Er stürzt sich fast auf sie. Klaus Wowereit hat die kleine Gruppe Frauen in ihren bunten Regenjacken beinahe ebenso schnell entdeckt wie sie ihn. Kaum bleiben die Damen mittleren Alters ein paar Meter neben ihm auf dem Breitscheidplatz stehen und signalisieren durch Hervorholen ihrer Kameras Interesse am Regierenden Bürgermeister, ist er auch schon bei ihnen. Damen mittleren Alters sind Klaus Wowereits leichteste Übung.
„Guten Tag, wo sind Sie denn her?“ fragt Wowereit freundlich. „Ach, Schwäbisch Hall, und dann bei so einem Wetter in Berlin! – Na sind Sie dann auch morgen im Olympiastadion und schauen Stuttgart beim Pokalfinale zu? – Nein? Wie lange bleiben Sie denn? – Bis Sonntag, na, dann sind Sie länger hier als der durchschnittliche Berliner Tourist, der bleibt zweieinhalb Nächte! – Viel Spaß noch!“ Der Senatschef nickt den verdutzten Frauen zu und geht weiter. Ein halbes Dutzend Schwäbinnen wird von nun an in Deutschlands Südwesten verbreiten, wie nett dieser Wowereit doch ist. Den Effekt solcher Begegnungen kann keine Berlin-Kampagne erzielen.
Wowereit wirkt ausnehmend fröhlich
Und diesen Effekt kann Klaus Wowereit gebrauchen. Am Donnerstag noch musste er den ganzen Tag mal wieder Fragen zum BER beantworten, wegen dessen Flugrouten nun auch noch Brüssel Ärger macht. Am Freitagmittag wirkt Wowereit dagegen ausnehmend fröhlich, als er seiner schwarzen Limousine vor dem Amerika-Haus entsteigt. Dort, wo bald die C/O-Galerie aus Mitte einziehen soll, startet sein Spaziergang mit Vertretern von Verwaltung und Tourismus durch die City West. Ein neues Thema hat den BER an diesem Tag aus den Schlagzeilen verdrängt – auch kein angenehmes, aber immerhin mal ein anderes. Der Mikrozensus.
Berlin hat weniger Einwohner als bisher gedacht und bekommt daher auch künftig weniger Geld aus dem Länderfinanzausgleich. Klaus Wowereit, mit dunklem Anzug, roter Krawatte und neuerdings wieder nach hinten frisiertem Haar, baut sich an der Hardenbergstraße vor den Kameras auf. Nach den ersten Fragen sagt er herausfordernd: „Wie, das war’s schon? Wollen Sie denn gar nicht wissen, was das für Berlin bedeutet? Ich hätte ja noch ganz viele Fragen, die ich mir stellen würde, aber die sage ich Ihnen nicht vor!“ Er grinst zufrieden, als die Journalisten nun weiter fragen. Oberwasser, das hat er gern. Souveränität und Schlagfertigkeit gehören zum über Jahre erfolgreichen Modell Wowereit ebenso wie die Leute auf der Straße, mit denen der bald 60-Jährige jederzeit kumpelhaft zu reden weiß.
Klaus Wowereit beim Kiezspaziergang in der City West. Man könnte beinahe sagen, beim Spaziergang in seinem Kiez. Lange hat der Regierende Bürgermeister direkt am Kurfürstendamm gewohnt. Wie genau er die Ecke zwischen Tauentzien und Amerikahaus kennt, kann Wowereit den ganzen Freitagnachmittag über beweisen. Den Spaziergang hat der „Runde Tisch Tourismus“ organisiert, um die Entwicklungen in der City West vorzuführen – wegen der regen Bautätigkeit und den Touristenströmen gibt es seit Monaten endlich wieder positive Schlagzeilen für die Gegend rund um den Bahnhof Zoo.
Freude über die Entwicklungen
Mit Wowereit unterwegs sind auch Staatssekretär Ephraim Gothe von der Verwaltung für Stadtentwicklung und Charlottenburg-Wilmersdorfs Baustadtrat Klaus-Dieter Gröhler. Und die beschäftigt Wowereit mit Fragen. Was ist geplant mit dem „verbesserungswürdigen“ Hardenbergplatz? Warum wurden im Mittelstreifen auf dem Tauentzien nur Eiben gepflanzt? Und wie lange stehen noch diese Buden vor der Gedächtniskirche? Auch wenn er den Kiez so gut kenne, ihm falle immer noch „viel zu viel“ hier auf, sagt Wowereit. „Aber ich freue mich auch täglich über die Veränderungen, etwa wenn irgendwo ein Stückchen Baugerüst verschwindet.“
Vom Amerika-Haus führt der Weg zum Bahnhof hinüber, wo der Tross um den Regierenden Bürgermeister die Hardenbergstraße dort kreuzt, wo bald zur Anbindung des künftigen erhofften Touristenmagnets C/O-Galerie eine Ampel installiert werden soll. Noch fehlt der Fußgängerüberweg und Wowereit wird wütend von einem BVG-Bus angehupt. Unter der Brücke am Bahnhof soll bald eine Lichtinstallation für Ambiente und für Sicherheit sorgen, referiert Wowereit. Dann kommt das Waldorf Astoria ins Blickfeld. „Das ist doch schön geworden!“ ruft der Senatschef. Den Obdachlosen, der den Tross auf russisch beschimpft – so lässt es wenigstens der Tonfall erahnen –, hört er im Verkehrslärm nicht.
„Hier funktioniert der Brandschutz wenigstens“
Das neue Waldorf Astoria steht gar nicht auf dem Programm, doch der plötzliche starke Regen zwingt zu einem Zwischenstopp im Luxushotel. Der Hotelchef lässt die Gruppe gern im ersten Stock in weichen grauen Sesseln Platz nehmen. Allerdings nicht lang. „Achtung, Achtung“ schallt es auf einmal durch das große Haus und eine Sirene heult. Feueralarm. Schon senken sich schwere graue Brandschutzvorhänge von der Decke herab. Wowereit verlässt gelassen das Gebäude. „Feueralarm hatten wir gerade erst im Roten Rathaus“, sagt er. Dass es ein Fehlalarm ist, wird erst später bekannt. „Hier funktioniert der Brandschutz wenigstens“, witzelt einer.
Da war er wieder, dieser Hauptstadtflughafen, dessen mangelnde Feuersicherheit die Eröffnung verhinderte. Dessen Schatten Klaus Wowereit nicht einmal mehr bei einem Heimspiel in der City West los wird. Auf dem Breitscheidplatz lässt er sich mit Fußballfans fotografieren, schüttelt einem jungen Mann die Hand, der ihm „einfach ’nen schönen Tag wünschen“ will und schnappt sich den Müllsauger von einem BSR-Mitarbeiter. Wowereit packt an, räumt auf. Wieder Bilder mit Effekt.
Dann, vor der Tür eines Fast Food-Restaurants, den Eimer panierter Hühnerflügel im Arm, steht ein Junge mit braunem Wuschelhaar. „Herr Wowereit, wann eröffnet der BER?“, fragt Björn, der 13 Jahre alt ist und aus Steglitz kommt. Wowereit legt den Arm um ihn, aber sein Tonfall wird spitz. „Das hat dir doch jetzt einer gesagt, dass du das fragen sollst!“ Wie kann ein Berliner Junge sonst nur auf die Idee kommen, einfach so eine Frage zu stellen.





