ wollen sie den Herrn Staatsanwalt aber gern privat treffen. „Übrigens könntest du vorher noch mal zu Kaffee und Kuchen mit deiner werten Gemahlin vorbeikommen – wir waschen uns auch die dreckigen Hälse.“

Wie jung, wie witzig, wie dreist die 68er waren, bevor die einen bierernst wurden in ihren Polit-Sekten und andere blutigen Ernst machten in der RAF und bevor viel später verbeamtete Altbau-Bewohner aus ihnen wurden – man erkennt es im Archiv.

Apropos Altbau – ein kleiner Sprung von 1968 zurück in die Kaiserzeit. Zu Hedwig Courths-Mahler. Dass die damals ungeheuer populäre und erfolgreiche Hera Lind der wilhelminischen Epoche penibel aufs Geld achtete, auch das erfahren wir aus dem Archiv. Oder dass Walter Gropius, der große Architekt der zwanziger Jahre, kleine Krakeleien aufs Papier warf, wenn er mit Worten nicht weiterkam. Oder dass Hildegard Knef schon als sehr junge Frau zurückgewiesene Verehrer dazu brachte, lange Gedichte über sie zu schreiben: „Ihr Sinn ist ernst, ihr Herz ist kühl / Doch klar und scharf ist ihr Verstand / Sie schwimmt nicht gerne in Gefühl / Sie urteilt lieber – hart, prägnant.“

Nicht schlecht getroffen, oder? Um all diese kleinen und größeren Schätze zu heben, muss man nur ein bisschen im Archiv stöbern.

Wie gelangen die Dinge ins Archiv?

Bleiben wir beim Brief von Ernst Reuter. Dass der noch existiert, liegt am Berliner Landesarchiv. Dort ist man gehalten, „bedeutende Unterlagen“ der Stadt, ihrer Behörden und Bewohner zu sammeln. Die Korrespondenz des Bürgermeisters gehört natürlich dazu – die Akten mit den getippten Briefdurchschlägen landeten irgendwann in der Sortierstelle des Archivs. Ein kühler, kahler Raum ohne Fenster, in dem sich auch heute die Kisten stapeln.

„Zwölf bis 15 Kilometer Akten“, erzählt Leiter Uwe Schaper, bekomme man pro Jahr von allen Berliner Behörden zur Archivierung angeboten. Von über 800 Dienststellen! Aber nur 800 Meter bis ein Kilometer davon landeten dann wirklich im Magazin – „die Menge variiert, je nachdem, was politisch los war.“ Wechselt die Regierung, fliegen alte Akten raus. Aber was ist mit den vielen Kilometern, die es nicht ins Archiv schaffen? Die werden aussortiert, kommen auf den Müll, bleiben für immer vergessen. Der Archivar entscheidet also darüber, woran wir uns später einmal erinnern können. Er jätet und pflanzt. Er ist der Gärtner des Gedächtnisses von Berlin.

Eine große Verantwortung, die auch Misstrauen auslöst. Wer definiert, was als „archivwürdig“ gilt? Wer in Opposition zur Regierung steht, wessen Tun und Denken noch nicht in den Behörden angekommen ist, der archiviert lieber selbst. So entsteht beispielsweise das Archiv der 68er, das „APO-Archiv“, das heute Teil des FU-Archivs ist. Angefangen hat es als Wildwuchs. Siegward Lönnendonker arbeitete in den 60er Jahren als studentische Hilfskraft im Archiv der Politischen Wissenschaften. „Hier sind ja noch einige Regalmeter frei“, dachte er eines Tages, als es unter den Studenten schon ordentlich rumorte. Er begann, die Flugblätter und Pamphlete zu sammeln, die auf dem Uni-Gelände und bei Demos verteilt wurden. Das Archiv entstand also zeitgleich mit den 68er-Ereignissen. Es nistete sich unauffällig im FU-Archiv der Politischen Wissenschaften ein, eine Art Partisanenarchiv, versteckt in den leeren Regalmetern. Irgendwann entdeckte der zuständige Professor den wilden Bestand. Er begrüßte, was sein Hiwi Lönnendonker trieb. Das APO-Archiv war geboren. Später bekam es einen eigenen abgelegenen Kellerraum, und dieser Tage ist es aus dem Untergrund hochgezogen zum Rest des FU-Archivs. Es hat sich etabliert, wie die 68er selbst. Ein Findbuch gibt es allerdings immer noch nicht.

