Tod am Alex

Fall Jonny K. - zweiter Verdächtiger in U-Haft

Die Haftverschonung wurde aufgehoben. Der Hauptverdächtige befindet sich aber nach wie vor in der Türkei. Er will sich in Berlin stellen.

Foto: Adam Berry / dapd

Die Empörung war groß, als ein Haftrichter am Amtsgericht Tiergarten zwei Tatverdächtige im Mordfall Jonny K. wieder freiließ. Für einen der beiden jungen Männer währte die Freiheit allerdings nicht lange. Gegen den 21-jährigen Melih Y. war am Donnerstag zwar Haftbefehl erlassen worden, der Ermittlungsrichter hatte ihm aber zugleich Haftverschonung gewährt. Die Beschwerde der Staatsanwaltschaft dagegen hatte am Montag Erfolg. Die Haftverschonung wurde von einem anderen Ermittlungsrichter widerrufen. Kurz nach Bekanntwerden der Entscheidung stellte sich Y. in Begleitung seines Anwaltes der Polizei und sitzt jetzt in Untersuchungshaft.

Neben Melih Y. hatte sich auch der 19-jährige Mehmet E. gestellt. Gegen ihn wurde gar nicht erst Haftbefehl erlassen, da E. beteuerte, er habe nicht auf Jonny K. sondern „nur“ auf einen seiner Begleiter eingeschlagen. Staatsanwaltschaft und Gericht hielten die Aussage offenbar für glaubhaft. Auf eine Beschwerde gegen die Entscheidung habe die Staatsanwaltschaft nach sorgfältiger Prüfung wegen fehlender Erfolgsaussichten verzichtet, sagte Justizsprecher Martin Steltner am Montag.

Mit Melih Y. sitzt nun der zweite Tatverdächtige in U-Haft. Schon bevor Y. und E. sich der Polizei gestellt hatten, war Osman A. (19) festgenommen worden. Gegen ihn wurde ebenso wie gegen Melih Y. Haftbefehl wegen Körperverletzung mit Todesfolge erlassen. Auch Osman A. hatte behauptet, Jonny K. nicht geschlagen zu haben, sondern die Täter sogar zum Aufhören aufgefordert zu haben. Der Aussage schenkten die Ermittler und der Haftrichter jedoch keinen Glauben.

Verdächtige schieben offenbar Verantwortung ab

Obwohl die Beamten der 1. Mordkommission inzwischen alle Tatbeteiligten namentlich kennen – drei sind noch auf der Flucht –, dürfte sich die Aufklärung der Tat schwieriger gestalten als zunächst vermutet. Denn es scheint sich im Aussageverhalten zumindest einiger Tatverdächtiger ein gewisses Muster abzuzeichnen, die Verantwortung auf die anderen abzuschieben. Dazu passen auch die Behauptungen des bisher wegen der Aussagen der Komplizen als Haupttäter verdächtigten Onur U., die dieser gegenüber der „Bild“-Zeitung gemacht hat. In einem am Montag veröffentlichten Bericht sagt U., er sei zwar bei der Attacke dabei gewesen, habe aber nur „den anderen“ geschlagen. „Von dem, der am Boden lag, habe ich nichts mitbekommen. Ich würde nie einen treten, der am Boden liegt. Das ist eine Frage der Ehre für mich.“

Tina K., die Schwester des zu Tode geprügelten Jonny K., machen diese Sätze ratlos. „Es ist komisch, dass keiner auf Jonny eingeschlagen haben will, mein Bruder aber trotzdem tot ist“, sagte sie zu Morgenpost Online.

Gegenseitige Schuldzuweisungen

Onur U. behauptet laut Bericht weiter, dass sich die anderen abgesprochen hätten und ihm „die Schuld geben, um von sich abzulenken“. In die Türkei sei er nicht geflohen, sondern nur deshalb dorthin gereist, weil sein Vater dort einen Termin wegen eines Grundstücks hatte. „Ich komme nächste Woche nach Deutschland zurück, werde mich meiner Verantwortung stellen“, sagte der 19-Jährige.

Die Staatsanwaltschaft wollte sich zu dem Bericht und zu den Ermittlungen gegen Onur U. nicht äußern. Ob er per internationalem Haftbefehl gesucht wird und bereits ein Auslieferungsantrag gestellt wurde, ist ebenfalls weiter unklar. Der Rechtsanwalt Mirko Röder, der Jonny’s Freund als Nebenkläger vertritt, sagte nur so viel: „Wir freuen uns, dass Onur U. offenbar nach Deutschland zurückkommen und sich stellen will.“ Dies sei auch höchste Zeit. Nun warte man „voller Vertrauen in die Arbeit der Ermittlungsbehörden ab, was der Tatverdächtige dann tatsächlich zu Protokoll gibt“.

Unterdessen forderte Peter Trapp (CDU), Vorsitzender des Innenausschusses, erneut den Warnschussarrest für jugendliche Intensivtäter und solche, die „kurz davor stehen, es zu werden“. Es sei sinnvoll, den Warnschussarrest auch zu verhängen, wenn nur eine Bewährungsstrafe vorliege. „Dann sieht der Täter, was ihm tatsächlich droht, wenn er so weitermacht“, sagte Trapp zu Morgenpost Online. „Der Warnschussarrest ist ein gutes, präventives Mittel, um Jugendliche auf den rechten Weg zu bringen.“

Juristisch vertretbar, menschlich nicht nachvollziehbar

Wie berichtet, war Jonny K. am frühen Morgen des 14. Oktober von sechs Männern angegriffen und durch Schläge und Tritte gegen den Kopf schwer verletzt worden. Der 20-Jährige hatte den Abend mit Freunden in einem Club verbracht. An der Rathausstraße wollten sie ein Taxi rufen, um einen betrunkenen Begleiter sicher nach Hause zu schicken. In dem Moment näherten sich die Täter. Einen Tag später starb Jonny K. in einem Krankenhaus.

Am Sonntag nahmen Angehörige, Freunde und Bekannte in Charlottenburg Abschied von dem 20-Jährigen. Am Nachmittag hatten auch alle Berliner die Möglichkeit, im Haus der Begegnung noch einmal des 20-Jährigen zu gedenken und sich von ihm zu verabschieden. Hunderte Menschen besuchten die Veranstaltung.

Neben der Trauer hat sich in der Öffentlichkeit auch Ärger über die Entscheidung des Ermittlungsrichters ausgebreitet. Dass der Beamte den 21-Jährigen von der Haft verschonte und gegen einen weiteren Begleiter keinen Haftbefehl erließ, stößt auf Unverständnis. „Juristisch ist die Entscheidung vertretbar, aber menschlich und für die Familie nicht nachvollziehbar“, sagte Anwalt Röder, der neben Jonnys Freund auch die kleine Schwester und den Vater von Jonny K. vertritt. Umso erleichterter sei die Familie gewesen, als sie am Montag von der Inhaftierung des 21-Jährigen hörte. Röder: „Die Familie hofft nun auf eine gerechte Strafe.“