Volkszählung

Jeder vierte Berliner ist ein Akademiker

In Berlin leben 180.000 Menschen weniger als bislang angenommen. Die verbleibenden Einwohner sind jedoch besonders gebildet. Nirgendwo anders in Deutschland leben so viele Akademiker wie in Berlin.

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Ihr Innerstes wollten die Menschen dann doch nicht nach außen kehren. Acht Millionen Menschen in Deutschland, zehn Prozent der Bevölkerung, hatten 2011 Kontakt mit einem der 80.000 Interviewer. Auch in Berlin haben mehr als 300.000 Bürger den Fragebogen für den Zensus 2011 ausgefüllt. Das Ergebnis ist das umfangreichste Zahlenwerk über die Einwohner seit der umstrittenen Volkszählung 1987.

Eine wichtige Frage konnte der Präsident des Statistischen Bundesamts, Roderich Egeler, jedoch nicht beantworten, schlicht deshalb, weil die Menschen ihm die Auskunft verweigert haben. Wer sich zu anderen Religionen bekennt, die nicht wie die großen christlichen Kirchen als öffentlich-rechtliche Körperschaften organisiert sind, legte nur selten Fällen sein Bekenntnis offen. Und so kann man auch in Berlin weiterhin nur schätzen, wie viele Menschen sich wirklich zu den verschiedenen Richtungen des Islam oder zum Judentum bekennen oder sich als Buddhisten begreifen. Aber das ist auch fast die einzige Leerstelle, die der Zensus mit seiner enormen Flut von Daten gelassen hat. Im Laufe der nächsten Wochen und Monate wollen die Statistiker im Bundesamt in Wiesbaden sowie ihre Kollegen in den Ländern das Material weiter aufarbeiten und veröffentlichen.

Für die Hauptstadt ist sicher die um fast 180.000 Personen nach unten korrigierte Bevölkerungszahl das herausragende Ergebnis, zumal sich daraus deutlich sinkende Zuschüsse aus dem Länderfinanzausgleich ergeben werden. Für Berlins Finanzsenator bedeutet das einen Rückschlag auf dem Weg zu einem ausgeglichenen Haushalt. Deshalb ist für Ulrich Nussbaum (parteilos, für SPD) klar, dass Berlin alle Optionen nutzen muss, um die Einnahmeseite des Haushalts weiter zu stärken. Das gelte auch für die City Tax, die die Touristen bezahlen sollen.

In Deutschland leben 1,5 Millionen Menschen weniger

Was das Statistische Bundesamt in der Hauptstadt ermittelte, zeigt sich tendenziell auch in der gesamten Republik. Die bemerkenswerten Abweichungen zeigten, wie wichtig der Zensus sei, sagte Egeler. Die Interviewer befragten 2011 acht Millionen zufällig ausgewählte Bürger. Zudem zogen die Statistiker regionale und kommunale Datenbanken und Register für den Zensus heran.

Demnach leben mit 80,2 Millionen 1,5 Millionen Menschen weniger in Deutschland, als bisher aus den alten Erhebungen hochgerechnet worden war – ein Minus von 1,8 Prozent. Besonders hoch war unter den Bundesländern die Abweichung nach unten in Berlin. Hier war die Bevölkerung um 5,2 Prozent zu hoch angesetzt worden. Nur Hamburg kommt mit einem Minus von 4,6 Prozent in eine ähnliche Größenordnung.

Die Ungenauigkeit in der bisherigen Datenlage ist vor allem darin begründet, dass die Statistiker die Zahl der in Deutschland lebenden Ausländer überschätzt haben. Zum Stichtag hatten knapp 6,2 Millionen Menschen einen ausländischen Pass, das sind 7,7 Prozent der Gesamtbevölkerung. Bis dahin waren die Experten von 7,3 Millionen Ausländern ausgegangen. Das erklärt auch die hohen Abweichungen in den Großstädten, wo der Anteil ausländischer Bevölkerung besonders hoch ist.

