1. Mai in Berlin

Rücktritt-Rennen und Mini-Golf auf dem Tempelhofer Feld

Berlin kann Krawall, die Stadt kann auch Frieden: Auf dem Tempelhofer Feld verbrachten Griller und Radfahrer, Tänzer und Golfer einen entspannten 1. Mai.

Foto: Paul Zinken / dpa

Die 13 trat der 17 in die Speichen, und der Moderator freute sich. „Das ist nicht aus Zucker – diese Nummer, dafür gibt es den Daumen hoch.“ 13 und 17 sind die Startnummern zweier Radfahrer, die sich zum dritten „Rücktritt Rennen“ auf dem Tempelhofer Feld angemeldet hatten.

Es sind zwei Männer, überhaupt sind die meisten Teilnehmer männlich. Beim „Rücktritt Rennen“ fahren die Radler an und treten auf Kommando mit Schwung in die Bremse. Wer die längste Bremsspur zieht, hat gewonnen.

Der spätere Gewinner ist übrigens auch ein Mann: ein Berliner, der mit 24,5 Metern alle rund 40 Konkurrenten übertroffen hat, wie der Veranstalter sagte.

Die Radler waren gut informiert, denn der Wettbewerb wurde versteckt zwischen dem ehemaligen Fallschirmspringerübungsplatz und einem ausrangierten Flugzeut ausgetragen. Man musste schon wissen, dass dieses Rennen existiert und wo genau, denn Werbung gab es keine.

Deshalb sagte der Moderator auch „Daumen hoch“. Sein Wunsch. „Bitte liked uns auf facebook, damit wir euch für das nächste Rücktritt Rennen am 3. Oktober ansprechen können.“ „Das haben wir auf dem Stadtwald Gera mitgebracht“, verriet der Moderator noch.

Das Publikum nickte gewogen. Man saß zu Dutzenden auf einer kleinen Anhöhe, man war unter sich und milde gestimmt, das Wetter war mäßig gut: Wie immer blies Wind übers Feld, die Sonne kam nicht so richtig hinter den Wolken hervor, und doch war es warm genug – und ruhig. Man freute sich, wie friedlich es zugehen kann am 1.Mai hier an der Grenze zwischen Tempelhof, Kreuzberg und Neukölln.

Es ist ein interaktiver Platz

Hundert Meter entfernt, neben all den Grillern, auf der so genannten „Wohlfühlschneise“ hat eine Frau ihr Fahrrad an einen Pfosten gelehnt. Carola aus Neukölln sitzt auf einem Stein und liest ein Buch über „Migräne“. Das sei Zufall, versichert sie, tatsächlich warte sie auf ihren Gitarristen, mit dem sie seit zwei Wochen an der Wohlfühlschneise, einer hölzernen Scheibe, Flamenco übe. „Ich war vor zwölf Jahren aus Neugier beim 1. Mai in Kreuzberg am Kotti. Aber Krawall, das ist nichts für mich. Ich bin lieber hier, hier ist es so entspannend.“

Hinter ihr spielen zehn Teams Minigolf. Es ist ein interaktiver Platz. Alle 18 Stationen sind von Künstlern gestaltet worden und tragen Namen wie „Missing Mission“ oder „Restrisiko“. Da wird an Station 17 ein explodierendes Atomkraftwerk dargestellt, sobald der Ball eingelocht ist, eine Wackelplatte erschwert an Station 9 den Abschlag. Und gleich an der Nummer 1 gibt es einen Golfer-Charaktertest: Erst löst der Speiler einen Tsunami aus, dann muss er Fahrrad fahren.

Es sei ein interaktives Golfspiel, steht auf der Informationstafel, Kunst solle mit Natur und Technik, mit Wissenschaft und Sport verknüpft werden. Nun, das mit dem Sport ist offensichtlich, die Kunst auch. „Wir haben erst seit dem Wochenende geöffnet, die Leute müssen momentan noch nicht Schlange stehen“, sagt Christoph Ernst. Er ist Barmann, Kassierer und Platzwart in einem. Gerade geben drei Männer ihre Schläger zurück. „Danke hat Spaß gemacht“, sagt einer.

Und so verlief der 1. Mai anderswo in Berlin.