Der Karneval der Kulturen hat bereits am Freitag mit einem Fest am Blücherplatz begonnen. Die Organisatoren rechnen insgesamt mit mehr als einer Million Besucher. Alleine bei der Parade, die vom Hermannplatz über die Hasenheide, die Gneisenaustraße bis zur Yorckstraße führt, waren laut Veranstalter rund 700.000 Menschen. Verfolgen Sie hier in Text, Fotos und Videos, was dort über den Tag alles passierte.

+++ 20:10 Uhr +++ Die meisten Wagen sind mittlerweile im Ziel angekommen. Aber auf den Straßen rund um die Umzugsmeile geht die Party weiter. Mit Cocktail, Bier oder Döner in der Hand lassen die Besucher den Tag ausklingen ...

+++ 19:30 Uhr +++ An der Yorckstraße sitzen die Besucher müde auf den Randstreifen. Für Birsel und Yelda ist der Tag aber noch lange nicht zu Ende: "Wir gehen noch auf eine Party ins Adagio. Da legt ein DJ aus Istanbul auf“, sagen die beiden. "Was schade ist: Es war so voll, dass wir heute vom Umzug kaum etwas gesehen haben. Letztes Jahr war das viel besser."

+++ 18:50 Uhr +++ Die "Amigos del folklores" sind mit 300 Tänzern die größte Gruppe. Gerade sind sie im Ziel angekommen, nach fünf Stunden Tanz quer durch Kreuzberg. Leiterin Annika Buchholz ist seit 2005 dabei. Ob ihre Truppe nächstes Jahr noch einmal antreten wird, steht noch in den Sternen. "Wir bräuchten dringend finanzielle Unterstützung. Jedes Kostüm kostet allein schon 100 Euro, dazu kommen die kosten für den Umzugswagen, den Generator und so weiter. " Deshalb war sie auch bei der Protestaktion vor Beginn des Umzugs dabei. "2000 Euro würden uns schon reichen, deshalb kämpfen wir für die Einrichtung eines Fonds."

+++ 18:30 Uhr +++ Die Bierbänke am Mehringdamm / Ecke Yorckstraße: stehen leer, dafür wird jetzt barfuß auf den Tischen getanzt. Auch auf Balkonen wird zu den Beats der DJs mitgetanzt. Auch nach dem Karneval der Kulturen wird es weitergehen. Weitergefeiert wird dann in vielen Berliner Clubs.

+++ 17:50 Uhr +++ Politische Botschaften kommen auf dem Umzug auch dieses Jahr nicht zur kurz: Schlagworte wie "Freiheit für Kurdistan, Freiheit für Burma" sind auf den Schildern einzelner Wagen zu lesen. Karneval trifft auf Loveparade trifft auf Ostermarsch - und Rastas stehen friedlich am Straßenrand neben Rentnern.

+++ 17:30 Uhr +++ Am Südstern ist die Stimmung auf dem Siedepunkt. Auf Wagen 42 der Gruppe "Bando" wird auf roten Fässern getrommelt. Auf denn Bürgersteigen der Gneisenaustraße herrscht Hochbetrieb. Der Boden ist mit Bierflaschen, Plastikgabeln und Konfetti garniert. Gemütlich auf der Erde sitzen ist jetzt nicht mehr möglich. Um noch etwas vom bunten Treiben auf der Straße mitzubekommen, steigen die Zuschauer auf Getränkekisten und Stromkästen. Die Jury, dieses Jahr unter Vorsitz der Maxim-Gorki-Intendantin Shermin Langhoff, tanzt auf ihrer weißen Tribüne. In den Straßen um den Zug herum wird ebenfalls gefeiert – und verschnauft. Eine Hoola-Hoop-Gruppe pausiert in einer Seitenstraße, sitzt im Schneidersitz auf dem Asphalt und trinkt Wasser.

