Zensus

Berlin verliert durch die Volkszählung Milliarden

Berlin hat deutlich weniger Einwohner als bisher gedacht. Das bringt die Haushaltsplanung durcheinander. Berlin bekommt weniger Geld aus dem Länderfinanzausgleich. Wowereit rechnet mit Rückzahlungen.

Foto: Daniel Bockwoldt / dpa

Stolz hatten Senat und Statistiker im vergangenen Jahr verkündet, die wachsende Stadt Berlin habe wieder die Marke von 3,5 Millionen Einwohnern übersprungen. Aber da lagen sie falsch. Der Zensus 2011, der auf der größten und umfangreichsten Volkszählung seit 1987 beruht und die bisherigen Fortschreibungen der vor 26 Jahren erhobenen Daten ablöst, hat für die Hauptstadt eine deutlich niedrigere Bevölkerungszahl ergeben.

Zum Stichtag 9. Mai 2011 lebten in Berlin 179 391 Menschen weniger als zu diesem Zeitpunkt angenommen. Das heißt, es gab nicht seinerzeit nicht 3,47 Millionen Berliner, sondern nur 3,29 Millionen. Und zum Jahresende 2011, als die Stadt nach den bisherigen Berechnungen 3,5 Millionen Köpfe zählte, waren es tatsächlich nur 3,326 Millionen.

Wowereit rechnet mit kräftiger Rückzahlung

Für Berlin werden die neuen Daten, die der Präsident des Statistischen Bundesamtes, Roderich Egeler am Freitag in Berlin präsentierte, dramatische finanzielle Folgen haben. Denn die Zuweisungen aus dem Länderfinanzausgleich, aus dem Berlin im laufenden Jahr 3,2 Milliarden Euro erwartete, richten sich nach der Einwohnerzahl. Die Senatsfinanzverwaltung geht davon aus, dass die Hauptstadt nun 470 Millionen Euro weniger erhält.

Der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) sagte, er gehe auch fest von einer Pflicht der Rückzahlung für die Jahre 2012 und 2013 aus. Das bedeute, Berlin müsse im laufenden Jahr zusätzlich 940 Millionen Euro aufbringen. "Das ist kein gutes Ergebnis", sagte Wowereit. Dennoch werde der Senat am Konsolidierungsziel festhalten. Finanzsenator Ulrich Nussbaum sprach von einem Rückschlag auf dem Weg zu einem ausgeglichenen Haushalt. „Das zeigt, dass wir auch in den laufenden Haushaltsberatungen keine Spielräume für zusätzliche Ausgaben haben", sagte der Senator. „Gleichzeitig müssen wir alle Optionen nutzen, die Einnahmeseite des Haushalts weiter zu stärken.“

Acht Millionen ausgewählte Bürger befragt

Was das Statistische Bundesamt in der Hauptstadt ermittelte, zeigt sich tendenziell auch in der gesamten Republik. Die bemerkenswerten Abweichungen zeigten, wie wichtig der Zensus sei, sagte Egeler. Für die Volkszählung waren 2011 80.000 Interviewer unterwegs, die acht Millionen ausgewählte Bürger, also fast zehn Prozent der Bevölkerung, befragten. Zudem zogen die Statistiker regionale und kommunale Datenbanken und Register für den Zensus heran.

Demnach leben mit 80,2 Millionen 1,5 Millionen Menschen weniger in Deutschland als bisher aus den alten Erhebungen hochgerechnet worden war. Das entspricht einem Minus von 1,8 Prozent. Besonders hoch war unter den Bundesländern die Abweichung nach unten in Berlin. Hier war die Bevölkerung um 5,2 Prozent zu hoch angesetzt worden. Nur Hamburg kommt mit 4,6 Prozent in eine ähnliche Dimension.

Zahl der Ausländer massiv überschätzt

Die Ungenauigkeit in der bisherigen Datenlage ist vor allem darin bedingt, dass die Statistiker die Zahl der in Deutschland lebenden Ausländer massiv überschätzt haben. Zum Stichtag hatten knapp 6,2 Millionen Menschen einen ausländischen Pass, das sind 7,7 Prozent der Gesamtbevölkerung. Bis dahin waren die Experten von 7,3 Millionen Ausländern ausgegangen. Das erklärt auch die hohen Abweichungen in den Großstädten, wo der Anteil ausländischer Bevölkerung besonders hoch ist. Denn es gibt Städte, die mit dem Zensus relativ mehr Einwohner einbüßten als Berlin, etwa Mannheim, Aachen oder Würzburg. Allein in Berlin war die Statistik von 106.000 Ausländern mehr ausgegangen als sich in der Stadt befanden.

„Der Zensus scheint ein Problem der Städte zu sein“, sagte Wowereit. Dabei lebten in den Städten sicherlich auch viele Menschen, die dort nicht offiziell gemeldet seien. Der Regierende Bürgermeister hob hervor, dass auch der Zensus ergeben habe, dass Berlin eine wachsende Stadt sei. Langfristig werde man sicherlich die Bedarfe für Kita-Plätze und Schulen justieren müssen, kurzfristig aber nicht: „Die Wartelisten sind ja da“, so Wowereit.