East Side Galerie

Künstler müssen zusehen, wie ihr Bild weggebaggert wird

Karina Bjerregaard hat zusammen mit Lotte Haubart 1990 das Bild „Himmel über Berlin“ an der East Side Gallery geschaffen. Gerade dieses Bild fiel nun Berliner Bauplänen zum Opfer.

Berliner Morgenpost: Wie haben Sie sich gefühlt, als Sie im Internet gesehen haben, dass Ihr Bild abgebaut wurde?

Karina Bjerregaard: Ich bin sehr traurig. Kein Künstler mag zusehen, wie sein Werk zerstört wird. Aber drin steckt noch viel mehr. Ich glaube, die Behörden machen einen riesigen Fehler, wenn sie diesen Abriss zulassen. Denn die East Side Gallery hat die Symbolik der Mauer geändert. Aus einem dunklen, furchtbaren Ort, der mit Angst und Tod verbunden war, wurde ein schöner und friedlicher Kunstraum. Unsere Kunst hat die Mauer in ein positives Symbol verwandelt. Es ist ein Denkmal dafür, wie sich die Welt in den letzten 20 Jahren verändert hat.

Wie kam es dazu, dass Sie sich an der Entstehung der East Side Gallery beteiligt haben?

Ich habe einen großen Artikel in einer dänischen Zeitung über dieses Projekt gelesen. Dann habe ich mit Lotte, meiner Freundin und Kollegin, gesprochen, das war am Samstag. Und am Montag waren wir schon im Zug nach Berlin mit Schlafsäcken, Farben und Pinseln. Als wir in Berlin angekommen sind, haben wir sofort der Koordinatorin Christine McLean unsere Ideen vorgetragen. Und sie sagte: „Schön, ihr könnt hier malen.“ Und das haben wir auch gleich gemacht.

Wie lange haben Sie dafür gebraucht, das Bild zu malen?

Es hat vier, fünf Tage gedauert, bis wir es fertig hatten. Später haben wir es zweimal für die Restaurierung neu gemalt – im Jahr 2000 und 2009. Die Bilder waren nicht identisch, unser Stil hat sich etwas geändert. Aber bei der letzten Version haben wir versucht, sehr nah an die erste Version zu malen.

Was ist das Konzept hinter dem Bild?

Ich habe zu der Zeit an einer Serie über das Brandenburger Tor gearbeitet, inspiriert durch die Wende. Und deswegen war das ganz wunderbar, direkt an der Mauer diese Idee weiterzuentwickeln. Auf meinem Teil des Bildes sieht man zwei Engel, Wim und Nina. Sie verkörpern Wim Wenders, den Regisseur des Films „Himmel über Berlin“, und die legendäre Punksängerin Nina Hagen. Wir waren beide ihre Fans (lacht). Ich wollte einen Mann und eine Frau zeigen, eine Figur aus dem Osten und eine aus dem Westen. Lotte hat fliegende Hunde gemalt. Sie wollte damit Lockerheit und gute Laune vermitteln.

Wie erinnern Sie sich an diese Zeit?

Das war im Juli 1990, es war sehr sonnig. Die Straße hinter der Mühlenstraße war voll mit Trabis. Die Luft war sehr schlecht, wir bekamen Halsschmerzen nach einigen Tagen Arbeit draußen. Wir hatten verschiedene Geldscheine – ostdeutsche und westdeutsche. Und wir konnten von den Telefonautomaten in Ostberlin nicht nach Westberlin telefonieren.

Wie war das für Sie, an der Berliner Mauer zu malen?

Für unsere Generation, die in den 1980er-Jahren aufgewachsen ist, war die Berliner Mauer ein Symbol der geteilten Welt. Wir hatten Angst vor dem Krieg, vor Atombomben, vor den Russen. Wenn man sich das vorstellt, wird es einem klar, wie unglaublich das war für uns, einfach einen Zug zu nehmen und am nächsten Tag an der Berliner Mauer zu malen. Das hat sich sehr bedeutend angefühlt. Wir haben Geschichte gemacht.