+++ 17:20 Uhr +++ An den Straßenrändern in der Gneisenau-/Ecke Zossener Straße türmen sich die Müllberge. Für Flaschensammler ist der Karneval ein echtes Dorado, ein alter Mann hebt drei vom Boden auf und packt sie in seine schweren und vollen Tüten. Zwischen den einzelnen Gruppen und Wagen, die auf der Gneisenaustraße unterwegs sind, wird der Abstand immer länger. Das tut der Stimmung nicht unbedingt gut. "Ist das jetzt hier schon zu Ende oder was?" fragt eine Frau ihre Begleiterin. Doch nach einigen Minuten kommt dann doch der nächste Wagen mit lauten Technobeats.

+++ 17 Uhr +++ Lia zittert wie Espenlaub. Mit 14 ist sie auch schon eine Betagte Hundedame und begleitet Frauchen Sabine jedes Jahr zum Umzug, obwohl es für sensible Hundeohren viel zu laut ist. Sabine ist Lehrerin und hat anlässlich des Karnevals gerade das Thema Integration mit ihren Schülern behandelt. Dass der Karneval jedoch wirklich etwas bewirkt im alltäglichen Zusammenleben der Kulturen, bezweifelt sie eher. Trotzdem aergert es sie, dass die Macher des Karnevals immer weniger finanzielle Unterstützung bekommen. "Die Veranstaltung zieht ja auch sehr viele Leute in die Stadt."

+++ 16.20 Uhr +++ Kurz vor der Heilig-Kreuz-Kirche fliegen Seifenblasen. Der Wagen 37 verspricht Japanische Popkultur und watet mit quietschigem Neunziger-Eurodance und einer Seifenblasenmaschine auf. Dahinter tanzen um die hundert Manga-Figuren. Verkleidete, sogenannte Cosy-Player. Eine von ihnen ist Velia, 18, Schülerin aus Potsdam. Zwei Stunden hat sie für Kostümierung gebraucht: Schwarz-türkises Wallehaar, weiße Wimpern, Porzellanteint, bunte Ketten über rosa Kleid. "Wir sind von der Mega Manga Convention aus Pankow. Wir treffen uns mindestens einmal im Monat um uns zu verkleiden."

Viele Besucher verschwinden nach und nach unter Vordächern, oder zwischen den Büschen auf dem Kirchenvorplatz. Dringend gesucht: Schattenplätze.

Foto-Impressionen unserer Reporter

+++ 16.10 Uhr +++ Wer kleiner ist als 1,65 Meter und nicht in den ersten beiden Reihen steht, bekommt vom Zug nur akustisch etwas mit. Christine (35) hat vorgesorgt: Zusammen mit Tochter Josefine beobachtet sie das bunte Treiben von einer Leiter aus. Mann und Sohn haben schon aufgegeben, "denen war es zu heiß." die beiden wohnen um die Ecke. Mama Christine ist seit acht Jahren jedes Jahr dabei. Was den beiden besonders gefällt? "Die Sambafrauen mit den Federn, und angeblich gibt es auch einen Schmetterlingswagen. Den haben wir leider noch nicht gesehen."

+++ 16.00 Uhr +++ Rund 700.000 Zuschauer säumten nach Angaben der Organisatoren am Nachmittag die Strecke.

+++ 15.50 Uhr +++ Wowereit tanzt auf der Hasenheide. Naja, zumindest sein Konterfrei. Die Tänzerinnen der Friedrichshainer Tanzgruppe "Step by Step" tanzen mit Wowereit-Maske und Euromünzen am Bambusstock. Sie laufen außer Konkurrenz und fordern finanzielle Unterstützung für die teilnehmenden Gruppen des Karnevals.

Direkt hinter ihnen trotzt das "Grunzmobil" der Gruppe "Veggie Culture" dem über der Szenerie liegenden Bratwurstgeruch. "Heute vegetarisch essen, der Gesundheit, den Tieren, der Umwelt zuliebe", fordert di Aufschrift des rund drei Meter großen Polyesterschweins, das vom Grunzmobil gezogen wird.

