Diesen Sonntag haben Radfahrer Vorfahrt. Auf freien Straßen können sie durch die Stadt rollen. Keine Lastwagen blasen ihnen Ruß ins Gesicht, keine Autos drängen sie von der Spur, und einen Tag lang herrscht Hupstille. Denn an diesem Wochenende findet zum 37. Mal die Sternfahrt des Allgemeinem Deutschen Fahrrad-Clubs (ADFC) statt – die größte Fahrraddemonstration der Welt.

Ganze Straßenzüge werden für die Demonstration abgesperrt – darunter auch Abschnitte des Südrings und der Avus. Über 19 Routen können Radfahrer von verschiedenen Startpunkten im Brandenburger Umland sowie in den Berliner Außenbezirken in die Innenstadt zum Großen Stern fahren (Startzeiten siehe Karte). Auch eine Kinderroute mit einer Geschwindigkeitsbegrenzung von sechs Kilometern in der Stunde gibt es. Am Großen Stern ist gegen 14 Uhr die große Abschlusskundgebung geplant. Direkt im Anschluss findet auf der Straße des 17. Juni das Umweltfestival der Grünen Liga statt. Mehr als 200 Aussteller wollen zwischen Brandenburger Tor und Siegessäule über klimafreundliche Fortbewegung und Energiesparen informieren. Erstmals wird dieses Jahr der Große Preis des Umweltfestivals vergeben.

Die mittlerweile traditionelle Sternfahrt findet schon seit 1977 statt – damals durchquerten gerade einmal 8000 Teilnehmer den Westteil der Stadt. Wetterbedingt erwarten die Organisatoren bis zu 250.000 Mitradler. Diese werden unter dem Motto „Mehr Platz für Fahrräder“ Berlins Straßen erobern. Denn bei der Sternfahrt geht es nicht nur ums freie Fahrradfahren, sondern auch um Fragen der Sicherheit. Und damit schließlich auch um politische Ziele.

Fahrradfahren in Berlin, das betrifft fast jeden. Laut der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umwelt entfallen auf tausend Einwohner 721 Fahrräder. Dagegen gab es in Berlin 2009 gerade einmal 324 Autos pro tausend Einwohner. Davor und danach lag der Wert ähnlich niedrig.

„Berlin ist eine Fahrradstadt, und dafür muss der Senat auch Geld in die Hand nahmen“, sagte die Landesvorsitzende des ADFC, Eva-Maria Scheel, der Berliner Morgenpost. Momentan sind 3,5 Millionen Euro für Ausbau und Sanierung der Fahrradinfrastruktur pro Jahr vorgesehen. Berlins Finanzsenator Ulrich Nußbaum (parteilos, für SPD) will in den kommenden zwei Jahren diese Investitionen für den Radverkehr um zwei Million Euro reduzieren. „In Berlin wird jetzt schon viel weniger für die Fahrradinfrastruktur ausgegeben als in München, Kopenhagen oder Amsterdam – Städte die längst begriffen haben, dass das Fördern von Radfahren auch eine nachhaltige Stadtentwicklung bedeutet. Eine Kürzung sehen wir daher absolut nicht ein und erwarten, dass diese bis zum Sommer aufgehoben wird“, so Scheel. Mit der Demonstration zeige der ADFC, dass mitfahrende Bürger ihr Anliegen unterstützen.

Momentan ist das Netz der Radwege in Berlin 622 Kilometer lang. Hauptsächlich sind es Trassen, die sich auf derselben Ebene wie Gehwege befinden. Zusätzlich gibt es rund 100 Kilometer gemeinsame Geh- und Radwege sowie etwa 50 Kilometer auf dem Gehweg markierte Radwege. Teilweise sind Haupt- und Nebenstrecken im Berliner Fahrradwegnetz jedoch nicht verbunden. „Deswegen fordern wir mehr Platz für Fahrräder durch mehr Radspuren“, sagt Scheel. Diese seien nicht nur einzurichten, sondern auch frei von parkenden Autos zu halten. Zusätzlich fordert der Verband mehr Fahrradständer und sichere Parkmöglichkeiten. Wichtig seien auch mehr Radspuren, die mit einem sichtbaren Trennstreifen zur Fahrbahn versehen sind.

Dass Radfahrer auf ihre Situation aufmerksam machen, hat gute Gründe, insbesondere beim Thema Sicherheit. Immerhin sind sie noch vor den Fußgängern die am meisten gefährdete Gruppe im Straßenverkehr. Alle zwei Stunden wird in Berlin ein Radfahrer Opfer eines Unfalls, 2012 waren das insgesamt knapp 6200. Im vergangenen Jahr war jeder dritte Verkehrstote und jeder dritte Schwerverletzte ein Radfahrer. Das geht aus dem alljährlichen Verkehrsunfallbericht der Berliner Polizei hervor. Die musste im vergangenen Jahr 15 tote und 628 schwer verletzte Radler registrieren.

Tödliches Ende bei Unfällen

Ein schlimmes oder gar tödliches Ende ist vor allem bei Unfällen zwischen Radfahrern und Lastkraftwagen nahezu programmiert. Erst am Dienstag dieser Woche wurde in Spandau ein 51-Jähriger mit seinem Rad von einem rechts abbiegenden Lkw erfasst und fast zehn Meter mitgeschleift. Der Mann war sofort tot. Zur gleichen Zeit musste sich vor dem Amtsgericht Tiergarten ein 58-Jähriger verantworten, der im Dezember 2011 in Prenzlauer Berg mit seinem Betonmischfahrzeug ebenfalls beim Rechtsabbiegen eine 68-jährige Radfahrerin überrollt hatte. Das Opfer erlag noch an der Unfallstelle seinen schweren Verletzungen. Glück im Unglück hatte dagegen eine 47-jährige Radfahrerin, die am Donnerstagabend in Friedrichsfelde von einem abbiegenden Fahrzeug erfasst und mitgeschleift wurde. Die Frau überlebte mit schweren Kopfverletzungen.

Fahrzeuge gegen Radfahrer, das sind die Unfälle, die für schreckliche Bilder sorgen. Zufällige Zeugen sind oft auf Monate traumatisiert, angesichts dessen, was sie mit ansehen müssen, wenn der Körper eines Menschen von einem tonnenschweren Gefährt überrollt wird. Und auch erfahrene Polizeibeamten haben damit ihre Probleme. Fazit eines Beamten des Verkehrsdienstes: „Man fährt zum Einsatz und fragt sich, was einen jetzt wieder erwartet. Man lebt damit, aber man gewöhnt sich nie daran.“