Neuschnee

Wintereinbruch sorgt für S-Bahn-Ausfälle in Berlin

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Inga Pylypchuk

Foto: dpa

Tief „Xaver“ bringt den Winter zurück nach Deutschland. In Berlin gab es Verkehrsunfälle und Störungen bei der S-Bahn, am Hauptbahnhof wurden Eingänge gesperrt.

Der Frühling hat nur ein kurzes Gastspiel gegeben – Schneefälle bringen den Winter in weite Teile Deutschlands zurück. Verantwortlich dafür sind das Tief „Yorick“ und das neue Tief „Xaver“. Während über Norddeutschland schon am Wochenende eine dicke Schneedecke lag, werden Schnee und Eis nun auch im Süden erwartet. In Berlin kam der S-Bahn-Verkehr zeitweise zum Erliegen.

Vor allem für die Mitte Deutschlands werden für Dienstag heftige Schneefälle vorhergesagt. Das erhöht nicht nur das Risiko von Auffahrunfällen auf glatten Straßen. Wer nicht aufpasst, kann sich auch leicht einen Infekt holen, denn die Erkältungsgefahr ist nun besonders groß. „Der Temperaturwechsel ist ein hoher Stressfaktor für den Körper“, sagt Thomas Aßmann vom Deutschen Hausärzteverband.

Eis stürzt vom Dach des Hauptbahnhofs

Am Montagmittag wurde der Eingang des Berliner Hauptbahnhofs zum Europaplatz vollständig geschlossen, der Bereich des Vordachs weiträumig abgesperrt. Der Grund waren vom Glasdach herabstürzende Eisstücke und Schneebretter. Reisende mussten den Bahnhof durch den Ausgang am Washingtonplatz verlasen bzw. betreten. Auch Taxis konnten nicht mehr vorfahren, sie wurden an die Ella-Trebe-Straße umgeleitet. Wie lange die Absperrungen anhalten werden, ist noch unklar.

Ausfälle bei der Berliner S-Bahn

Schnee und Eis führten am Montagmorgen zu Ausfällen und Störungen bei der Berliner S-Bahn. Wegen einer Weichenstörung am Ostkreuz, die durch Eisbrocken verursacht wurde, fiel der Zugverkehr der Linien S5, S7 und S75 zwischen Lichtenberg und Ostkreuz zeitweise komplett aus. Die S-Bahn setzte nach eigenen Angaben auf der Strecke Busse ein. Die Störung wurde kurz nach 10 Uhr behoben, auch danach kam es noch zu Verspätungen.

Zudem war am Montagmorgen ein Zug der Linie S46 auf Höhe des Bahnhofs Neukölln liegengeblieben. Durch die technische Störung war der Verkehr der Linien S46 und S45, sowie der Ringbahnen S41 und S42 zeitweise unterbrochen.

Bereits am Sonntag war es bei der S-Bahn auf den Linien S47, S2, S25 und S1 zu einzelnen Ausfällen gekommen. Auch die Busse, vor allem in den Randbezirken, kamen häufig nicht pünktlich.

Probleme gab es auch beim M29 in Kreuzberg. Petra Reetz von der BVG sagte aber, die Probleme bei dieser Busroute hätten nichts mit dem Wetter zu tun: „Auf der Strecke, die der Bus fährt, gibt es viele Baustellen, und daher kommt es oft zu Verspätungen.“

Lange Staus auf dem südlichen Berliner Ring

In Brandenburg ist es auf den Autobahnen zu Glätte-Unfällen gekommen. Es bildeten sich lange Staus. Seit Mitternacht gab es insgesamt 33 Unfälle mit zwei Verletzten. Auf Schnee- und Eisglätte waren davon nach Angaben der Polizei in Potsdam eindeutig zehn Unfälle mit einem Verletzten zurückzuführen. Betroffen waren vor allem der südliche Berliner Ring A10 zwischen der Ausfahrt Niederlehme (Dahme-Spreewald) und Spreeau sowie die A12 Frankfurt (Oder)- Berlin bei Müllrose (Oder-Spree).

Die Unfälle führten auf beiden Autobahnen zu teilweise kilometerlangen Staus. Sie lösten sich erst gegen 8 Uhr allmählich auf. Bereits am Wochenende registrierte die Polizei 136 witterungsbedingte Unfälle mit 40 Verletzten. Angesichts weiterer Schneefälle und Temperaturen unter dem Gefrierpunkt ist auch am Tag mit Straßenglätte zu rechnen, warnte der Deutsche Wetterdienst (DWD) in Potsdam.

Am Sonntagabend ist eine 19 Jahre alte Beifahrerin bei einem Autounfall auf glatter Straße in Berlin-Lübars schwer verletzt worden. Sie wurde in dem Wagen eingeklemmt, nachdem das Fahrzeug auf dem Zabel-Krüger-Damm gegen eine Baum gefahren war. Die Feuerwehr musste die Frau nach Angaben der Polizei vom Montag aus dem Fahrzeug befreien, sie kam schwer verletzt ins Krankenhaus. Der 26 Jahre alte Autofahrer blieb unverletzt.

Psychische Belastung durch das Wetter

Das Immunsystem ist bei einem Wetterwechsel besonders anfällig. „Wir haben im Hinterkopf, es wird Frühling – dann wird es aber wieder kalt, und schwupp hat man eine Erkältung“, sagte Thomas Aßmann vom Deutschen Hausärzteverband. Auch psychisch sei der zweistellige Temperatursturz eine Belastung. „Die Leute freuen sich auf den Frühling und sind dann enttäuscht, dass der Winter schon wieder losgeht“, sagt der Facharzt für Innere Medizin aus Lindlar bei Köln. Körper und Geist müssten sich jetzt wieder „umpolen“ und auf den rückkehrenden Winter einstellen.

