Vor dem Roten Rathaus in Berlin-Mitte haben Hunderte Demonstranten ihre Wut über den Abriss von Teilen der East Side Gallery zum Ausdruck gebracht. Dazu aufgerufen hatte das Bündnis „East Side Gallery retten“.
An der Kundgebung am Donnerstagnachmittag versammelten sich nach Schätzung der Veranstalter etwa 600 Menschen. Die Organisatoren hatten 1000 Demo-Teilnehmer angemeldet, insgeheim aber deutlich mehr gehofft.
In Redebeiträgen machten die Teilnehmer ihrem Unverständnis über das Krisenmanagement des Berliner Senats Luft. In Sprechchören riefen die Demonstranten das Motto ihres Protestes: „Wowereit, das Denkmal bleibt!“. Viele hielten Schilder hoch. Darauf stand zum Beispiel: „Pfui, Knechte der Luxusklasse!“, „Wowereit + Hinkel raus aus Berlin… Sofort!“ oder „Immobilienhaie zu Fischmehl“.
Rund 1500 hatten ihr Kommen nach Angaben der Organisatoren auf der Facebook-Seite angekündigt. Es wurden weniger. „Aber es geht ja um die Symbolik. Dass ich allein nichts ausrichten kann, ist mir klar“, sagt eine belgische Studentin (24), die zufällig in Berlin ist. „Neubauten dürfen keine bedeutenden Wahrzeichen ersetzen“, sagt sie.
Wowereits Name fällt in fast jedem Satz
Die wenigen, die sich am Freitagnachmittag vor dem Wagen der Aktivisten versammelt haben, sind von der Politik enttäuscht. Der Name des Regierenden Bürgermeisters Klaus Wowereit fällt in fast jedem Satz der Redner. Für Sascha Disselkamp vom Bündnis „East Side Gallery retten“ ist es eindeutig der SPD-Politiker, der in der Mauer „keine besondere Bedeutung“ sieht und am Desaster schuld ist. „Ich finde dieses Haus reizvoll“, soll er angeblich zu Disselkamp gesagt haben. Robert Muschinski, ebenfalls Wortführer des Bündnisses, fordert: „Wir brauchen einen neuen Bürgermeister!“
Eberhard Neitzel (67), Urberliner aus Neukölln, fragt sich, ob der ganze Senat geschlafen habe. Ein Baudenkmal könne man doch nicht einfach abreißen. Vor allem aber findet er: „Die Schuldzuschieberei der Politik ist lächerlich!“
Studentin Elena Kunadt (28) lebt seit acht Jahren in der Hauptstadt und war bei jeder Demonstration dabei. Für sie geht es eher ums Prinzip: „Wir sind doch hier nicht in China!“, sagt sie.
Streit tobt seit vier Wochen
Der Streit um das längste noch erhaltene Mauerstück im Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg tobt seit vier Wochen. Künstler aus aller Welt hatten den 1,3 Kilometer langen Wall nach dem Mauerfall bemalt. Die Mauer-Galerie, die ein Magnet für Touristen aus aller Welt ist, wurde bereits in früheren Jahren an einigen Stellen durchbrochen.
Investor Maik Uwe Hinkel hatte am frühen Mittwochmorgen überraschend vier Betonteile aus der Mauer heraustrennen lassen. Er möchte hinter der East Side Gallery ein Hochhaus mit 36 Luxuswohnungen bauen und bezeichnete den erneuten Abriss von Mauerteilen als „temporäre Maßnahme“. Die Lücke sei notwendig, um mit schwerem Gerät auf die Baustelle fahren zu können. Hinkel kündigte an, die herausgetrennten Mauerteile nach Abschluss der Bauarbeiten wieder einsetzen zu wollen.
Gespräche mit Senat, Bezirk und den Investoren des Nachbargrundstücks hatten bislang keine Lösung gebracht.
Nach einem neuen Krisengespräch im Roten Rathaus erklärte sich Hinkel aber bereit, den Kompromissvorschlag des Regierenden Bürgermeisters Klaus Wowereit (SPD) prüfen zu wollen. Möglicherweise komme ein Umbau des geplanten Hochhauses infrage. Wowereit hatte angeregt, Hinkels Grundstück über das Nachbargrundstück eines israelischen Bauherren zu erschließen.
„Dieser Kompromiss ist keiner“, erklärte der Sprecher des Bündnisses „East Side Gallery retten“, Sascha Disselkamp. „Was jetzt als angebliche Lösung verkauft wird, ist exakt das, wogegen wir protestieren.“ Die Einzigartigkeit der Mauer-Galerie, die Touristen aus aller Welt anziehe, würde durch das Bauprojekt verloren gehen. In einer Online-Petition seien bereits über 82 000 Unterschriften für den Erhalt des Mauerstücks gesammelt worden.
Derweil hat Kani Alavi, einer der Künstler von der East Side Gallery und Mitglied des Vereins, der sich um den Erhalt des Mauerstücks kümmert, angekündigt, sein Bundesverdienstkreuz zurückgeben zu wollen. „Einerseits zeichnet man mich aus, andererseits wird die East Side Gallery zerstört“, sagte er zur Begründung. Er hatte das Bundesverdienstkreuz 2011 erhalten.
David Hasselhoff wirbt für ein Rettungskonzert
Auch US-Sänger David Hasselhoff (60) lässt nicht locker: Er regt ein Konzert an, um die Berliner East Side Gallery zu erhalten. „Der Kampf ist noch nicht vorbei“, twitterte der „Baywatch“-Star. „Wir müssen uns vereinen, um den Verlust von Menschlichkeit und Freiheitswillen zu stoppen.“
WILL JOIN ME IN SUPPORTING THE CONCERT TO SAVE THE WALL PLEASE RETWEET #SAVE THE WALL CONCERT....LOVE DAVID HASSELHOFF
— David Hasselhoff (@DavidHasselhoff) 28. März 2013 Seine Fans ruft Hasselhoff auf, die Idee zu unterstützen, ein Konzert zu veranstalten, um die bemalte Mauer zu erhalten: „Twittert weiter unter dem Slogan #save the wall concert.“
dpa/AFP/pacz/sei


