Nazi-Zeit-Drama

Schauspielerin Schüttler und die unbefangene Generation

Im Drama „Unsere Mütter, unsere Väter“ spielt Katharina Schüttler eine Hauptrolle. Beim Spaziergang erzählt sie, was der Zweite Weltkrieg in ihrer Familie ausgelöst hat und wie sie damit umgehen will.

Foto: Martin U. K. Lengemann

Ein Löffel ist übrig geblieben. Nicht mehr. Ihr Urgroßvater hat mit ihm gegessen, vor hundert Jahren, in russischer Gefangenschaft im Ersten Weltkrieg. Er ist ganz leicht, so wie die Münzen in der DDR, sagt Katharina Schüttler. Sie fand ihn, als sie der Großmutter, die im vergangenen Jahr nach Berlin gezogen ist, half auszumisten. Den Löffel wollte sie behalten.

„Oma, das ist Kunst.“ Sie nahm ein Stück Stoff, nagelte das Erinnerungsstück darauf fest. Fertigte einen Rahmen für den Weltkriegslöffel an. Nun hängt er bei ihr zuhause an der Wand. „Wenn Kunst auch persönliche Geschichte enthält, finde ich das toll“, sagt die 33-Jährige. Einfach, klar und unbefangen klingt das. Es ist schon eigenartig, einerseits nimmt sie dem Krieg seine Schwere, auf der anderen Seite holt sie sich den Krieg ins Haus.

Früher ging Schüttler lieber ins Café als in Museum

Es ist einer dieser eisigen Tage, die noch einmal über die Stadt hergefallen sind. Wir schauen auf die Museumsinsel, und Katharina Schüttler erzählt, sie habe sich gerade eine Jahreskarte gekauft. „In der Hoffnung, dass ich jetzt endlich mal in diese Museen gehe. Man muss es einfach machen – und zwar morgens als erstes.“

Das entdecke sie erst jetzt. „Es gibt ja viele Kinder, die ein Trauma haben, weil sie von Eltern immer durch Städte gejagt, durch Museen gezogen worden sind. Das haben meine Eltern nicht gemacht. Die waren froh, wenn sie das schönste Café am Ort und den besten Espresso gefunden haben. Das hat ihnen gereicht. Mir auch. Die wollten lieber dasitzen und Menschen beobachten.“

Die Schauspielern mag die Stille in Kirchen

Mittlerweile könne sie die Faszination von Museen und Kirchen langsam verstehen. An Kirchen, meint sie mit Blick auf den Dom, möge sie die Stille und diese theatrale Atmosphäre. „Man ist mit sich allein. Man hat eine Bühne für den Kopf und für einen selbst.“

Eine Bühne – die gehört ja auch zu ihrem Beruf. Katharina Schüttler ist Schauspielerin, und wenn man jetzt Superlative wie beste, begehrteste, ungewöhnlichste fallen ließe, klänge es etwas abgegriffen. Aufregend vielleicht? Das trifft ihr Spiel besser. Sie kann einen mittelmäßigen Film herumreißen, das hat sie bewiesen. Einen guten Film noch besser machen, manchmal ist sie einfach atemberaubend. Vielleicht gehört das dazu, wenn man bei der Schaubühne in einer Tradition mit Jutta Lampe und Anne Tismer steht.

2006 wurde Schüttler „Schauspielerin des Jahres“

Ihre Hedda Gabler, die Titelrolle aus Henrik Ibsens gleichnamigem Stück, gibt sie dort seit acht Jahren in einer modernen Adaption. Lasziv, fies, brutal. 2006 wurde sie dafür von der Zeitschrift „Theater heute“ zur Schauspielerin des Jahres gewählt.

In Filmen wie dem Drama „Es kommt der Tag“ spielt sie mit kalter Wut die Tochter einer ehemaligen Terroristin, die von Iris Berben dargestellt wird. In „Sophiiiie!“ poltert sie durch die Hamburger Nacht, zwischen selbstmörderischer Verzweiflung und berührender Verletzlichkeit.

Die Suchen nach Extremsituationen vor der Kamera

Katharina Schüttler macht es sich nicht leicht mit ihren Rollen, irgendwie sucht sie die Extremsituation vor der Kamera. Nun hat sie sie im Krieg gefunden.

