Tierschutz

Berliner Schüler lernen artgerechte Tierhaltung kennen

Beim Berliner Tierschutzverein erfahren Schüler, wie artgerechte Haltung von Hühnern und Schweinen funktioniert. Dabei lernen die Kinder auch, wie es sich anfühlt, eingesperrt zu sein.

Foto: Sergej Glanze / Glanze

Der Unterrichtsraum hat keine Wände, und keine Decke, aber immerhin vier lange Bänke, die im Viereck angeordnet sind. Alles, was man in diesem Klassenzimmer lernen kann über Nutztiere, Ernährung und Ethik, lernt man an der frischen Luft. Alles bis auf das Körperliche: Gedränge in der Dunkelheit, Schwitzen zwischen Stahltüren, Dröhnen in den Ohren. Das tierische Klassenzimmer ist ein Lehrraum der besonderen Art. Eingerichtet hat der Tierschutzverein für Berlin es schon im Jahre 2008.

Zu den Lehrkräften, die Spaziergänge zum Hausvaterweg 39 in Falkenberg unternehmen, gehört Doris Unzeitig von der Grundschule An den Buchen in Niederschöneweide. „Das ist als außerschulischer Lernort echt wichtig, denn nicht jedes Kind hat noch Kontakt zu Tieren“, sagt sie.

„Diese Möglichkeit gibt es im Tierheim – aus meiner Sicht ist das ein elementares Bildungsangebot.“ Die Konrektorin ist mit der Klasse 3b zu Besuch.

Eingesperrt auf kleinstem Raum

Der Treffpunkt befindet sich vor der Tierarztpraxis. Die Tierschutzlehrerin Petra Felkel – seit 2012 dabei – und Yannik Weber, der ein freiwilliges soziales Jahr im Tierheim leistet, nehmen die 25 Schüler in Empfang und laufen mit ihnen an der langen Reihe vergitterter Fenster vorbei. Dahinter sitzen, schlafen oder strecken sich mehr als 500 Katzen. Doch es geht diesmal nicht um das Elend ausgesetzter Haustiere, sondern das kurze, qualvolle Leben und Sterben von vielen Nutztieren: Rinder, Schweine und Hühner.

Platziert auf den Bänken fragt Tierschutzlehrerin Felkel die Kinder, was Nutztiere sind. „Ein Schwein“, antwortet ein Schüler, „es wird geschlachtet und zu Würstchen gemacht.“ Felkel sagt, dass der Weg vom Nutzen zum Ausnutzen ein kurzer sei. Die Kinder brauchen sich nur umzudrehen: Hinter ihnen stehen mehrere Hütten. Die Klasse teilt sich auf, eine Gruppe geht mit Yannik Weber zum Kuhstall. Fotos an den Wänden zeigen Kühe auf engem Raum – was Enge ist, bekommen die Kinder am eigenen Leib zu spüren. Felkel sperrt Freiwillige der Reihe nach auf kleinstem Raum ein. Nach Sekunden erkundigt sie sich, wie sie sich fühlen und wohin sie wollen. „Eingesperrt“ und „nach draußen“ ist die Standardantwort der Mädchen. Ein Junge tönt, er bräuchte „’ne Kuhglocke und ‘ne Playstation“, dann würde das Spaß machen. Felkel erwidert unbeirrt, dass die Kälbchen nach der Geburt von ihren Müttern getrennt würden, niemanden zum Kuscheln hätten, weder Playstation bekämen noch Muttermilch. Die trinkt nur der Mensch, „die Kälber bekommen Trockenmilch“, sagt Felkel.

