Neue Fahrradnavigation

Mit Google Maps wird Radtour in Berlin zum Stresstest

Google Maps bietet ab sofort auch in Deutschland Routen für Radfahrer. Die Morgenpost hat die Anwendung auf Berlins Straßen getestet und stieß dabei auf Straßen, die gar nicht existieren.

Foto: Massimo Rodari

Um ein Haar erwischt mich eine sich aus dem Nichts öffnende Lkw-Tür. Dabei war mein Vorderrad doch gerade erst glimpflich den Tramschienen entkommen. Nein – Fahrradfahren in der Berliner Innenstadt ist nichts für Träumer. Hier wird das Fahrrad auf das reduziert, was es ist: ein Fortbewegungsmittel. Sieht man von den Gruppen waghalsiger Touristen ab, die auf ihren geführten Sightseeing-Fahrradtouren sich und den Verkehr gefährden, um die Stadt auf dem Rad zu genießen. Trotzdem steigen täglich etwa 400.000 Berliner auf ihr Rad.

Die Grundidee des Fahrradfahrens in der Stadt ist es, so schnell und stressfrei wie möglich von A nach B zu gelangen. Hier setzt Google an und möchte uns wieder einmal das Leben erleichtern: Ab sofort stellt die Anwendung Google Maps Fahrradrouten zur Verfügung. Googles neue Anwendung verspricht eine Route zu finden, die viel befahrene Straßen meidet und Radwege bevorzugt. Allerdings handelt es sich bei dem Kartendienst um eine Beta-Version: Die Anwendung befindet sich noch in der Entwicklung.

Es geht um Schnelligkeit

Google Maps hatte vorher bereits die Möglichkeit geboten, sich von jedem beliebigen Ort die schnellste Route im Auto oder zu Fuß berechnen zu lassen. Wer aber wieder einmal in der überfüllten U-Bahn eingezwängt wird oder im Auto die Linksabbiegerspur verflucht, der sehnt sich nach ein bisschen Fahrtwind um die Nase.

In einem Selbsttest möchte ich herausfinden, wie praktisch die neue Anwendung tatsächlich ist. Schließlich besteht die Fahrradfahrer-Realität der Innenstadt aus überfüllten Straßen und plötzlich endenden Radwegen. Ob Google da Abhilfe schaffen kann, soll auf einer Testfahrt überprüft werden.

Gibt man die gewünschte Route bei Google Maps ein, ist die Karte ungewohnt grün. Dunkelgrüne Linien kennzeichnen Strecken, auf denen keine Autos fahren. Hellgrüne Streifen markieren Fahrradspuren oder -wege. Die grün-weiß gepunkteten Linien stehen für Straßen, die zwar keinen Radweg haben, aber trotzdem gut zu befahren sind. Dazu wird bei der Berechnung der Fahrzeit eine Reihe von fahrradrelevanten Faktoren miteinbezogen, beispielsweise der Straßentyp und die Zahl der Kreuzungen auf der Strecke.

Jeder Radfahrer kann die Karte erweitern

Mein Weg führt unter anderem auf der vierspurigen Leipziger Straße in Mitte Richtung Potsdamer Platz. Die stark befahrene Straße ist ein Albtraum für jeden Fahrradfahrer. Zwar sind Teilstücke mit Fahrradspuren gekennzeichnet, diese enden jedoch oft unverhofft hinter der nächsten Ampel. Für diese Strecke bietet mir Google einen weiteren Weg, der mich einen Teil über die weniger befahrene Krausenstraße umleitet. Google ist bei seinen Vorschlägen jedoch leider stark zeitorientiert. Investiert man ein paar Minuten mehr, ist jeder Meter von einem Radweg oder einer Markierung gekennzeichnet. Diese Idee hatte Google leider nicht. Zudem ist die Karte teilweise noch fehlerhaft. Beispielsweise wird in der Wilhelmstraße streckenweise eine Markierung nicht angezeigt, in der Gitschiner Straße ein Weg, der tatsächlich nicht existiert, als Fahrradkennzeichnung ausgewiesen.

Das Unternehmen hat das Projekt bereits in anderen europäischen Ländern gestartet und nun auf Deutschland ausgeweitet. In Partnerschaft mit dem Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Club (ADFC) hat Google umfangreiche Daten zu Fahrradrouten in Deutschland zusammengetragen. Doch auch jeder Radfahrer kann zur Erweiterung der Karte beitragen. Durch die Funktion „Google Map Maker“ kann jeder ihm bekannte Radwege in die Karte eintragen. Verbesserungsvorschläge von Routen können ebenfalls gemeldet werden. Wer Google als App auf sein Handy lädt, bekommt die Möglichkeit einer sprachgesteuerten Navigation. Kopfhörer ins Smartphone – und Google weist den Weg.

„Für mich ist eine Fahrrad-Anwendung großartig“, sagt Anoush, der als Fahrradkurier und Rikscha-Fahrer arbeitet. Als Profi verbringt er jeden Tag bis zu acht Stunden auf den Berliner Straßen. „Irgendwann stumpft man gegen die ständigen Gefahren ab. Am wichtigsten ist es immer, für die anderen Straßenteilnehmer mitzudenken“, sagt der 37-Jährige. Er findet die Situation für Fahrradfahrer in Berlin in Ordnung. Besser, man fährt auf der Straße als auf dem Gehweg, so seine Einschätzung. In Berlin gibt es mehr als 1500 Kilometer Radwege aller Art. Das Berliner Straßennetz hat im Vergleich eine Gesamtlänge von 5400 Kilometern. Davon sind jedoch etwa 3800 Kilometer Tempo-30-Straßen, wo Fahrradwege nicht vorgesehen sind.

Oder-Radweg ist unbekannt

Die neue Anwendung von Google Maps soll jedoch auch abseits des Großstadttrubels für ein angenehmes Fahren sorgen. Wer anspruchsvollere Tagestouren plant, kann laut Google auf mehrere Tausend Kilometer Radstrecke zurückgreifen. Allerdings sind die Wege mit Vorsicht zu genießen. Für eine Strecke von Regensburg nach Prag berechnet Google eine Fahrtzeit von zwei Stunden und 31 Minuten. Für einen Weg von 264Kilometern eine durchaus ambitionierte Vorgabe, die selbst für gute Radfahrer schwer zu schaffen sein wird.

Google ist nicht der erste Anbieter von digitalisierten Fahrradrouten. Auf der Website BBBike ermittelt ein Programm eine für Fahrradfahrer optimierte Strecke. Hierbei helfen dem Nutzer einige Filterkriterien. So kann er mit einem Häkchen signalisieren, dass er sich besonders grüne Wege wünscht oder Ampeln vermeiden will. Dies stellt einen großen Vorteil gegenüber der Google-Anwendung dar. Google leitet den Radfahrer stets an Straßen entlang und kennt bestimmte ausgebaute Radwege wie den Oder-Radweg nicht.

Als ich wieder einmal zwischen einem Taxi und einer Straßenabsperrung eingeklemmt bin und vorsichtig absteige, um mich in Sicherheit zu bringen, kann mir Google Maps natürlich auch nicht weiterhelfen. In diesem Moment wird mir noch einmal klar: Den perfekten Weg findet dieser Kartendienst noch nicht.

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