„Unsere Mütter, unsere Väter“ heißt der aufwendig inszenierte Dreiteiler, der Sonntagabend im ZDF startet. Selten hat ein deutscher Film das Grauen des Zweiten Weltkrieges derart offen gelegt wie hier. Morde an Zivilisten in Russland, Frauen und Kinder darunter, das Sterben der Freunde im Bombenhagel, der bröckelnde Glaube an einen Sieg, die Willkür und die Frage nach der Schuld.

Fünf junge Menschen aus Berlin treffen sich noch einmal zu einem letzten Abend, bevor ihre Schicksale ihren Lauf nehmen. Zwei Brüder, zwei Freundinnen und ein Dritter, ein gemeinsamer jüdischer Freund. Die Brüder ziehen an die Front, der eine begeistert, der andere widerwillig. Die eine junge Frau wird Krankenschwester in einem Lazarett, ihre beste Freundin bleibt in Berlin, sie will Sängerin werden.

Das ist Greta, unbedarft, nur an ihrer Karriere interessiert. Sie wird von Katharina Schüttler dargestellt. „Sie hat wenig Bewusstsein dafür, was um sie herum passiert. Ich glaube, sie ist nur mit sich und ihrem Traum beschäftigt: So ist die Welt eben gerade, aber ich will ja Sängerin werden“, sagt sie über ihre Rolle.

Mit der Großmutter über den Krieg reden

Es beschäftigt Katharina Schüttler, ob dieser Film fast 70 Jahre nach Kriegsende eine Diskussion auslösen wird. Nun, wo es nicht mehr so viele Menschen gibt, die diese Zeit erlebt haben. Vielleicht ist es aber auch im Abstand leichter, mit Traumata und Schuld umzugehen.

„Mir geht es um kleine, private Gespräche. Dass man mit der Oma, mit der man bisher nur Rindsroulade gegessen, aber nie über diese Zeit gesprochen hat, dass man mit ihr jetzt über etwas redet, was ja auch ein Teil ihres Lebens ist. Vielleicht ist es naiv, aber es könnte einfach eine letzte Chance sein.“

Ihre beiden Großväter sind tot. Den einen ließ das Grauen des Krieges nicht mehr los. „Er ist daran zerbrochen.“ Nach 1945 ist er nie in ein festes Arbeitsverhältnis gekommen. „Eigentlich hat meine Oma die vier Kinder alleine großgezogen.“ Die Großmütter leben noch, und da die eine nun auch in Berlin wohnt, will sie sie befragen. „Ich glaube, meine Großmutter ist damit aufgewachsen, dass man einfach glaubte, was einem gesagt wird. Da war so eine Obrigkeitshörigkeit. Auch eine große Naivität. So als gebe es die Idee zu hinterfragen gar nicht.“

Rolle der Ehefrau in Reich-Ranicki-Film

Für sie sei die Möglichkeit, etwas von den Großmüttern zu erfahren, vielleicht sogar größer als bei ihren Eltern – „beide Alt-68er“: „Als Enkel ist man vorsichtiger, fordert nicht so viel. Das ist eine ganz andere Form der Auseinandersetzung, als die der Kinder mit der Geschichte ihrer Eltern.“

Wir gehen am Neuen Museum und am Pergamonmuseum vorbei. Ich frage mich, wie mag das alles hier ausgesehen haben, als die Nazis in Berlin herrschten? Vor einigen Jahren ist Katharina Schüttler schon einmal vor der Kamera in diese Zeit eingetaucht. In der Verfilmung von Marcel Reich-Ranickis Lebensgeschichte übernahm sie die Rolle seiner Frau Tosia. Das Paar hatte die Gräuel überlebt, Tosia starb vor zwei Jahren.