Denn es gibt Städte, die mit dem Zensus relativ mehr Einwohner einbüßten als Berlin, etwa Mannheim, Aachen oder Würzburg. Allein in Berlin war die Statistik von 106.000 Ausländern mehr ausgegangen, als sich in der Stadt befanden. „Der Zensus scheint ein Problem der Städte zu sein“, sagte Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD). Dabei lebten in den Städten sicherlich auch viele Menschen, die dort nicht gemeldet seien.

Was nicht zur Disposition steht, sind die Prognosen des Senats zum Wachstum der Stadt. Schließlich hat auch der Zensus ergeben, dass die Bevölkerungszahl Berlins vom Stichtag der Zählung am 9. Mai 2011 bis zum Ende dieses Jahres um 33.637 gestiegen ist. Mit einem Plus von einem Prozent liegt Berlin deutlich vor allen anderen Ländern, nur Hamburg kommt mit einem Zugewinn von 0,7 Prozent einigermaßen mit. Als offizielle Einwohnerzahl der Hauptstadt gelten nun zum Jahresende 2011 rund 3,326 Millionen Menschen.

Wachstumsprognose bleibt

Die Bevölkerungsprognose der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung, die von einem Plus von 250.000 Menschen bis 2030 ausgeht, bleibe auf dieser niedrigeren Ausgangsbasis gültig, sagte eine Sprecherin von Senator Michael Müller (SPD). Die Behörde habe die Prognose auf Grundlage von Geburtenrate, Sterbeziffern, Zu- und Wegzügen errechnet. Wowereit sagte, langfristig werde man sicherlich die Bedarfe für Kita-Plätze und Schulen justieren müssen, kurzfristig aber nicht: „Die Wartelisten sind ja da“, sagte der Sozialdemokrat.

Auch der Stadtentwicklungsplan Wohnen, der die Grundlage für den geplanten deutlichen Ausbau der Neubauaktivitäten bildet, müsse nicht neu aufgelegt werden, hieß es aus dem Hause Müller. Man habe sich auch hier schon auf neuere Daten gestützt als die in den offiziellen Statistiken ausgewiesenen. Tatsächlich hat der Zensus für Berlin nicht nur einen Verlust an Bevölkerung ergeben, sondern auch an Wohngebäuden. 40.000 Wohnungen oder 2,1 Prozent weniger als bis dahin angenommen haben die Statistiker bei ihrer Umfrage unter allen Hauseigentümern ermittelt. Allein im Bezirk Mitte gibt es 7000 Wohnungen weniger als gedacht.

23,9 Prozent der Berliner haben einen Migrationshintergrund

Weniger abweichend von den bisher verwendeten Zahlen sind die Erhebungen über die Herkunft der Menschen. Für Berlin ergab sich ein Migrationshintergrund für 23,9 Prozent der Bürger, der bisher verwendete Mikrozensus hatte eine leicht höhere Zahl ergeben. Mit diesem Wert liegt die Hauptstadt im Ländervergleich hinter Hamburg, Baden-Württemberg, Bremen, Hessen und Nordrhein-Westfalen. Bundesweit haben 18,9 der Menschen Migrationshintergrund. Dieser gilt für alle Personen, die nach 1955 nach Deutschland eingewandert sind oder mindestens einen Elternteil haben, für den das zutrifft. 112.000 Migranten leben kürzer als fünf Jahre in der Stadt, aber 360.000 länger als 20 Jahre.

Der Vergleich mit den anderen Bundesländern offenbart eine ganz besondere Stärke Berlins. Nirgendwo in Deutschland sind die Menschen besser gebildet als in der Hauptstadt. Fast jeder vierte Berliner (24,3 Prozent) hat einen Hochschulabschluss, in ganz Deutschland ist nur knapp jeder Sechste (15,1 Prozent) Akademiker. Hamburg als vergleichbarer Stadtstaat bringt es auf 21,7 Prozent Menschen mit Hochschuldiplom.

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