Ein zweiter schrecklicher Fund eines toten Säuglings beschäftigt derzeit die Berliner Mordkommissionen. Nachdem am Freitag der vergangenen Woche zwei Mitarbeiter einer Entsorgungsfirma in einem Altkleidercontainer in Neukölln ein totes Baby entdeckt hatten, machte am Dienstagabend eine Spaziergängerin in Hellersdorf einen ebenso grausigen Fund.
In einer Plastiktüte eingehüllt hat das tote Kind an einem kleinen Baum in einem Hain nahe dem Beerenpful gelegen. Es handelt sich dabei um einen Jungen. Das hat die von der Polizei für Mittwochvormittag anberaumte Obduktion des Kindes ergeben.
Demnach ist der Säugling durch Gewalteinwirkung ums Leben gekommen. Angaben über das Alter des Kindes sowie die Art der Verletzungen die zum Tod führten wollte die Polizei aus ermittlungstaktischen Gründen nicht Preis geben.
Ein Hund hatte die Tüte mit dem Baby entdeckt
Am Dienstagabend um 17.40 Uhr war bei der Polizei ein Notruf eingegangen. Eine Spaziergängerin aus Hellersdorf hatte die Beamten informiert, dass ihr Hund nahe dem kleinen See zwischen Landsberger Chaussee und Tangermünder Straße eine Plastiktüte aufgespürt hat und von ihr nicht mehr los ließ. Als sie dann einen Blick in den Müllsack geworfen habe, sei sie zurück geschreckt. In dem Behältnis lag ein totes Baby.
Die Polizei hat umgehend das Areal rings um den Fundort der Leiche abgesperrt. Der Wanderweg um den kleinen See nahe der Wohnhäusern an der Tangermünder Straße 13 am Berliner Stadtrand wurde mit Flatterband abgeriegelt. Zunächst nur mit Taschenlampen ausgestattet haben die Beamten sich bei Dunkelheit ein erstes Bild vom Fundort de Babyleiche gemacht. Später, nach 20 Uhr, wurde eine Lichtgaffel aufgebaut und der Ort ausgeleuchtet.
Hinter der Fassade eines eigens aufgestellten Zeltes haben die Ermittler anschließend am Fundort des Leichnams eine erste Untersuchung vorgenommen. Gegen 22 Uhr wurde dann der tote Säugling zur Gerichtsmedizin gebracht. Unterdessen haben Spezialisten der 2. Mordkommission am Ablageort, nur einen Steinwurf entfernt vom Ufer des Beerenpfuhl, weiter nach Spuren gesucht.
Anwohner sind erschüttert
Am Mittwochmorgen haben Spaziergänger am Fundort des Babyleiche Kerzen aufgestellt. Auf einem Glas steht „Warum?“. Warum fragen sich auch viele Anwohner. Einige berichten, dass sie den verdächtigen Müllbeutel bereits bei ihrem Spaziergang am Sonntag gesehen haben. „Mein Hund hatte ebenfalls an dem Müllsack geschnüffelt. Doch ich hatte „Bosa“ von dort weggezogen“, sagt Kasandra Presch. Die 19-Jährige war am Montagabend gegen 19 Uhr mit ihrem acht Monate alten Hund „Bosa“ dort spazieren und hatte den Beutel dort liegen gesehen.
„Schrecklich, wenn man sich vorstellt, dass ich eventuell die Mutter kenne oder ihr bereits bei einem der Spaziergänge hier durch den Grünzug begegnet bin“, sagt sie. Bereits am Dienstagabend hatten Polizeibeamte mit der Befragung von Anwohnern begonnen.
Auch am Mittwoch waren die Beamten im Kiez unterwegs. Doch bislang gibt es keine heiße Spur zur Mutter des toten Säuglings.
Polizei bittet um Hinweise
Ebenso ist es im Fall des am Freitag vergangener Woche tot aufgefunden Kindes in einem Altkleidercontainer in Neukölln an der Wildenbruchstraße. Auch das kleine Mädchen ist laut Staatsanwaltschaft getötet worden. Die Leiche war bereits stark verwest, als sie gefunden wurde.
Die Obduktion des Säuglings hatte sich in diesem Fall als sehr kompliziert dargestellt. Denn offenbar lag der Leichnam des Kindes bereits mehrere Tage in dem Container. Die zwei Mitarbeiter der Entsorgungsfirma, sie waren 25 und 35 Jahre alt, hatten nach ihrem schrecklichen Fund einen Schock erlitten und mussten in einem Krankenhaus behandelt werden.