Dahinter tanzen 50 Veganer und Vegetariern in kuhbefleckten Malernanzügen. sie sehen leicht mitgenommen aus, das Kuh-Make-up ist angeschwitzt. Trotzdem sagt Teammitglied Timo: "Wir wollen zeigen, dass es uns als Veganer und Vegetarier gut geht."

+++ 15.45 Uhr +++ An der U-Bahn-Haltestelle Südstern geht es kaum noch vorwärts, obwohl die BVG kräftig aufgestockt hat und alle fünf Minuten ein Zug fährt. Endlich unten angekommen, muss man sich wie die Sardinen in den nächsten Zug Richtung Yorckstrasse quetschen. Jetzt heißt es erst mal Luft anhalten. Dann: Endlich wieder draußen, und auf ein neues ins Getümmel!

+++ 15.35 Uhr +++ Für die Polizei, die die Straßen mit mehreren Einsatzwagen säumt, gibt es noch nichts zu tun. "Das ändert sich aber meistens am Abend mit steigendem Alkoholpegel, dann kommt es immer wieder mal zu Körperverletzungen", sagt ein Polizeikommissar. Eigentlich wäre er lieber privat hier, so wie in den vergangenen Jahren. Aber Dienst sei eben Dienst.

+++ 15.20 Uhr +++ Der Juxirkus Schöneberg feiert dieses Jahr 25-jähriges Bestehen. Rund 40 Artisten zwischen zehn und 18 Jahren schlagen Räder über die Hasenheide und ernten jubelnden Applaus. "Ihr müsst aufschließen", ruf ihnen ihr Zirkuspädagoge Sebastian zu, als sie für erneut für Zuschauerhandykameras posieren. "2004 haben wir den ersten Platz gemacht. Eigentlich wollen wir uns dieses Jahr nicht mit weniger zufrieden geben", sagt Sebastian. Der Glitzer auf seiner Wange funkelt im Sonnenlicht.

"An der Heilig-Kreuz-Kirche steht die Jury. Da müssen wir unser gesamtes Programm abfahren",wendet er sich wieder an seine Gruppe. Etwas schüchtern nebenher läuft "Pixie aus dem Teich", eine türkisfarbene Elfe die kleine glitzernde Streublümchen verteilt. Sie gehört zur Berliner Elfengruppe "Hammerflausch".

+++ 15.05 Uhr +++ Beneidenswerte Jury, die im Schatten auf den besten Plätzen sitzen darf. Die Preisrichter applaudieren den Frauen, die sich mit Flaschen und Blumenkörben auf dem Kopf um die eigene Achse drehen. Die nächste Truppe kommt mit den obligatorischen Sambatrommeln. Brasilien liegt heute wieder mal in Berlin.

+++ 14.56 Uhr +++ Auf der Wiese vor der Kirche am Südstern ist kaum noch ein Eckchen Wiese frei, auch ein hechelnder Husky hat sich ein Schattenplätzchen unter einem Baum gesichert. Der Zug, der hinter den Büschen vorbeizieht, interessiert hier gerade niemanden. Chillen ist angesagt.

+++ 14.46 Uhr +++ Am Südstern zieht gerade die Spitze des Zuges vorbei. Unter lautem Jubel begrüßen die schwitzenden Zuschauer die Drumtrainer Marschkapelle, die mit ihren coolen Rhythmen auf Sambatrommeln den passenden Sound zum tropischen Wetter liefert. Am Coronastrand stehen die Leute Schlange, um sich mit mexikanischem Bier zu erfrischen.

+++ 14.40 Uhr +++ Am Straßenrand machen sich viele Umzugs-Zuschauer mittlerweile auf mitgebrachten Decken und Campingstühlen gemütlich. Nur wenige Umzug-Besucher sind kostümiert erschienen. Acht Mittzwanziger aus Reinickendorf tragen rosa. "Wir haben gedacht, das passt zur Stimmung hier", sagt einer von ihnen. "Wir sind pro Homo!", ruft seine Freundin mit langer, platinblonder Perücke dazwischen. Viele Kleinkinder tragen Gehörschutz.

