Die Tafel ist festlich gedeckt, das Kronprinzensilber leuchtet, die Ober im Frack, im Smoking, mit weißer Jacke. Im Handumdrehen ist der Cocktail serviert. Mit diesen Worten beschrieb der damalige Morgenpost-Chefredakteur Heinz Köster sein Mittagessen mit Berlins Regierendem Bürgermeister Willy Brandt, US-Präsident John F. Kennedy und der Delegation in der Brandenburghalle des Schöneberger Rathauses. Damals, am 26.Juni 1963, bei Kennedys Besuch in Berlin. Zum Artikel von Köster wurde gedruckt: die Menükarte des Banketts.

„Und die selben Weine, die damals JFK getrunken hat, die sollte ich nun für Barack Obama besorgen“, sagt Gunnar Tietz. Der Chef-Sommelier des Sternerestaurants „First Floor“ im Hotel „Palace Berlin“ hat vor gut zwei Monaten eine Mail bekommen. Den Absender will er nicht genannt wissen, seien die Planungen zum Besuch des US-Präsidenten bis auf die Übernachtung im Hotel „Ritz-Carlton“ und das Abendessen im Schloss Charlottenburg mit Angela Merkel doch noch weitgehend geheim.

Warum er gefragt wurde und nicht einer seiner Kollegen aus Berlin, könne er sich jedoch denken. Seit knapp fünf Jahren besorge er Weine für Angela Merkel. Deren Vater, Horst Kasner, habe ihn und seine Frau Anette 2001 in Templin verheiratet. Er habe auch schon Staatsempfänge für Condoleeza Rice, Gerhard Schröder, Helmut Kohl und Helmut Schmidt beliefert. Vergangenes Jahr habe ihn US-Botschafter Philip D. Murphy gebeten, für eine Bordeaux-Blindprobe Weine von 1976 zu besorgen. Und den Auftrag, nun die Originalweine von John F. Kennedys Besuch möglich zu machen, den wolle er ganz bewusst bekannt geben.

Steinbutt und Rinderfilet für Kennedy

Zum Cocktail von frischem Steinbutt nach Ratsherren Art mit Toast und Butter gab es im Juni 1963 einen 1961er Piesporter Grafenberg, Original Abfüllung von Reichsgraf von Kesselstatt, Trier. Zum zweiten Gang, Rinderfilet Renaissance mit Spargelspitzen und Schlosskartoffeln, standen ein 1959er Ruppertsberger Nußbien, Riesling Spätlese von J. L. Wolf Erben und ein 1959er Moulin-à-vent Patriarche Père & Fils, Beaune, zur Wahl. „Da kam schon mit das Beste ins Glas, was in Deutschland produziert wurde“, sagt Weinkenner, Morgenpost-Autor und Hotel- und Gastrokritiker Heinz Horrmann zu den ersten beiden Weinen.

Zum Dessert, Eis-Charlotte „Jacqueline“ – zu Ehren der Präsidentengattin – und Petits Fours kam ein Johannisberger Sekt Fürst von Metternich auf den Tisch. Laut Artikel von Heinz Köster damals von der Söhnlein Rheingold KG, laut Auftraggeber von Sommelier Gunnar Tietz heute von der Sektkellerei Schloss Vaux, Eltville am Rhein. „Aber das konnte nur ein Druckfehler sein“, sagt Gunnar Tietz. Christian Witte, Geschäftsführer der Fürst von Metternich Winneburg’sche Domäne Schloss Johannisberg GbR, bestätigt, dass es diesen Sekt so nicht von Schloss Vaux gegeben haben kann. „Weine von Schloss Johannisberg sind damals nur von Söhnlein gemacht worden“, sagt Christian Witte.

„Weine wären wahrscheinlich nicht mehr trinkbar“

Um die Weine für Obama zu besorgen, hat Gunnar Tietz, „Sommelier des Jahres 2011“ (Gault Millau) und „Bester Sommelier Deutschlands 2012“, alle vier Weingüter der Originale angerufen. Von allen hat er die gleiche Antwort bekommen: „Nein, den gibt es nicht mehr.“ Keiner ist in den Raritätenkabinetten der Güter auffindbar. „Die 59er und 61er wären heute auch höchstwahrscheinlich nicht mehr trinkbar“, sagt Heinz Horrmann. Und natürlich gebe es bessere Alternativen, seien von den Weinen andere Lagen oder andere Jahrgänge noch verfügbar, sagt Gunnar Tietz. Doch: Er hat seinen Auftrag nicht erfüllen können.

Vielleicht gibt es ja einen Berliner, der zufällig noch einen der Weine hat, hofft Sommelier Gunnar Tietz nun. Dann könnte man diesen zumindest symbolisch auf die Tafel von Obama stellen – und dazu die noch bessere Alternative servieren.