Wie finde ich etwas im Archiv?

Das ist nämlich die hohe Kunst. Man muss wissen, wie es geht, sonst steht man ratlos vor dem Angebot. Im APO-Archiv braucht man dafür Ulrike Groß. Sie ist das Herz der Sammlung. Zu ihr kommen altgewordene 68er mit ihren Tüten, Kartons und Koffern voller Flugblätter und Schriften. „Meine Frau hat gesagt, sie kann das Zeug nicht mehr sehen“, sagen sie dann und laden alles im Büro von Ulrike Groß ab. Nun beginnt das sortieren. Denn meistens kommt alles völlig durcheinander an. Da liegt Propaganda neben Privatbriefen, die hineingerutscht sind. Einmal hat sie ein Gartenbuch zwischen den Agitprop-Blättern gefunden und einmal sogar darin versteckte pornographische Bilder. Zeugnisse heimlicher Leidenschaften der Klassenkämpfer.

Privatmüll wird aussortiert, der Rest systematisch in Mappen und Kartons einsortiert. Frau Groß kennt die Bestände, kennt die Dokumente, sie lebt das Archiv. „Ich könnte mir keinen anderen Beruf vorstellen“, sagt die 52-Jährige begeistert. Solange sie hier ist, braucht es kein Findbuch. Sie ist das Findbuch.

Im Landesarchiv geht es weitaus systematischer zu. Da kann man schon online schauen, was die Bestände hergeben. Aber man braucht ein wenig Vorwissen – welcher Politiker hat zu welchem Zeitpunkt in welchem Amt gearbeitet? Wer ist für wen oder was zuständig? Wer ins Archiv geht, muss sich aufs „Papierfressen“ einstellen. So nennt man es, wenn man im Lesesaal zehn prall gefüllte Mappen mit Dokumenten vorgesetzt kriegt. Beschriebene Papiere, manchmal hauchdünn. Irgendwo da drin ist womöglich etwas, was man sucht. Aber wo?

In guten Archiven helfen die Archivare weiter – sie wissen immer mehr als der einfache Benutzer, sie kennen die Bestände, dürfen – anders als der normale Besucher - die Magazine betreten. „Ein guter Archivar will etwas finden“, meint Dr. Heike Schroll, die stellvertretende Leiterin des Landesarchivs. Irgendwie ist jeder Archivar auch ein Schatzsucher, ein Perlentaucher. Zumindest die guten, die mit Leidenschaft bei der Sache sind.

Wer geht eigentlich ins Archiv?

In der Mehrheit Männer. Sonderbar, aber wahr. Gilt vermutlich nur nicht in spezialisierten Frauenarchiven, sonst aber schon. Vielleicht weil Männer sich gerne vergraben – in ihr Hobby, ihre Geschichtsforschung, in die Rekonstruktion ihres Familienstammbaums. Manchmal geht es im Archiv auch darum, Erbstreitigkeiten zu klären; man weist durch die alten Standesamtsbücher nach, dass man mit irgendwem verwandt ist. Aber, sagt Professor Schaper vom Landesarchiv, die Frauenquote unter den Besuchern erhöhe sich langsam.

Und der Eindruck, dass die meisten Benutzer eher aus dem Rentnermilieu kämen? Da muss er wieder lachen. Das läge vermutlich an der Uhrzeit, zu der man das Archiv nutzt. Morgens kommen die Rentner, erst ab Mittag die Studenten und Schüler.

Harald Arends hat einige Jahre lang den Kurs „Berliner Archive“ an der Volkshochschule angeboten. Er ist Diplom-Archivar und Dozent an der Fachhochschule Potsdam, die Archivwesen zum Schwerpunkt hat. Wer kam zu seinen Kursen? Private Familienforscher. Geschichts-Studenten, die in den Unis nicht mehr lernen, im Archiv zu arbeiten. Profi-Rechercheure, die Archivrecherchen gegen Geld anbieten.

Darf denn eigentlich jeder im Archiv arbeiten? Fast immer muss man vorher in einem Antrag sein Recherchethema und seinen Auftraggeber nennen. Das schreckt viele ab, sie denken, in Archive dürfen nur die Spezialisten, die Historiker. Stimmt nicht, sagt Arends. Rechtlich könne man niemanden von der Arbeit im Archiv abhalten.