Wagen aus recycelten Materialien unterwegs

+++ 13.48 Uhr +++ Funkhaus Grünau hat ihren Wagen 10 komplett aus recycelten Materialien gebaut. Die Musik hingegen wird "gecycelt" - der Strom der Anlage wird per Pedalentritt mit einem Fahrrad erzeugt. In der "Free Mobil Box", die dem Wagen folgt, können die Besucher aufspringen und sich spontan und kostenlos verkleiden.

"Das Funkhaus Grünau ist ein Projekthaus mit verschiedenen offenen Werkstätten. Wir sind eine Upcycling Gruppe, also wir setzen uns dafür ein, weniger Müll zu produzieren, indem man Altes wiederverwendet",sagt Juliane Meißner aus Neukölln, Mitglied der Gruppe.

Direkt dahinter trommelt Marafoxe Nação Nago, eine brasilianische Musikgruppe aus Kreuzberg. Ein paar der Tänzerinnen machen um 13.45 Uhr schon einen leicht erschöpften Eindruck. Die Sonne knallt. "Mamaaa, im Schatten ist schöner", quengelt eine etwa Vierjährige mit bunten Federn im Haar, während sie an Mamis Blusenärmel zupft.

+++ 13.24 Uhr +++ Gruppe 3 ist der Dancing Dragon des chinesischen Kulturzentrum Berlin aus Tiergarten. 9 Drachenträger tanzen mit dem gelben Drachen über die Hasenheide. Die Gruppe "Heimatschwärmer" setzt sich aus Schülern der von derKreuzberger Hector Petersen Schule und Taiwanesischen Sambatrommler. In ihrer Mitte "Ungeziefer" -wie drei kreuzberger Jungs mit Bier am Straßenrand charmant kommentieren. "Das ist ein Monarchfalter", sagt Sabine Beyerle Mitorganisatorin der Gruppe:"Der fliegt über vier Generationen von Kanada nach Mexiko. Mit solchen Migrationrouten können sich die Schüler gut identifizieren."

+++ 13.15 Uhr +++ Strahlender Sonnenschein, 20 Grad. Luftballons steigen gen blauen Himmel und mit der Charlottenburger Sambaschule "Sapucaiu No Samba" startet der 18. Umzug der "Karneval der Kulturen" am Hermannplatz. Sambatänzerinnen in knappen Glitzerbikinis schwingen die Hüften zu dem stampfenden Beat der ungefähr 150 Trommler die ihnen folgen. Auf ihren T-Shirts sind Frösche. "Sapucaiu heißt Frosch", sagt Tänzerin Daniela: "Der Name unserer Tanzschule heißt übersetzt der Frosch der in die Samba fiel." Dann muss sie weiter, verschwindet hüftschwingend im bunten Getümmel.

Mit ihnen zusammen läuft die Truppe "Stelzenart" aus Dresden. Halb Schwein, halb (Pleite-)Geier wollen sie "Kapitalistenschweine" darstellen. "Die Stadt unterstützt die teilnehmenden Gruppen des KdK nicht. Immer weniger Traditionsgruppen können sich die Teilnahme leisten", ruft einer der Stelzenläufer aus circa 2 Meter Höhe Richtung Bürgersteig. Mehr als 70 Gruppen nehmen dieses Jahr am Umzug teil. Im vergangenen Jahr waren es noch 90. Ging es beim dem von der "Werkstatt der Kulturen in Berlin-Neukölln" initiierten Umzug bisher ausschließlich, um die Darstellung der verschiedenen in Berlin lebenden Kulturgruppen, wird der Umzug nun selbst zum Thema.

Auch die Tanzgruppe "Step by Step" aus Friedrichshain - letztes Jahr belegte sie den dritten Platz, dieses Jahr läuft sie außer Konkurrenz - widmet sich der Spar-Thematik. Tänzerinnen mit Wowereit-Masken schwenken Euro-Münzen an Bambusstangen, die als "Kultursparschweine" verkleideten Trommler bekommen sie nicht zu fassen.