Schüttler schickte Briefe an Reich-Ranicki nie ab

„Es ist schon sehr besonders, jemanden zu spielen, der das erlebt hat. Ihn kennen zu lernen, ihm in die Augen zu gucken, um seine Geschichte zu wissen.“ Sie spürte eine Art Verbundenheit und fing an, dem Ehepaar Briefe zu schreiben – die sie nie abschickte. „Ich hatte immer das Bedürfnis, mit ihnen nach dem Dreh und unseren Begegnungen in der Vorbereitungszeit noch mal Kontakt aufzunehmen. Viele Briefe habe ich geschrieben, sie dann wieder verändert und weggelegt. Woran es liegt? Ich weiß es nicht. Vielleicht, weil man es nicht mehr gelernt hat, in alter Schule einen Brief zu schreiben?“

Wir stehen nun vor dem Bode-Museum. Sie erzählt, dass sie hier in der Nähe kurze Zeit gewohnt habe. Das war in ihrer Anfangszeit vor sieben Jahren, als sie aus dem Koffer lebte. Die gebürtige Kölnerin ist über Hannover, wo sie die Schauspielschule besuchte, und über Hamburg, wo sie Theater spielte, nach Berlin gekommen.

Schüttlers Vater ist Theaterregisseur, die Mutter Dramaturgin

Nun lebt sie in Prenzlauer Berg. Vermisst sie manchmal den rheinischen Frohsinn ihrer Heimat? Nein. Berlin lasse jedem den Raum, so zu sein, wie er wolle. „Ich fühle mich hier sehr frei.“

Nur von der Kälte haben wir die Nase voll. Ein kleiner Besuch im Bode-Museum könnte doch eine prima Erstnutzung ihrer neuerworbenen Jahreskarte sein, schlage ich vor. Da ich unser Gespräch aber mit einem Gerät aufzeichne, wird es kompliziert. Eigentlich muss man das vorher anmelden. Wir fragen, dürften das aber nur nach anscheinend langwieriger Rücksprache.

Wir lassen es und gehen ins Museums-Café in der riesigen Eingangshalle. Katharina Schüttler bestellt Tee, einen Earl Grey. Ich frage sie, ob sich ihr Leben als Schauspielerin so erfüllt, wie sie es sich einmal vorgestellt hat. „Ich habe mir nie so viele Gedanken gemacht. Ich wusste einfach immer, ich will das machen.“ Was sicher auch mit ihrem Elternhaus zu tun hat. Der Vater Theaterregisseur und Intendant, die Mutter Dramaturgin, ein Wunder, dass ihre älteren Geschwister andere Berufe ergriffen haben. Die Schwester ist Ethnologin, der Bruder Architekt.

Das Theater als Teil von Schüttlers Kindheit

Für Katharina Schüttler war und ist das Theater ein Zuhause. „Von klein auf, war ich im Theater. Es war Teil meiner Kindheit. Und ich glaube, dass Menschen in ihrem erwachsenen Leben irgendwo das suchen, was sie aus ihrer Kindheit kennen. Das hat auch mit Sicherheit zu tun. Weil es der Raum ist, den man als Kind als den Raum für Geborgenheit gekannt hat.“ Unter der Regie des Vaters stand sie mit 17 Jahren auf der Bühne. Ging das gut? „Mein Vater und ich sind uns sehr verbunden. Wir können gut miteinander arbeiten.“

Als kleines Kind, erzählt sie, sei sie ein Jahr lang nicht gewachsen. Ein Zahn war abgebrochen, die Zahnwurzel entzündete sich, das sei auf die Wachstumshormone gegangen. Als sie mit fünf eingeschult wurde, wog sie 17 Kilo, der Ranzen hing ihr bis in die Kniekehlen, und „alle haben mich immer rumgetragen“.

Doch so klein sie war, sie konnte sich durchsetzen. „Wenn man es nicht mit Größe machen kann, muss man es mit Witz machen.“ Sie war Klassenclown – und Klassensprecherin. „Ich war einerseits furchtbar für Lehrer und andererseits aber auch lieb, harmoniebedüftig. Wenn ich störte, wollte ich eher auf eine charmante Art und Weise ein bisschen Entertainment in den Unterricht reinbringen.“

Schüttlers Problem mit Autorität

So wie sie das sagt, stelle ich sie mir als kleines, etwas zappeliges Mädchen vor, mal einnehmend, mal vorlaut. Sie erzählt von einem Chemielehrer, der aus Südafrika stammte und sehr streng war. Es habe Initiativen von Eltern gegeben, ihn aus der Schule zu schmeißen.

