„Waren alle Deutschen Nazis? Wer war dieser Hitler eigentlich? Wieso haben so wenige etwas gegen die Nazis unternommen? Weswegen hatten Juden keine Haustiere? Wie war es damals Kind zu sein? Und: Warum sagen die Erwachsenen, dass Kinder für diese Fragen noch zu jung sind?“

All diese Fragen stellten sich die 16 Kinder des GRIPS-Kinderklubs. Um diese Fragen zu beantworten, hat der Kinderklub sich ein Jahr lang mit dem Nationalsozialismus befasst.

Im Februar 2012 wurde der Kinderklub von der Grips-Theaterpädagogin Karen Giese gegründet. Die einzige Bedingung für die Teilnahme an den wöchentlichen Treffen: eine ausgeprägte „Spiellust“. Seitdem trifft sich die 16-köpfige Gruppe wöchentlich, um zu proben und zu recherchieren.

Dieses etwas unübliche Thema für einen Kinderklub habe sich schnell gefunden, erzählt Karen Giese. Vor achtzig Jahren wurde Hitler zum Reichkanzler ernannt und die Nationalsozialisten ergriffen die Macht. Kinder von 10 bis 13 Jahren verstehen aber nicht alles, was darunter gemeint ist.

Zusammen mit Karen Giese, Erik Veenstra und Zeyki Temizbas ist der Theater-Nachwuchs zu Ausstellungen gegangen, hat recherchiert und diskutiert. Sie waren unter anderem im Otto Weidt Museum, in dem die Geschichte des Kleinfabrikants von Besen und Bürsten erzählt wird. Während des zweiten Weltkrieges beschäftigte Otto Weidt hauptsächlich blinde und gehörlose Juden.

Auf der Suche nach persönlichen Geschichten

Verschiedene Lebensgeschichten berichten von seinen Bemühungen, seine jüdischen Arbeiterinnen und Arbeiter vor Verfolgung und Deportation zu schützen. Auch persönliche Materialien wie Familienurkunden und alte Foto wurden untersucht. Die Kinder brachten auch einige Informationen aus der Schule oder dem Medien mit.

Mit dem Wissen ging es dann ans Theaterspielen. Freie Improvisationen und die Verfilmung von Szenen führten zu dem Gerüst des Stücks „Ich sehe was, was du nicht siehst“. Im Jugend Museum in Schöneberg hat ein Füllfederhalter, mit dem die Deportationsbefehle unterzeichnet wurden, die Kinder fasziniert: „Wer war der Mann, der diesen Füllfederhalter besaß? Hatte er Kinder? Vielleicht haben die Kinder ja damit manchmal gespielt?“.

So entstand die Szene eines liebevollen Vaters, der seiner kleinen Tochter erlaubt, mit seinem teuren Federhalter „Schönschrift zu üben“. Jahre später findet die Tochter heraus, dass ihr Vater mit demselben Füller hunderte von Todesurteilen der Gestapo unterzeichnet hat.

Das ist nur ein Beispiel der zwölf Szenen, die am 9. und 10. Mai um 18 Uhr im Grips-Theater aufgeführt werden. Sie wurden verschriftlicht und weiterentwickelt, aber schließlich sei es das einfache „Drauflos-Spielen“, dass den Grundstein gelegt habe, sagt Giese. Sie ist seit zwölf Jahren Theaterpädagogin. Unter anderem betreute sie Theater-Austauschprojekte mit Jugendlichen aus unterschiedlichen Ländern und war die Leiterin des Jugendklubs von Theater Strahl.

Grenzen zwischen Realität und Fiktion verschwimmen

Der Kinderklub selbst ist für die Teilnehmer nicht kostenpflichtig. Auch die Leiter sind ehrenamtlich beschäftigt, um die Kultur und Spiellust der Jüngeren zu fördern.

Mittlerweile, hat der Theater-Nachwuchs so ein gutes Niveau, dass es manchmal als Zuschauer schwierig ist zu unterscheiden, ob das nun gespielt oder doch Wirklichkeit ist.

Lilly ist elf und spielt in einer Schulszene die beste Freundin eines jüdischen Mädchens. Brav sitzt auf einem der Stühle des gespielten Klassensaals. Sie kennt schon fast ihren ganzen Text auswendig, was die Szene sehr authentisch erschienen lässt. Sie war schon immer von Theater fasziniert und mag die lockere Stimmung innerhalb der Gruppe, denn Karen Giese leitet die Proben auf freie und entspannte Art.

Es sei ihr auch sehr wichtig, dass die Kinder immer ihre Meinung sagen. „In der Schule reden wir nicht viel über diese Zeit. Es ist erschreckend was da alles passiert ist“, sagt Lilly, bevor sie sich gleich wieder in ihre Rolle versetzt.

Auch der 13-jährige Noah spielt sehr realistisch einen strengen Lehrer. Er und seine zwei Jahre jüngere Schwester haben auch zu dem Grips-Kinderklub gefunden. „Das Thema interessiert mich, weil uns Kindern zu wenig darüber erzählt wird“, sagt er.

Viele Gefühle bei der Recherche durchlebt

In der intensiven Beschäftigung mit dem Dritten Reich seien viele Gefühle durchlebt worden, von Trauer und Bestürzung über Wut, Hilflosigkeit bis hin zu Bewunderung, „Nur ein Gefühl kam nie auf: Das Gefühl, dass die Kinder mit dem Thema überfordert wurde“, erklärt Erik Veenstra, der Karen Giese bei ihrer Arbeit assistiert.

Die Szenen aus „Ich sehe was, was du nicht siehst“ zeigen, was Kinder im Dritten Reich bewegt, schockiert und beeindruckt: die Situation jüdischer Schulkinder, die tägliche Angst derjenigen, die sich verstecken konnten, und auch der Mut jugendlicher Widerstandskämpfer.

Der Kinderklub bleibt in dieser Zusammensetzung noch bis zum Ende der Spielzeit bestehen, ab dann können sich wieder neue Kinder zwischen zehn und zwölf Jahren für die Teilnahme bewerben.

Kartenreservierungen nimmt die GRIPS-Kasse unter 030/ 397 47 477 entgegen, die Karten kosten für Erwachsene 6 Euro, ermäßigt 3 Euro.