Ausgezeichnetes Engagement

Die Kinder quasseln, sie kichern, die Jungs schubsen sich. Sie wollen alle eingesperrt werden. Aber sie werden auch ernst. „Das ist langweilig – jeden Tag im Stall stehen, die können nicht über die Wiese springen“, sagt Christina zu ihrer Freundin. Felkel lässt einen Satz fallen, den sie noch oft wiederholen wird: „Wenn jeder nur kauft, was er wirklich isst und trinkt, wäre es schon besser.“

Plötzlich entdecken ein paar Mädchen ein Pony hinter der Hütte und rennen hin. „Stell Dir vor“, flüstert eine Schülerin ihrer Nachbarin zu, „die wurde ausgesetzt“. Die heißt Kathrin, und es ist dem Pony nicht anzusehen, ob und was es denkt. Frau Felkel sagt beruhigend: „Dafür hat sie es hier gut.“ Das Pony stammt aus einem Nachlass. Lehrerin Unzeitig tritt hinzu und erzählt, dass eine Visite zur Grünen Woche im Januar ausschlaggebend für diesen Tierheimbesuch war. „Dort haben wir uns die artgerechte Hühnerhaltung angeschaut und sind so auf das Angebot gestoßen.“

Das Tierheim ist seit Jahren auf der Grünen Woche vertreten, wo die promovierte Diplom-Biologin Ulrike Pollack über Nutztierhaltung aufklärt. Pollack wurde 2012 für ihr Engagement mit dem Berliner Tierschutzpreis ausgezeichnet. Seit 2005 arbeitet sie als Tierschutzlehrerin im Tierheim. Für 2013 schätzt sie die Zahl ihrer Einsätze auf 300: Sie führt Schul- und Kitagruppen durch die Anlage und besucht umgekehrt auch Schulen. Inzwischen hat sie mit Weber und Felkel Unterstützung erhalten. Der Bedarf ist groß. Der Deutsche Tierschutzbund konstatiert, dass Tierschutz in Schullehrplänen kaum eine Rolle spielt, sich aber mehr und mehr Kinder und Jugendliche dafür interessieren. Inzwischen bildet der Verband in fünf Wochenendseminaren Tierschutzlehrer aus. 20 Absolventen waren es im vergangenen Jahr, 20 sind es auch 2013.

„Emotionaler Einstieg und Sachinformationen“

In den Hütten gibt es noch einiges zu erkunden. Yannik Weber öffnet eine mannshohe Box, in die fünf Kinder passen. „So werden Schweine transportiert“, kündigt er an, „tausend Kilometer, ohne Pause, ohne Licht, ohne Temperaturausgleich“. „Ich habe das schon gesehen, als wir auf der Autobahn gefahren sind“, sagt Oskar. Seine Stimme wackelt. „Da lagen Schweine auf dem Boden.“ In der Box springt die akustische Untermalung an: Es brummt, die Fahrbahn rauscht. Ununterbrochen. „Ich würde gerne ein Fenster aufmachen und den Fahrer anbrüllen“, ruft Oskar. Nach nicht mal einer Minute lässt Weber alle Kinder aus der Box. Sie sollen ja nur eine Vorstellung bekommen. „Wir bieten den emotionalen Einstieg und geben die Sachinformation“, erklärt Pollack, „so kriegen wir keinen Ärger mit den Eltern. Das ist ein sensibles Thema“.

Die Mitarbeiter zeigen Alternativen, sie vermitteln nicht nur Eindrücke von Massentierhaltung, die Kinder sehen artgerechte Tierhaltung mit Platz für artgetreues Verhalten: vom Scharren und Picken bis zum Suhlen. Hinter den Hütten liegen Freigehege. Momentan leben 17 Nutztiere in der Notaufnahme für Nutztiere, vom deutschen Zwerghahn Otto bis zum Hängebauchschwein Daisy. Unter den Stichwort Stufenethik oder Einkaufskorb erklären die Tierschutzlehrer, dass weniger mehr sein kann – dass man eben nur kaufen soll, was man wirklich isst, und das aus artgerechter Haltung. „Wenn ich was nicht esse, isst das mein Vater“ ruft Lukas aus. „Meiner auch“, fallen ein paar ein. Dann geht es zurück in die Schule.