Führung

Berliner begeben sich auf eine Tour durch die Kanalisation

| Lesedauer: 5 Minuten
Sabine Flatau

Foto: Amin Akhtar

Fast 10.000 Kilometer lang ist das Netz der unterirdischen Rohre und Leitungen, die die Berliner Wasserbetriebe betreuen. Die Berliner hatten nun Gelegenheit, sich einen Überlaufkanal anzusehen.

Die schmutzig-braune Brühe strömt in einer breiten Rinne durch das Gewölbe. Von einer Plattform aus schaut man auf das Abwasser, das vorbeifließt. Mehrere hundert Besucher steigen an diesem Sonnabend in den Untergrund, nehmen Wartezeiten in Kauf, obwohl das Thema doch ein wenig unappetitlich ist. Die Berliner Wasserbetriebe haben ihr Kanalbauwerk an der Martin-Luther-Straße Ecke Hohenstaufenstraße in Schöneberg geöffnet. Lang ist die Schlange der Wartenden, die vor der schmalen Treppe stehen. Auch Susanne Bohn ist dabei, mit Tochter Arwen (6) und Sohn Thorben (3). Die Familie wohnt im Winterfeldt-Kiez. „Wir haben schon seit Montag gesehen, dass der Kanaldeckel offen war und die Führung vorbereitet wird“, erzählt die junge Mutter. „Deshalb wollten wir auf jeden Fall dabei sein.“

Von 1903 stammt das Gewölbe, das rund fünf Meter unter den Straßen verläuft. Es ist Teil eines Überlaufbauwerks für Regenwasser. Wenn sich Wolkenbrüche über Berlin ereignen – wie in den vergangenen Tagen – dann laufen die Mischwasserkanäle im Untergrund voll. Der Mix aus dem Abwasser der Haushalte und dem Regenwasser kann nicht mehr von den Pumpwerken und den Klärwerken bewältigt werden.

Wenn ein bestimmter Pegel überschritten wird, dann strömt das Mischwasser in die Überlaufkanäle. Und von dort in einen unterirdischen Speicher, in die Spree oder in den Landwehrkanal. An diesem Sonnabendvormittag, extra für die Besucher, ist der Überlaufkanal noch einmal leer gepumpt worden. Dann sind Arbeiter mit Reinigungsdüsen die 400 Meter lange Strecke entlanggegangen, um sie zu säubern. Zweieinhalb Stunden hat die gesamte Prozedur gedauert. Gegen 12.30 Uhr führt Arne Kuczmera, Mitarbeiter der Berliner Wasserbetriebe, die ersten Neugierigen durch den Untergrund.

Kunstvolle Backsteinbögen

Über die schmale Treppe gelangen sie nach unten. Und betreten das Gewölbe aus Backsteinen, mit Bögen, abgerundeten Ecken, und kunstvollen Decken. „Erbaut unter dem Stadtbaumeister Berger im Jahre 1903“, steht auf einer Tafel am Eingang zu lesen. Der Regenüberlaufkanal, an diesem Sonnabend als langer unterirdischer Gang genutzt, ist nahezu oval geformt. Er hat ein „Maulprofil“, sagen die Fachleute. Gemauert ist er, 2,40 Meter hoch und 4,20 Meter breit.

Arne Kuczmera erklärt seinen Gästen, was mit dem Mischwasser unter der Martin-Luther-Straße Ecke Hohenstaufenstraße geschieht. Es strömt im Gefälle zum Pumpwerk Wilmersdorf und wird von dort in eines der Klärwerke gepumpt: nach Waßmannsdorf, nach Stahnsdorf oder nach Ruhleben. Rund 150 Pumpwerke betreiben die Berliner Wasserbetriebe. Das in Wilmersdorf sei das größte, sagt er. „Es kann pro Tag 50.000 Kubikmeter Abwasser bewältigen.“

Kanal im gotischen Backsteinstil

Kuczmera führt die Gäste den 400 Meter langen Gang bis zur Winterfeldtstraße. „Passen Sie auf,“ sagt er. „ Es ist leicht abschüssig in der Mitte. Dadurch kann man die Rinne besser reinigen. Denn die Schmutzstoffe setzen sich in der Mitte ab.“ Kuczmera gerät ins Schwärmen, als er vom Bau des Kanals erzählt. Vier Jahre habe man gebraucht. Es sei der gotische Backsteinstil gewesen, in dem das unterirdische Bauwerk errichtet wurde. „Ich habe schon Maurer durch den Kanal geführt“, erzählt er. „Die sagen, es ist unwahrscheinlich, wie gerade die Fugen verlaufen.“ In einer Zeit, in der es noch nicht so viele Möglichkeiten zur genauen Vermessung gab. Es war der Architekt und Bauingenieur James Hobrecht, der die Berliner Kanalisation plante.

Er vereinbarte mit dem Senat von Berlin, dass die Arbeiten nur am Tage, und nicht unter Zeitdruck durchgeführt werden durften. Die Qualität sollte Vorrang haben. „Damals hat man schon nachhaltig gedacht und gebaut.“ 110 Jahre alt seien die Kanäle. „Und sie werden auch noch die nächsten 100 Jahre überdauern“, prophezeit der Mitarbeiter der Berliner Wasserbetriebe. Woher die Steine für die Kanäle kamen, fragt eine Besucherin. Die Ziegel für die Kanalisation wurden im brandenburgischen Umland gebrannt und per Schiff nach Berlin transportiert. Während Arne Kuczmera die Fragen beantwortet, hat er den Jüngsten seiner Besuchergruppe auf die Schulter genommen. Der kleine Thorben schaut sich zufrieden um - da der Kanal 2,40 Meter hoch ist, stößt er nicht an der Decke an.

Fast eine halbe Stunde dauert der unterirdische Spaziergang. Dann steigen Arne Kuczmera und seine Gäste wieder über eine schmale Treppe ans Tageslicht. Der dreijährige Thorben hat sich von der Schulter heben lassen und klettert ganz langsam, Stufe für Stufe, nach oben, gefolgt von Schwester Arwen und seiner Mutter. „Es war toll“, sagt Susanne Bohn hinterher. „Und sehr informativ. Ich war noch nie unten in der Kanalisation.“ Auch dass es so trittsicher für ihre Kinder sein wird, habe sie sich nicht vorstellen können. „Ich bin rundum begeistert.“