Die von meiner Freundin Gabi Malschinger hatte alles. Ein eigenes Haus mit zwei Etagen und einem rosa Aufzug, einen Reitstall und einen roten Sportwagen. Sie hatte eine Tochter, Skipper, und später, als der Reitstall durch weitere Pferde ergänzt, erfolgreich genug lief, bekam sie noch ein Baby.
Seit ihrem ersten Auftritt in den 60er-Jahren ist Barbie angefeindet worden. Feministinnen hassten die Plastikpuppe für das, für das kleine Mädchen sie liebten: Ihren Wahn, ständig neue Klamotten, Schuhe und Accessoires haben zu müssen, ihre Wespentaille, ihr Dauerlächeln, ihren Atombusen, (mit dem eine lebende Barbie ein lebenslanger Fall für den Orthopäden wäre). Barbie verkörpere ein künstliches Frauenbild und falsche Ideale, hieß es, sie wecke unrealistische Träume bei kleinen Mädchen, sie wurde für Essstörungen und Schönheitsoperationen bei Teenagern verantwortlich gemacht.
Dabei drückt sich in Barbie nichts anderes aus als der Zeitgeist. Und der lässt sich nicht auf Bulimie und Brustoperationen reduzieren. Als Gabi und ich in den 80er-Jahren mit ihr spielten, war Barbie geradezu emanzipiert. Ihren Luxus konnte sie sich offensichtlich selber leisten. Außerdem war sie alleinerziehende Mutter. Von einem Vater oder Ehemann war nie die Rede, kein Mann bestimmte über ihr Leben, nicht in den Spielzeugprospekten und auch nicht in unseren Kinderspielen. Es gab natürlich Ken. Aber der war eher so eine Art Toy-Boy. Zum Versorger hätte er auch gar nicht getaugt, Ken hatte damals nämlich weder ein Auto noch ein Haus, und einen Beruf hatte er schon gar nicht.
Barbie arbeitete selbst zwar auch nicht gerade als Vorstandsvorsitzende, aber was genau das sein soll, kann man einer Achtjährigen ja auch schwer vermitteln. Immerhin ermöglichte ihr Schöpfer Mattel der meistverkauften Blondine der Welt Karrieren als Pilotin, Tierärztin, oder Krankenschwester. Angesichts von Pflegenotstand und demographischem Wandel wäre es im Nachhinein gar nicht so blöd gewesen, wenn sich damals mehr Puppenmütter beruflich an dem Vorbild ihrer Barbie orientiert hätten.
Alternativer Lebensentwurf
Apropos Mütter: Ursprünglich hatte Ruth Handler, die Erfinderin der Puppe noch eine ganz andere Absicht. Sie wollte, so die Legende, für ihre Tochter Barbara, genannt Barbie, eine Puppe haben, die man nicht wickelte, für die das Kind also nicht zur Puppenmutter werden musste. Einem Kind die Perspektive zu eröffnen, dass man nicht zwingend Mutter sein muss, sondern dass es auch andere Lebensentwürfe geben kann, mit diesem Gedanken hätte sich doch auch der Feminismus anfreunden können.
Postfeministinnen wiederum gestehen heute Frauen längst zu, dass sie auch glücklich werden können, wenn sie als ein hyperfeminines Schminkpüppchen leben. Solange sie das frei für sich entscheiden konnten. Und Ken, ein Mann, der nichts anderes macht als für seine Freundin gut auszusehen, bereichert doch durchaus die Spannbreite männlicher Karrieremodelle. Ist es etwa emanzipiert, Männern zu verbieten, in einem ordentlichen Six-Pack ihre Selbstverwirklichung zu sehen? Und was macht nochmal genau der Ehemann der schwedischen Kronprinzessin beruflich? Na, also, und der gilt doch durchaus als ein Vorbild für den modernen Mann, der seine Frau liebt und unterstützt. Wenn sie nun einmal den wichtigeren Beruf hat, warum nicht?
