„Achtung, Videoüberwachung!“ steht auf dem Schild zwischen den Umkleidekabinen. Und auch am Eingang der Ludwigsfelder Kristall-Therme und später vor dem Schwimmbereich informieren Tafeln über die Aktion „Kein Raum für Missbrauch“, an der das Freizeit-Bad teilnimmt – von „Schutzmaßnahmen“ für minderjährige Besucher ist hier die Rede, die notwendig seien, um diesen einen „sorgenfreien“ Aufenthalt zu ermöglichen. Darüber hinaus warnen Aufkleber: „Dieses Objekt wird von der Security-Gruppe überwacht.“ Irgendetwas scheint gar nicht in Ordnung zu sein in dieser Oase der Ruhe und Entspannung – und so ist es tatsächlich: Sex-Täter sollen sich in der beliebten Therme an Kindern vergriffen, Exhibitionisten sollen ihr Unwesen getrieben haben, und kinderpornografische Schriften sollen hier produziert worden sein. Die Staatsanwaltschaften in Potsdam, Berlin und Cottbus ermitteln bereits. Acht Verfahren wurden seit Januar 2013 eingeleitet, in allen Fällen handelt es sich um Straftaten mit sexuellem Bezug.
Palmen und Gummibäume
An diesem Freitag ist wieder FKK-Tag in der Therme vor den Toren Berlins – denn das ist das Besondere am Konzept: An fünf Tagen in der Woche ist „textilfreies“ Schwimmen und Relaxen angesagt. Zwischen Palmen und Gummibäumen planschen Besucher in Thermalwasser und Sole-Becken, an diesem Vormittag vor allem ältere Menschen. Die Atmosphäre ist ruhig und entspannt, in einem Außenbecken spielen zwei Kinder mit ihrer Mutter. Dass die Therme in Internet-Foren als Swingertreff für erotische Abenteuer gehandelt wird, davon ist heute nichts zu merken – an diesem Vormittag sind die etwas entlegeneren Bereiche noch verwaist.
Auch Roger Krykon aus München besucht die Kristall-Therme immer wieder gerne mit seinen Söhnen, wenn die Familie ihre Freunde in Brandenburg besucht. Vater Roger macht sich keine Sorgen um das Wohl seiner Kinder, auch wenn die Straftaten alle an einem Nacktbadetag wie diesem begangen worden seien, wie die Polizei bestätigt hat. „Wir würden die Kinder nie unbeaufsichtigt lassen, egal, in welchem Schwimmbad wir sind.“ Dass der Bäder-Chef Heinz Steinhart selbst mit den Missbrauchsvorwürfen an die Öffentlichkeit gegangen ist und mittlerweile auf Video-Überwachung setzt, findet der Münchner gut. „Es ist richtig, dass man in die Offensive gegangen ist und nichts unter den Teppich kehrt.“
In der Großstadt Berlin hingegen gebe es erst gar nichts unter den Teppich zu kehren, ist Ole Bested Hensing überzeugt. Der Vorstandschef der Berliner Bäder schließt Verdachtsfälle auf Kindesmissbrauch wie in Ludwigsfelde für die Hauptstadt aus. Es herrsche striktes Fotografierverbot, es gebe kaum Nacktstunden, und die Schwimmmeister und Sicherheitsdienste hätten einen geschulten Blick auch für sexuelle Übergriffe.
„Menschen, die sich unsittlich verhalten, fliegen raus“
Die Vorfälle in der Therme in Ludwigsfelde nannte Bested Hensing „bedauerlich“. Er frage sich aber auch, warum offenbar erst nach acht Ermittlungsverfahren gehandelt wurde. „Menschen, die sich unsittlich verhalten, fliegen sofort raus“, sagt der Bäderchef. Natürlich beginne die Problematik bereits damit, wo in einem Badebetrieb der Straftatbestand des sexuellen Übergriffs anfängt. Doch da könne er sich auf seine sehr erfahrenen und geschulten Schwimmmeister verlassen. In den Berliner Bädern seien Beschwerden über andere Badegäste selten, und in der Regel stellten sie sich auch als harmlos heraus. „Bei uns sind solche Fälle, wie sie in Ludwigsfelde passiert sein sollen, nicht aktenkundig“, sagt Bested Hensing. Es herrsche aber auch ein striktes Fotografierverbot in allen Berliner Bädern und in den Saunen, auf deren Einhaltung seine Mitarbeiter achteten. Wer sich nicht dran halte, müsse mit einem Hausverbot rechnen.
Die Anzahl von Verstößen sei verschwindend gering, vielleicht alle paar Monate mal ein Mal. Der Bäder-Chef gibt aber zu, dass das Verbot heutzutage mit den Fotografier-Möglichkeiten der Handys schwer durchzusetzen ist. Anders als in der Therme in Ludwigsfelde, wo an fünf Tagen der Woche nackt gebadet werden kann, seien Nacktstunden in den Berliner Bädern eher die Ausnahme. „Sie sind bei uns zudem nur in den Abendstunden, wenn keine Kinder da sind“, sagt er. Dass die Sommerbäder mit den leicht bekleideten Menschen gerade auch Pädophile anlocken können, kann der Bäder-Chef nicht ausschließen. In den Anlagen, in denen es auch schlecht einsehbare Ecken gibt, patrouilliere aber ein Sicherheitsdienst. Außerdem gebe es eine Kooperation mit der Polizei. Sie schaue in den Bädern ebenfalls nach dem Rechten – und zwar sowohl in Uniform als auch in Zivilkleidung. Und ob die kleinen Kinder, die das Planschen oft nackt genießen, doch besser Badekleidung anziehen sollten, will Bested Hensing nicht vorschreiben: „Das ist die Aufgabe der Eltern“, findet er.
Nacktbaden ist freiwillig
Auch der Chef der Kristall Bäder AG, Heinz Steinhart, will Eltern nichts vorschreiben. Die Info-Tafel am Eingang jedoch weist darauf hin, dass Kinder bis zwölf Jahren auch an Nacktbadetagen Badebekleidung tragen können – wenn die Eltern oder sie selbst das möchten. Für Erwachsene ist das Nacktbaden an FKK-Tagen obligatorisch, mit Ausnahme des Sportschwimmbeckens. Auch Gregor und Jistus, Roger Krykons Söhne, springen lieber mit Badehose ins Schwimmbecken. Auch die beiden Kinder mit Schwimmflügeln, die immer noch im Außenbecken ihren Spaß haben, tragen grüne Badehosen – die älteren Herren um sie herum genießen hingegen das Nacktbaden. Die Mutter der Kinder, Andrea Miestedt, stört sich nicht daran, auch sie liebt die FKK-Kultur. „Die Männer hier im Becken verhalten sich alle völlig unauffällig, und ich habe ja selbst auch nichts an.“
Draußen, auf dem Parkplatz, berieselt Fahrstuhlmusik die Besucher. Eine Mutter, die ihren Namen nicht nennen will, steigt aus dem Auto und nimmt ihre Tochter an die Hand. Von den sexuellen Übergriffen in der Kristall-Therme hat sie noch nichts gehört. „Da kann ich doch gar nicht mehr reingehen“, sagt sie schockiert und will schon wieder den Rückzug antreten. Dann beruhigt sie sich aber und entschließt sich doch reinzugehen. „Das hätte ich niemals gedacht, ich komme zum ersten Mal hierher“, sagt sie. Der Betreiber der Therme, Heinz Steinhart, könnte sie nun beruhigen: Laut Steinhart ist es zu keinem Übergriff mehr gekommen, seit die Videokameras installiert worden sind.





