Nach vier verlustreichen Jahren will die Berliner S-Bahn in diesem Jahr erstmals wieder in die Gewinnzone fahren. Das kündigte S-Bahn-Chef Peter Buchner bei der Vorstellung der Unternehmensbilanz für 2012 an. Um dieses Ziel zu erreichen, will die S-Bahn die Zuverlässigkeit und Pünktlichkeit ihrer Züge spürbar verbessern. Zugleich wird die S-Bahn Berlin GmbH am kommenden Montag mit der S85 die letzte im Gesamtangebot noch fehlende Linie reaktiveren.
Die Linie, die von Montag bis Freitag über den östlichen Ring die Berliner Ortsteile Waidmannslust im Norden mit Grünau im Süden verbindet, musste die S-Bahn im Sommer 2009 einstellen. Es gab zahlreiche technischer Defekte und selbst verschuldeter Wartungsmängel. Daher konnte die S-Bahn zeitweise mehr als die Hälfte ihrer Fahrzeuge nicht einsetzen. Die S85 ist damit ein Sinnbild für die größte Krise eines Nahverkehrsunternehmens in der deutschen Eisenbahngeschichte. Inzwischen verfügt die S-Bahn über so viele einsatzfähige Züge, dass sie – mit einigen wenigen Ausnahmen (Verstärker S1 und S5) – wieder das gesamte bestellte Angebot im Netz fahren kann. „Die Talsohle ist durchschritten“, sagte S-Bahn-Geschäftsführer Buchner und erklärte die Krise damit für beendet.
7,1 Millionen Euro Verlust für die Bahn
Der Deutschen Bahn AG ist das Desaster seiner Berliner S-Bahn-Tochter indes teuer zu stehen gekommen. Allein die Bilanzdefizite der letzten vier Jahren summieren sich nach aktuellen Unternehmensangaben auf 363,8 Millionen Euro. Hinzu kommen aber noch erhebliche Einnahmeausfälle. Denn nach früheren Planungen der Bahn sollte die S-Bahn eigentlich kräftig Gewinn an den Mutterkonzern abführen – in bahninternen Papieren waren Einnahmeziele von über 100 Millionen Euro pro Jahr anvisiert. Mit dem Geld wollte der Bahnkonzern allerdings auch die Investition von rund einer Milliarde Euro in die Anschaffung der insgesamt 500 Doppelwagen der Neubaureihe 481/482 Ende der 1990er-Jahre refinanzieren.
Doch statt eines Gewinns hat die S-Bahn jedoch auch 2012 noch mal einen Verlust eingefahren. Er fiel mit 7,1 Millionen Euro allerdings deutlich geringer aus als in den Jahren zuvor. Noch 2010 hatte der Bahnkonzern ein Rekorddefizit von 222 Millionen Euro ausgleichen müssen. Für 2013 strebt S-Bahn-Chef Buchner nun erstmals seit 2008 wieder einen Bilanzüberschuss an. In der Höhe soll er möglichst über dem Fehlbetrag des Vorjahres von sieben Millionen Euro liegen. Eigentlich wollte die S-Bahn-Geschäftsführung schon 2012 aus den roten Zahlen fahren.
Länder kürzten wegen Verspätungen die Zahlungen an die S-Bahn
Doch vor allem die noch immer mangelhafte Pünktlichkeit und Zuverlässigkeit der Züge machte einen Strick durch die Rechnung. Weil die rot-gelben Triebwagen gar nicht oder nur mit Verspätung kamen, haben die Länder Berlin und Brandenburg im Vorjahr ihre Zahlungen an die S-Bahn um rund 50 Millionen Euro gekürzt. Das ist immerhin ein Strafabzug von knapp 18 Prozent – bezogen auf die im Verkehrsvertrag für 2012 vereinbarte Zahlung von rund 280 Millionen Euro.
Ungeachtet der noch bestehenden Probleme bei der Pünktlichkeit und Zuverlässigkeit ihrer Züge konnte die S-Bahn einen neuen Fahrgastrekord aufstellen. Im Vorjahr beförderte sie 395 Millionen Fahrgäste, so viele wie noch nie seit der GmbH-Gründung 1995. „Damit transportieren wir mehr Fahrgäste als der gesamte Nahverkehr in Bayern“, sagte S-Bahn-Chef Buchner mit Stolz. Das deutliche Plus bei den Fahrgastzahlen ist indes vor allem auf zwei große Baumaßnahmen zurückzuführen: Einerseits die fast einjährige Sperrung der Bahnstrecke durch den Grunewald für Regionalzüge, wodurch die S7 zur wichtigsten Bahnverbindung zwischen Potsdam und der Berliner Innenstadt wurde.
Weitere Fahrgast-Zuwächse bescherte die BVG der Berliner S-Bahn. Weil seit Monaten die U-Bahn-Linie 6 in Mitte unterbrochen ist, würden viele Fahrgäste auf die Nord-Süd-Linien der S-Bahn ausweichen, so Buchner. Unterm Strich gebe es aber auch echt Fahrgast-Gewinne. So konnte die S-Bahn durch Einführung des Zehn-Minuten-Takts die Zahl der Nutzer auf dem südlichen Ast der Linien S25 auf täglich 7.000 verdoppeln. Deutliche Zuwächse gibt es laut Buchner aber auch im Bereich der Stadtbahn.
Fahrgeldeinnahmen steigen
Der Gewinn von Fahrgästen machte sich für die S-Bahn bezahlt. So stiegen die Einnahmen aus dem Fahrscheinverkauf auf 363 Millionen Euro, ein Plus von 4,1 Prozent gegenüber 2011. Im ersten Quartal dieses Jahres konnte die S-Bahn ihre Verkaufserlöse nochmals um 3,5 Prozent erhöhen. Auch der Kreis der wichtigen Stammkunden ist größer geworden. Die Zahl der festen Käufer von Monats- und Jahreskarten stieg auf 191.100, das sind rund 60.000 Abonnenten mehr als im Vorkrisenjahr 2008. Die positive Entwicklung setzte sich Anfang dieses Jahres weiter fort: Am 30. April hatte die S-Bahn 193.700 Stammkunden. Dies bestätigte den Aufwärtstrend im gesamten Berliner öffentlichen Nahverkehr: Auch die landeseigene BVG hat bei den Abonnements zuletzt kräftig zugelegt, auf aktuell über 350.000 Monats- und Jahreskarteninhaber.
Vom 3. Juni an will die S-Bahn wieder 531 Viertelzüge iin der Hauptverkehrszeit einsetzen. 15 weitere Züge sollen auf die Schienen kommen, wenn der neue Hauptstadtflughafen BER in Schönefeld in Betrieb geht und dieser mit den Linien S45 und S9 im Zehn-Minuten-Takt angefahren wird. Dann wären im Berufsverkehr wieder 546 Viertelzüge unterwegs – so viele, wie vor der Krise. Signale, wann der BER eröffnen wird, hat aber auch Buchner nicht. „Es gibt noch keine Zugbestellungen“, sagte der S-Bahn-Chef. „Aber wir sind startbereit.“