Ist der wütende Protest, mit dem die Eröffnung des Barbie Dreamhouses gestört wird, also im Grunde gegenstandslos? Oh, nein. Abgesehen davon, dass es schwachsinnig ist, gegen Sexismus mit nackten Brüsten zu demonstrieren, haben die Gegner durchaus einen Grund, wenn sie die Plastikwelt ablehnen.
Denn hier geht es gar nicht um eine Puppe mit anatomisch bedenklichen Maßen, Shoppingsucht und Luxusvorliebe. Der Fummel und die paar Gadgets von einst sind längst der geringste Bestandteil des Barbie-Universums. Das pink-rosa-blaue Zirkuszelt am Alexanderplatz hat mit dem Busenwunder der Vergangenheit nur noch wenig zu tun.
Im Barbie Dreamhouse soll das Mädchen, das die Welt von Barbie jetzt „interaktiv“ erleben kann, selbst zur Puppe werden. Es wird eine totale Identifikation angestrebt. Es geht nicht mehr darum, seiner Barbie das neueste rosa Nerzmodell zu besorgen und ihr spielerisch ein Leben anzudichten, die kleinen Mädchen sollen sich selbst mit dem rosa Glitzerpuder bestäuben, den angesagtesten Nagellack ausprobieren, virtuelle Cupcakes backen und sich mit Pailletten-Tops ausstaffieren. Ein Kinderspiel ist das längst nicht mehr. Einer der neueren Berufsmöglichkeiten von Barbie ist übrigens Delfintrainerin. Leider aber hat sie von artgerechter Tierhaltung offensichtlich keine Ahnung, in ihrem Berliner Traumhaus nämlich lebt der Delfin im Klo. Das ganze Erlebnis-Haus ist eher eine Karikatur eines Frauenlebens.
Leitfaden für richtiges Benehmen
Auch wie man sich zu benehmen hat als eine richtige Barbie, wird den Mädchen mittlerweile von Mattel vorgespielt. Unter Barbie.de können sie sich animierte Filmchen anschauen, die von ihren Abenteuern erzählen. Barbie, die eigentlich eine junge Frau war, ist jetzt zu einem – übrigens normalbrüstigen – Teenager geworden, der in einer überzeichneten Comic-Welt einen überaus trivialen Alltag erlebt.
Wegen des Dreamhouses muss man sich nicht groß aufregen. Sowohl Traumhaus als auch Barbie-Kosmos in den Spielzeugabteilungen und im Netz sind derart unkreativ und übertrieben – kein normales Mädchen läuft wirklich Gefahr, eine Störung davonzutragen oder eine Fixierung zu entwickeln. Und wenn doch die eine oder andere schwach wird: So viel Erziehungskompetenz sollten sich Eltern ruhig zutrauen.
Mädchen werden heute umzingelt von Prinzessinnenkostümen und Feenfantasien. Barbie, die vor einigen Jahren noch im schicken Loftstil wohnte, residiert jetzt eben auch in einem Schloss und kann sich in eine Prinzessin oder Meerjungfrau verwandeln. Und einer ihrer neuen Traumberufe ist Braut. Aber damit hat sie sich nur der Zeit angepasst. Dafür kann man ihren Hersteller schwerlich verantwortlich machen. Wenn man sich über etwas aufregen will, dann darüber, dass das begehbare Spielzeug so absurd und schrill und an manchen Ecken vor allem scheußlich ist.
Barbie wird bleiben, was sie seit Jahrzehnten ist: eine Phase in einem Mädchenleben. Und ihr Haus wird in ein paar Monaten wie jeder gute Wanderzirkus weiterziehen. Der Protest hat letztendlich vor allem eines gebracht: Durch die Berichterstattung weiß jetzt jeder, dass ein vergleichsweise billig aussehendes, aufgepumptes Plastik-Containerhaus in der Stadt gastiert, dessen Besuch teuer ist. Nach großem Erfolg allerdings sieht die Veranstaltung nicht aus.
Judith Luig