Herzpatienten sollten Thomas Aßmann zufolge zumindest über das Wochenende starke körperliche Belastungen vermeiden. „Schonen Sie sich ein bisschen, Sie müssen jetzt nicht gerade einen Marathon laufen“, rät er. Denn der Blutdruck steige bei Kälte leicht an, weil sich die Gefäße verengen. Das kann ein geschwächtes Herz zusätzlich belasten.

In den vergangenen Tagen war der Blutdruck durch das Frühlingswetter gesunken, weil sich die Blutbahnen bei Wärme erweitern und so das Blut weniger Widerstand in den Gefäßen hat. Sobald es dauerhaft kühler ist, müssen Herzpatienten ihre Aktivitäten aber nicht mehr so stark zurückfahren.

Glätteunfälle in ganz Norddeutschland

Norddeutschland wurde von dem Wintereinbruch schwer getroffen, in Niedersachen, Mecklenburg-Vorpommern und Schleswig-Holstein ereigneten sich Hunderte Glätteunfälle. Im Kreis Plön (Schleswig-Holstein) fiel die Schule aus, nachdem die Bundesstraße 76 aufgrund von Schneeverwehungen für den Autoverkehr schwer passierbar geworden war. Es geschahen mehrere Unfälle. Ein LKW, der in einen Graben gerutscht war, sorgte zusätzlich für Behinderungen. Auch in weiteren Landkreisen fiel die Schule aus.

Der Deutsche Wetterdienst hat seine Unwetterwarnung für den Norden inzwischen aufgehoben. Seit Sonntag hat Tief „Yorick“ nach seinen Angaben Schleswig- Holstein eine Schneedecke von 2 Zentimetern an der Westküste und 39 Zentimetern in Lübeck-Blankensee aufgehäuft. In Hamburg-Fuhlsbüttel wurde am Montagmittag eine Schneehöhe von 21 Zentimetern gemessen.

Die BSR ist mit der kompletten Flotte im Einsatz

Die Räumdienste arbeiten daran, die Schneemassen zu beseitigen. Nach Angaben der Pressestelle der Berliner Stadtreinigungsbetriebe (BSR) ist seit Sonnabend die komplette Mannschaft im Winterdienst. Pressesprecher Bernd Müller sagte: „Das sind 480 Fahrzeuge und 2100 Mitarbeiter, die pausenlos dafür sorgen, dass es nicht zum Chaos kommt.“ Selbst mit der geringen Menge der Streumittel, die der BSR gesetzlich zur Verfügung stehe, gelinge es dem Dienst, die Situation unter Kontrolle zu halten.

„Im Hinblick auf die Umwelt setzten wir maximal 25 Gramm Salz pro Quadratmeter ein, das ist etwa ein Teelöffel,“ sagte Müller. Dadurch waren immerhin die Hauptstraßen einigermaßen vom Schnee befreit. In den Nebenstraßen mussten Autofahrer, Radler und Fußgänger allerdings mit Glätte rechnen.

Frühling erst ab dem Wochenende in Sicht

Doch so mancher freut sich auch über den erneuten Wintereinbruch. Die sechs Jahre alte Hanna hat Farbe im Gesicht. Sie sitzt auf einem Schlitten und lacht, während ihr Vater sie auf einen Berg zieht. Bereits seit drei Stunden rodelt die Kleine mit ihren Eltern im Kreuzberger Viktoriapark. „Wir holen jetzt nach, was uns im Winter gefehlt hat“, sagt die Mutter der Sechsjährigen am Sonntag. Hanna fügt hinzu: „Es ist einfach wunderschön!“

Auch die erwachsenen Besucher des Viktoriaparks genießen den Tag. Die 53-jährige Hanna Panak-Jedrzejczak fährt hier Ski. „Ich bekomme Glücksgefühle heute und bin nur dankbar, dass der Winter zumindest für einen Tag zurückgekehrt ist.“ Vor allem freut sich die Kreuzbergerin, dass es Ski-Möglichkeiten gleich vor der Tür gibt.

Denn wegen der niedrigeren Temperaturen um minus 7 Grad in den Nächten und Werten um die Null-Grad-Marke am Dienstag und Mittwoch tagsüber bleibt der Schnee zunächst liegen. Und nicht nur das: Es schneit sogar weiter – wenn auch nicht mehr so viel. Der Himmel über Berlin bleibt in den nächsten Tagen allerdings ziemlich grau, die Wolkendecke ist dicht.

Erst am Mittwoch soll es dann freundlicher werden, und die Niederschläge lassen nach. Es wird dann auch wieder ein wenig milder. „Leichte Plusgrade erwarten wir etwa Mitte der Woche,“ sagte Dieter Hackenthal. „Aber auf die Sonne können wir erst nächsten Samstag hoffen,“ sagte der Experte.

Die könnte dann allerdings den Jahreszeitenwechsel einläuten und dafür sorgen, dass sich der Winter am Ende der Woche tatsächlich langsam aus Berlin verabschiedet. „Es wär doch schön, wenn dann langsam der Frühling kommt“, sagte ein Vater, der seine vierjährige Tochter Melina schon zum x-ten Mal mit dem Schlitten den Hügel im Viktoriapark hochzieht. „Der Schnee ist ja ganz schön, aber im Frühling kann man dann dafür wieder andere Sachen machen. Darauf freuen wir uns auch schon.“

Bis dahin heißt es für die Berliner: die weiße Pracht genießen, vorsichtig fahren und noch einmal die dicke Winterkleidung aus dem Schrank holen.