Das heißt aber nicht, dass man an alle Bestände herankommt. Persönlichkeitsrechte und Schutzfristen verhindern oft die Einsicht. Dreißig Jahre sollen die Dokumente laut Berliner Archivgesetz unberührt bleiben, aber Ausnahmen sind nach Absprache möglich. Dreißig Jahre? Alles vor 1983 ist momentan zugänglich, sofern nicht Persönlichkeitsrechte dagegen sprechen. Aber trotz allem, es bleibt genug Stoff. Mehr als genug.

In den Archiven findet man berühmte Berliner Persönlichkeiten

Und wieso jetzt dieser lange Ausflug in Berlins Archive? Weil wir fündig geworden sind. Wir haben viele Archive durchforstet in den letzten Monaten – und viele berühmte Berliner wiedergetroffen. Sie alle haben Spuren hinterlassen. Auf manche kommt man sofort, andere hat man fast vergessen: Willy Brandt, Otto Lilienthal, Lilian Harvey, Henriette Herz, Albert Einstein, Kurfürstin Sophie Charlotte, Egon Krenz, Rio Reiser. Um nur einige Namen zu nennen.

Jeden Sonntag begibt sich die „Berliner Morgenpost“ von nun an in ein Archiv, erforscht Nachlässe von Berliner Prominenten und fischt nach Geschichten, die Sie noch nicht kannten. Geschichten, die man nicht einfach googeln kann. Und es lohnt sich, nachzuforschen.

Nehmen wir Hildegard Knef. Ihr Nachlass liegt in der Deutschen Kinemathek am Potsdamer Platz, gleich im Magazin, das an das Büro des Archivars Gerrit Thies grenzt. Auch ein Mann, der seinen Beruf liebt und seine Nachlässe genau kennt. Er führt seine Schätze nicht ohne Humor vor, denn er weiß, so ein Archiv ist auch eine Asservatenkammer. Hier lagern Beweise, die Lebenslügen entlarven. Notizen von Schauspielerinnen (in der Presse gelten sie als dickste Freundinnen), die sich gegenseitig angiften. Pässe mit Stempeln, die Reisen belegen, die angeblich nie gemacht wurden.

Manchmal spricht auch eine Leerstelle Bände – alle Gästebücher eines Berliner Film-Promis, der gerne große Abendveranstaltungen gab, sind noch da. Nur die Gästebücher von 1933-45 fehlen. Aha. Und Hildegard Knef?

Otto Hahn kümmerte sich rührend um seine jüdische Vertraute

„Hilde“, sagt Gerrit Thies, und der leicht ironische Ton in der Stimme lässt aufhorchen. Auch ihrer wunderbar zu lesenden Autobiographie „Der geschenkte Gaul“ ist nicht immer zu trauen. Mit ihrer Vergangenheit ging sie, nun ja, frei und literarisch um. Was ihr unangenehm war, ließ sie einfach weg oder erfand eine bessere Geschichte. Der Archivar Thies zieht aus dem Regal des heruntergekühlten Magazins zwei Hilde-Kartons heraus. Schauen wir doch mal hinein. Es lohnt sich.

Es ist erstaunlich, was sich in Berliner Archiven findet. Wussten Sie, dass der Chemiker Otto Hahn, Vater der Kernspaltung und Nobelpreisträger, sich rührend und ganz persönlich um den Umzug seiner engsten Mitarbeiterin und Vertrauten, der Physikerin Lise Meitner aus Dahlem kümmerte, nachdem die Nazis sie als Jüdin ins Exil nach Schweden gezwungen hatten? Viele, oft verzweifelte Briefe zeugen davon. Heftig tobte der Kampf zwischen Walter Gropius und seiner Ex-Frau Alma Mahler um das einzige gemeinsame Kind. Kennen Sie die die Schriftstücke? Wir haben sie gefunden. Und was kriegte die extrem erfolgreiche Schriftstellerin Hedwig Courths-Mahler extrem Unschönes zum 60. Geburtstag geschenkt? Wir versprechen Ihnen ein unterhaltsames Eintauchen in Berliner Leben.