„Wir sind bei der Aufklärung der Fälle auf Zeugenhinweise aus der Bevölkerung angewiesen“, sagt ein Ermittler. In beiden Mordfällen bittet daher die Polizei um Mithilfe. Zeugen, die an den besagten Fundorten auffällige Beobachtungen gemacht haben, können sich umgehend bei der Polizei unter den Telefonnummern: 030/4664 - 911201 im Fall Hellersdorf und 030/4664 - 911888 im Fall Neukölln melden. Hinweise nimmt auch jede Polizeidienststelle entgegen.
Das derartige Hinweise zum Erfolg führen belegt unter anderem ein Fall der Kindstötung aus dem Jahr 2009.
Damals war eine Kinderleiche in einem Wilmersdorfer Altkleidercontainer gefunden worden. Eine Frau hatte den neugeborenen Jungen erstickt und dann in einen Altkleidercontainer an der Güntzelstraße geworfen. Wenige Tage nach dem grausamen Fund konnten Polizeibeamte die Mutter festnehmen. Ein Nachbar hatte seine Beobachtungen der Polizei mitgeteilt. Im November 2009 wurde dann Carmen B. zu acht Jahren Haft wegen Totschlags verurteilt. Das Kind sei „ungelegen“ gekommen, hatte sie im Prozess gesagt. Die Frau war bereits zehn Jahre zuvor zu einer Bewährungsstrafe verurteilt worden.
Keine geplante Handlung
Das ist eine Kurzschlusshandlung und in der Regel nichts Geplantes“, sagte die Vorsitzende des Berliner Hebammenverbandes, Susanna Rinne-Wolf. „Die Frauen setzen sich nicht vorher hin und überlegen, wenn das Kind da ist, dann erwürge oder ersticke ich es. Die Frauen sind die reinen Verdrängungskünstlerinnen“, sagte die erfahrene Familienhebamme. Sie befinden sich in einer akuten Notsituation. Daher sei es schwierig, diesen Frauen zu helfen, man erreiche sie nicht.
„Das sind die Mütter, die gar nicht als Schwangere auftauchen, die zu keiner Vorsorgeuntersuchung gehen, die ihre Schwangerschaft vor ihrem gesamten sozialen Umfeld, vor ihrem Partner und manchmal vor sich selbst geheim halten.“ Wenn diese Frauen ihre Schwangerschaft so verdrängen müssten, weil sie nicht wahr sein dürfe, dann setzten sie sich auch nicht damit auseinander, was sie mit dem ungewollten Kind nach der Geburt machen könnten“, sagte die Hebamme.
In Berlin gibt es für Schwangere in Not verschiedene Möglichkeiten der Hilfe: Frauen, die sich außerstande sehen, ihr Kind selbst groß zu ziehen, können das Baby anonym in einem Krankenhaus zur Welt bringen oder es in eine der vier Babyklappen bringen. Unter der Nummer 0800 – 4560789 ist rund um die Uhr zu erfahren, an welchem Krankenhaus in der Nähe eine anonyme Entbindung möglich ist.
Babyklappen befinden sich am Vivantes-Klinikum Neukölln, Waldkrankenhaus Spandau, St. Joseph-Krankenhaus Tempelhof und im Zehlendorfer Krankenhaus Waldfriede. Außerdem können Adoptionsvermittlungsstellen des Senats oder von Caritas und Diakonie weiter helfen.
Während ein Gesetzentwurf der Bundesregierung vorsieht, künftig anstelle von Babyklappen eine „vertrauliche Geburt“ mit medizinischem Beistand im Krankenhaus zu favorisieren, will Berlin weiterhin an den Babyklappen festhalten. Im Waldfriede, wo 2000 die erste Krankenhaus-Babyklappe eingeführt wurde, sei die „vertrauliche Geburt“ längst Normalität, sagt Seelsorgerin Gabriele Stangl. 95 Prozent der Mütter, die dort anonym entbinden, hätten ihre Identität später preisgegeben. So kann das Kind ab seinem 16. Lebensjahr den Namen der Mutter erfahren.
Die Schätzungen dazu, wie viele Kinder hierzulande jährlich etwa von ihren Eltern getötet werden, hängen stark von der jeweiligen Studie und ihren Methoden ab, bewegen sich aber in etwa zwischen 100 und 150.
(mit dpa)





