Die Friedenspflicht ist vorbei. Klein anfangen und dann langsam steigern – so lautet die Devise für den ersten Streik im Zoo seit seiner Eröffnung 1844. Nachdem drei Tarifrunden zwischen den Arbeitnehmervertretern von Zoo und Tierpark und der kaufmännischen Geschäftsführerin Gabriele Thöne gescheitert waren, haben rund 80 Mitarbeiter aus Zoo und Tierpark auf einer offenen Versammlung im Gewerkschaftshaus den Streik beschlossen. Er kann bis zu vier Stunden dauern und solle zwar noch im Mai, aber nicht mehr am Pfingstwochenende stattfinden, erklärte Ver.di-Verhandlungsführer Jürgen Stahl. „Den genauen Termin geben wir erst am Vorabend bekannt“, so Stahl weiter. Thöne reagierte betroffen. „Ich hoffe nicht, dass die Eingänge verbarrikadiert werden“, sagte sie.

Was beim Streik passieren soll, darüber herrschte im Zoo unter den nicht gewerkschaftlich organisierten Mitarbeitern am Freitag noch Unsicherheit. „Wir betreten damit völliges Neuland und setzen auf das Geschick der Gewerkschaft“, sagte ein Mitarbeiter. Die Tierpfleger haben bereits kategorisch ausgeschlossen, ihre Schützlinge zu vernachlässigen. „Wir füttern unsere Tiere nach wie vor und machen auch sauber“, postuliert ein Zoo-Angestellter.

Arbeitgeber muss nächsten Schritt machen

Stahl lässt sich öffentlich nicht in die Karten schauen. „Uns geht es darum, der Führung zu signalisieren, dass wir zum Streik bereit sind und das auch längerfristig durchhalten.“ Die Arbeitgeber müssten nun den nächsten Schritt machen und ein neues Angebot vorlegen.

Ein neues Angebot hat sie nicht im Köcher – aber anrufen wird Thöne bei Stahl. „Ich muss von offizieller Seite hören, dass es diesen Streikbeschluss gibt“, sagt die kaufmännische Geschäftsfrau. Sie wolle in weiteren Gesprächen jede Position durchgehen. „Schließlich geht es nicht nur um Löhne, sondern auch um Vertreterzulagen und Fragen der Eingruppierung.“

Gewerkschaft fordert 6,7 Prozent mehr Geld, Geschäftsführung bietet 1,5 Prozent

Die Tierpark- und Zoo-Leitung hat Entgelterhöhungen von jeweils 1,5 Prozent für 2013 und 2014 vorgeschlagen. Die Gewerkschaft hat das als nicht verhandlungsfähig bezeichnet. Ihre Forderung lautet: 6,7 Prozent mehr Geld bei einer Laufzeit des Tarifvertrags von zwölf Monaten.

„Ich kann nicht an der schwierigen Entwicklung im ersten Quartal 2013 vorbeisehen“, erklärte Zoo-Geschäftsführerin Thöne. Das schlechte Wetter hatte zu geringeren Besucherzahlen und Einnahmeverlusten geführt. Zudem gelte für Zoo- und Tierpark ein Tarifvertrag. „Wenn die Gewerkschaftsforderungen für den Tierpark umgesetzt würden, wäre dort das Stammkapital aufgebraucht“, sagt Thöne.

Maximalgehalt nach jahrzehntelanger Arbeit: 1600 Euro netto plus Dienstwohnung

Zoo und Tierpark haben mehr als 400 Beschäftigte. Im Schnitt verdient ein Tierpfleger, wenn er ausgelernt hat, 1200 bis 1300 Euro netto im Monat. Ein Obertierpfleger erhält 1600 Euro netto; arbeitet er alle Sonntage im Monat durch, sind es bis zu 1800 netto – das aber erst nach jahrzehntelanger Betriebszugehörigkeit. Ein Tierarzt erhält rund 3000 Euro brutto. Viele Obertierpfleger sowie Revierleiter können in Dienstwohnungen leben. Diese Kosten werden – bis auf steuerliche Abgaben – mit ihren Überstunden verrechnet.

Im Rückstand nach Streichung der Berlin-Zulage

„Wir liegen mit unseren Gehältern im unteren Drittel bei der Vergütung der Tierpfleger in deutschen Zoos“, erklärt ein Angestellter des Berliner Zoos. Dieser Rückstand sei entstanden, weil die Berlinzulage (500 Mark extra im Monat) nach der Wiedervereinigung gestrichen wurde. „Das hat man finanziell nie aufgefangen, deswegen hinken wir so hinterher.“

Sicherlich ist Tierpfleger – wie andere Zuwendungsberufe in Krankenhäusern, Pflegeheimen oder Schulen und Kitas – ein Beruf, der eine hohe Selbstverpflichtung sowie zeitliche Hingabe erfordert – und Präsenz. „Deshalb wissen viele von uns heute noch nicht, was wir bei dem Streik machen können“, sagt ein Zoo-Mitarbeiter.

Stahl, der sich ab Dienstag den konkreten Streik-Vorbereitungen widmen will, spricht öffentlich lieber in Bildern: „Ich habe einen Hund. Der ist nicht ganz klein und braucht zwei Mal am Tag Futter. Dazwischen habe ich viele Möglichkeiten etwas zu tun.“ Ergo müssten die Tierpfleger auch nicht den ganzen Tag bei ihren Tieren sein.

Kundgebung auf dem Hardenbergplatz

Was sie garantiert nicht tun, ist, ständig vor den Gehegen auf und ab zu hüpfen, um Besuchern die Sicht zu versperren. Denn Besucher wie Öffentlichkeit sieht die Gewerkschaft als ihre wichtigsten Verbündeten. „Wir müssen aufklären über unsere Forderungen und zeigen, dass der Zoo nichts wäre ohne die Tierpfleger und die Handwerker und die Leute, die den Garten pflegen“, sagt Stahl. Vermutlich wird es vor dem Zoo auf dem stark frequentierten Hardenbergplatz zu einer Kundgebung kommen. Vorstellbar ist auch, dass Streikende Infoblätter an Passanten und Zoo-Besucher verteilen.

Der Tierpark, der dezentral in Friedrichsfelde liegt, wird vermutlich beim ersten Streiktermin räumlich ausgesparrt. Schließlich hat er weitaus weniger Besucher als seine ältere, in der Stadtmitte zwischen Charlottenburg und Tiergarten am Bahnhof Zoo zentral liegende „Mutter“. Der Tierpark ist eine Tochtergesellschaft der Zoo Aktiengesellschaft.