Für die Hinterbliebenen war es ein Schock. Eigentlich sollten ihre gestorbenen Angehörigen auf dem Weg zur Einäscherung sein – doch dann verschwanden die zwölf Toten spurlos. Die Polizei vermutete im Herbst des vergangenen Jahres schnell, dass Autoschieber die Leichen nur aus Versehen zusammen mit dem weißen Transporter gestohlen haben. Das Fahrzeug stand auf dem Parkplatz eines Bestattungsunternehmens in einem Gewerbegebiet in Hoppegarten (Märkisch-Oderland) bei Berlin. Für die Angehörigen folgten bange Tage, bis die Särge mit den sterblichen Überresten ihrer Verwandten endlich wieder auftauchten – in einem polnischen Waldgebiet. Drei der mutmaßlichen Autodiebe stehen nun im polnischen Posen vor Gericht.
In der Nacht zum 15. Oktober 2012 hatten Unbekannte den Transporter vom Typ Mercedes Sprinter vom Firmengelände des Bestatters gestohlen. Die Tatzeit konnte die Polizei schnell zwischen Sonntag 23 Uhr und Montag 5 Uhr eingrenzen. Gleichzeitig waren zwei weitere Transporter entwendet worden. Den Gesamtwert bezifferte die Polizei auf 85.000 Euro. Die Täter wurden offenbar vom Inhalt des Frachtraums überrascht. Nichts an dem Transporter deutete darauf hin, dass mit dem Fahrzeug Leichen zu einem Krematorium ins sächsische Meißen überführt werden sollten. Acht der Verstorbenen stammten aus Berlin, die anderen vier aus Brandenburg. Die Toten waren bereits zwei Tage vor dem Diebstahl in das Fahrzeug geladen worden.
Ein Mann wurde bereits verurteilt
Die Suche der Kriminalpolizei nach dem gestohlenen weißen Mercedes-Transporter samt dem brisanten Inhalt dauerte mehr als eine Woche. Beamte einer Sonderkommission namens „Grenze“, die wegen der großen Anzahl von Diebstahlsdelikten im östlichen Brandenburg aufgestellt wurde, ermittelten gemeinsam mit osteuropäischen Behörden sogar bis nach Litauen. Schließlich entdeckten die Ermittler die Särge in einem Wald in Krolikow, etwa 85 Kilometer von Posen (Poznan) entfernt in der Region Konin. Die unscheinbaren Holzkisten lagen verstreut zwischen Bäumen. Wenige Tage zuvor waren die anderen beiden gestohlenen Transporter in Polen entdeckt und kurz darauf zwei 25 und 27 Jahre alte Tatverdächtige festgenommen worden. Mittlerweile hat die Polizei vier von fünf Verdächtigen des Leichendiebstahls gefasst. Sie sind den Angaben zufolge zwischen Mitte 20 und Mitte 30 Jahre alt. Der mutmaßliche Drahtzieher der Autoschieberbande ist dagegen untergetaucht. Nach ihm wird mit internationalem Haftbefehl gefahndet.
Den Diebstahl hat nur einer der vier gefassten Tatverdächtigen gestanden. Er wurde bereits von einem polnischen Gericht verurteilt: zu elf Monaten Haft und einer Geldstrafe von 3000 Zloty (rund 725 Euro). Darauf hatte sich der Mann mit der Staatsanwaltschaft geeinigt. Außerdem muss er eine Entschädigung von 16.000 Zloty zahlen. Die übrigen Tatverdächtigen hatten bislang behauptet, sie seien unschuldig.
Verurteilter sagt als Zeuge aus
Am ersten Prozesstag wiesen die drei Polen die Diebstahlsvorwürfe dann erneut zurück. Sie seien nur für die Überführung von Fahrzeugen angeheuert worden und hätten nicht gewusst, dass die Wagen gestohlen wurden, erklärten sie nach Angaben polnischer Lokalmedien zum Prozessauftakt.
Als Zeuge sagte der bereits vor einigen Wochen verurteilte Mann aus, der seine Beteiligung an dem Diebstahl gestanden hatte. Er habe von dem weiterhin flüchtigen Auftraggeber 2000 Zloty (etwa 500 Euro) Lohn versprochen bekommen, um die insgesamt drei Fahrzeuge mit seinen Komplizen über die Grenze zu befördern, sagte er. Erst unterwegs habe er erfahren, dass versehentlich auch Särge mit Leichen gestohlen wurden. Den drei vorbestraften Angeklagten drohen bei einer Verurteilung durch das Bezirksgericht bis zu zehn Jahre Haft und Geldstrafen.
Ungewissheit bedeutete emotionalen Ausnahmezustand
Für die Hinterbliebenen der Toten vergingen nach dem Fund der Särge noch einmal rund zwei Wochen, bis sie ihre Angehörigen oder Freunde endlich einäschern konnten. So lange dauerte es, bis alle Toten von der Gerichtsmedizin in Posen identifiziert und alle Papiere für die Grenzüberführung ausgestellt waren. Das bestohlene Bestattungsunternehmen übernahm die Kosten für die Rückführung.
Die Ungewissheit sei für die Betroffenen ein emotionaler Ausnahmezustand gewesen, sagte der ehrenamtliche Pfarrer und Trauerbegleiter Oliver Wirthmann vom Bundesverband Deutscher Bestatter. „In der Phase des Abschieds suchen viele Hinterbliebene die Nähe ihrer Verstorbenen – dieser Möglichkeit waren sie durch den Diebstahl beraubt.“ Auch spielten Gefühle der Ohnmacht und vielleicht auch der Schuld eine Rolle.
Auch die Staatsanwaltschaft in Brandenburg ist mit dem Fall noch immer beschäftigt. In Frankfurt (O.) werde gegen vier Bestattungsunternehmen sowie den Spediteur ermittelt, die an dem Leichentransport beteiligt waren, sagte ein Sprecher der Staatsanwaltschaft. Es habe mehrere Anzeigen gegeben. Die Vernehmung von Zeugen sei jedoch noch nicht abgeschlossen. Die Vorwürfe gegen sie beziehen sich unter anderem auf die Art des Transports der Leichen, etwa auf die nicht ausreichende Kennzeichnung am Wagen. Oliver Wirthmann prangerte in dem Zusammenhang eine sogenannte Bestatter-Discount-Mentalität an. „Die Entwürdigung zeigt sich durch den Massen-Transport in Holzkisten“, kritisierte er.
Anja Mia Neumann mit dpa,pol



