Bundestagswahl

Wie eine 17-Jährige Berliner Schüler zum Wählen motiviert

Lena Jousten organisiert für die Bundestagswahl an ihrer Kreuzberger Schule eine U18-Wahl. Auch wenn die Stimmen der Minderjährigen nicht zählen, wird durch die Aktion politisches Interesse geweckt.

Foto: Sergej Glanze / Glanze

„Am Ende sitzt man immer am kürzeren Hebel.“ „Wozu was sagen, wenn man nichts erreichen kann?“ Sprüche wie diese hört Lena Jousten auf dem Schulhof, im Freundeskreis, im Sportverein. Teilen kann die 17-Jährige diese Haltung kaum: Seit etwa fünf Jahren ist die Gymnasiastin als Schülersprecherin oder Vertreterin in politischen Gremien aktiv. Jetzt richtet sie ihren Blick auf die große Bühne: Für die Bundestagswahl im September organisiert sie an ihrer Kreuzberger Schule die U18-Wahl für Minderjährige.

Zum zehnten Mal können junge Berliner wenige Tage vor einer offiziellen Wahl ihr Kreuz auf einen Stimmzettel setzen, selbst wenn dieser für die „echte“ Wahl nicht zählt. Mitte der 90er-Jahre war die Idee in der Jugendfreizeiteinrichtung Edinburger Straße in Wedding entstanden. 40 Jugendliche stimmten dort im selbst eingerichteten Wahllokal vor der Abgeordnetenhauswahl für „ihre“ Kandidaten.

Politik für junge Leute

Nicht nur um Mitbestimmung des politischen Nachwuchses ging es U18-Gründervater Marcus Lehmann. Vor allem wollte der Pädagoge Interesse für Politik wecken. Fast noch wichtiger als den Urnengang finden die Projektträger die Vorbereitung, in der spielerisch sperrige Themen angepackt werden. Die Ideen, mit denen die Jugendlichen Wahlvorbereitung betreiben, sind vielfältig: Politiker werden zum Gespräch geholt, Quizshows veranstaltet, Kiezspaziergänge gemacht, um lokal Verantwortlichen Probleme aufzuzeigen.

Diese Idee fand Anhänger, 2002 entwuchs das politische Bildungsprojekt dem Berliner Rahmen. 278 U18-Wahllokale bildeten sich zur Bundestagswahl erstmals deutschlandweit. Noch mehr waren es allein in der Hauptstadt bei der Abgeordnetenhauswahl 2011, an der sich 26.705 Jugendliche in 290 Wahllokalen beteiligten. „Die Themen, die Kinder und Jugendliche interessieren, sind eng an ihre Lebenswelt geknüpft“, sagt Milena Feingold, Koordinatorin des Projektes beim Deutschen Kinderhilfswerk, das mit dem Landesjugendring Berlin U18 zur Bundestagswahl 2013 in der Hauptstadt organisiert. Um Umweltschutz, Atomkraft, Jugendarbeitslosigkeit und Studiengebühren ging es an der Leibniz-Schule beim ersten U18-Wahlgang 2011.

Je älter die Schüler, desto weniger Interesse

Eine Podiumsdiskussion mit Abgeordnetenhauskandidaten hatte Lena Jousten vor zwei Jahren organisiert. Vertreter von vier Parteien waren gekommen. Gut besucht gewesen sei die Veranstaltung, erinnert sich Lena Jousten. Auch an Fragen ans Podium mangelte es nicht. „Es ist schon etwas anderes, mit Politikern einmal ganz persönlich zu diskutieren.“ Den Funken der Begeisterung auch jenseits solcher Aktionen am Glühen zu halten, fand die damals 15-Jährige dagegen nicht so leicht. „Je älter die Schüler waren, desto eher haben sie das Ganze nicht ernst genommen“, so ihre Beobachtung.

Die zwölf Wahlhelfer fand Lena Jousten, die das Projekt damals weitgehend allein organisierte, in den achten Klassen. Im Unterricht wurden Wahlprogramme behandelt, wurde über das Wahlrecht und den Urnengang gesprochen. Am Wahlgang selbst, der während des Unterrichts stattfand, nahmen etwa 500 von rund 800 Schülern teil – „und auch da waren es eher die Oberstufenschüler, die nicht mitgemacht haben“. Die Stimmabgabe war freiwillig, jüngere Klassen aber zogen geschlossen zu den von den Siebtklässlern gebastelten Wahlurnen.

Freiwillig auf das Wahlrecht zu verzichten, käme für sie nicht infrage. Wochenlang hatte sie gefiebert, auf welches Datum die Bundestagswahl 2013 fallen würde. Als der Termin einen Tag nach ihrem 18. Geburtstag feststand, jubelte sie: „Ich hätte mich echt geärgert, wenn die Wahl eine Woche früher gewesen wäre.“ An ihrer Bereitschaft, trotzdem erneut die U18-Wahl in der Schule anzustoßen, änderte das nichts. Dabei war sie zunächst erstaunt, als aus der Lehrerschaft der Wunsch danach kam. Gerade weil es beim ersten Mal nicht nur Begeisterungsstürme gegeben hatte. Erst im Nachhinein hörte sie, das habe sie doch „klasse gemacht“.

Tatkraft ist ansteckend

Dass Tatkraft ansteckt, ist eine der Lehren für Lena Jousten. Siebtklässlerin war sie, als sie in den Bezirksschülerausschuss geschickt wurde. Weiter ging es zum Bezirksschulbeirat, 2011 trat sie ins Schülersprecherteam ein. Die Schülervertretung (SV) initiierte Verschönerungsprojekte im Schulgebäude, setzte sich für warmes Mittagessen ein. Ihr wachsendes Netzwerk an Vereinen der Jugendarbeit und politischen Bildung mit diversen Projekten nutzte Lena, um Begeisterung für die SV und viele Anregungen zu gewinnen. Auch für U18 hat sie Mitstreiter unter den Mitschülern gefunden. „Ich könnte mir vorstellen, dass wir es jetzt größer aufziehen“, sagt sie. Ein Politiker-Speeddating könnte es geben, Workshops der älteren für die jüngeren Schüler. Politikwissenschaften wird in Berlin ab der 10. Klasse unterrichtet. Lena: „Wer in der Zehnten abgeht, hat keine Ahnung, was Erst- und Zweitstimme sind.“

Den Spruch, Politiker „tun doch sowieso nichts“ - den mag sie jedenfalls nicht mehr hören. Auch wenn die Tochter eines ganz frühen Grünen-Mitglieds sich nicht vorstellen könnte, einer Partei beizutreten. „Was macht ihr denn?“, sei stets ihre Gegenfrage, so die begeisterte Schwimmerin und Trainerin im DLRG-Verein: „Egal, ob ich bei der Feuerwehr bin oder in einer Partei, Demokratie ist das alles.“