Nur Katharina Schüttler, die bis heute, wie sie sagt, ein Problem mit Autorität hat, kam mit ihm aus. „Ich hatte keine Ahnung von Chemie, aber ich habe die ganze Zeit Fragen gestellt. Eigentlich habe ich damit den Unterricht geschmissen, aber er hat mir eine Zwei für mündliche Beteiligung gegeben.“

Und dann hat sie sich „immer irgendwelche komischen Streiche ausgedacht. Wie das Schulklo komplett zu bemalen.“ Aber wie ist das nun Autorität, wenn sie mit Regisseuren am Set und im Theater zu tun hat? „Das empfinde ich nicht als Autorität. Das ist eher eine Zusammenarbeit. Im Idealfall geht man Hand in Hand, und der andere fängt einen auf. So was hätte ich mir auch für die Schule gewünscht.“

Störer im Theaterpublikum

Vor kurzem hatte sie es im Theater selbst einmal mit einem Störer zu tun. Bei einer „Hedda-Gabler“-Aufführung rief ein Zuschauer plötzlich mitten in das Geschehen auf der Bühne hinein, das solle jetzt mal dramatischer werden. Katharina Schüttler solle vom Sofa aufstehen und was tun.

Lars Eidinger, der mit ihr seit acht Jahr in dem Stück spielt, reagierte. Er fragte: „Dramatischer?“ Und sagte: „Na gut, dann komme ich noch mal rein und mache es noch mal.“ Er sei, sagt sie, „wirklich rausgegangen, kam wieder rein und hat es dramatischer gemacht“. Sie lacht, schüttelt ein wenig den Kopf: „Aber wie muss jemand ticken, dass er sich im Theater in eine Inszenierung einmischt?“

Vielleicht hat dieses Kopfschütteln auch mit Reife zu tun. Vor zwei Jahren sind Katharina Schüttler und ihr Mann, der Regisseur Till Franzen, Eltern geworden. Minze ist der Name ihrer Tochter, er stammt von einer Freundin Franz Kafkas, Minze Eisner.

Tochter Minze bei Dreharbeiten zu „Unsere Mütter, unsere Väter“ immer dabei

Bei den Dreharbeiten von „Unsere Mütter, unsere Väter“, die fast drei Monate dauerten, war sie immer dabei. Selbst wenn ihre Mutter in Litauen vor der Kamera stehen musste. „Ich hatte eine Betreuung für sie. Das ging sehr gut.“

Seit letztem Frühjahr habe sie bis auf drei Wochen im September durchgearbeitet. Nun will sie aber Pause machen. „Ich muss jetzt mal ein bisschen Mama sein.“ Auf den ersten Kinobesuch mit ihrer Tochter freut sie sich schon. Sie selbst war vier Jahre alt, als ihre Eltern mit ihr „Die Marx Brothers im Kaufhaus“ sahen.

Mit der Tochter will Schüttler auch mal schwimmen gehen

Ob sie ihre Tochter genauso erzieht, wie sie es selbst von ihren Eltern erfahren hat? Wie diese, sitzt sie am liebsten in Cafés, auch alleine, und beobachtet Menschen. „Das hat mich sicher geprägt, aber ich werde mit meiner Tochter auch mal schwimmen gehen.“ Und dann sind ja nun ihre Großmutter und die Eltern – die Alt-68er, die damals „aus ihrem Elternhaus geflohen sind“ – nach Berlin gezogen.

Das bedeutet, dass sich vier Generationen der Familie Schüttler hier befinden. Und vielleicht wird man gerade nach dem aufwühlenden Dreiteiler „Unsere Mütter, unsere Väter“ an einem Tisch sitzen. Es könnte noch einiges zu besprechen geben über die Zeit damals. Wie sagte doch Katharina Schüttler? „Vielleicht ist es eine letzte Chance.“

Das große Special zur Machtergreifung Hitlers vor 80 Jahren

„Unsere Mütter, unsere Väter“ – Diskutieren Sie mit!

„Unsere Mütter, unsere Väter“ läuft am 17., 18. und 20. März, 20.15 Uhr, ZDF